Und warum beschäftigte mich das eigentlich so? – Dem wollte ich lieber nicht nachgehen. Aber ich fühlte mich eindeutig verletzt.
Dazu kamen die Bilder aus der Knochenkapelle, die mir nicht mehr aus dem Kopf gingen …
Ich schlüpfte in meine Jeans, schlich mich hinaus – nicht ohne einen langen Blick auf die stille Erdgeschosswohnung zu werfen - und schlurfte schließlich mit Marzias Topf durch die ruhigen Straßen. Wie gestern.
Die Katzen schienen schon zu warten. Sie maunzten aufgeregt, strichen mir um die Beine und machten sich fauchend gegenseitig das Futter streitig, während ich versuchte, allen einen gerechten Anteil an Nahrung und Streicheleinheiten zukommen zu lassen. Die meisten kannte ich bereits. Die Graue maunzte mich wieder von dem Mäuerchen aus an, als wollte sie mit mir sprechen. Ich miaute zurück und musste lachen. Ein Glück, dass mich niemand hörte. Da raschelte es hinter mir in den Zweigen.
Herzstillstand!, dachte ich. Wie lange hat er wohl schon da gestanden? Ich wusste, auch ohne mich umzudrehen, dass es nur er sein konnte. Justin. Und eigentlich war ich gar nicht so überrascht, als hätte ein Teil meines Bewusstseins geahnt, dass er kommen würde, dass er kommen musste . Justin starrte mich finster an und wieder erschrak ich vor der düsteren Intensität seines Blicks. Dann lächelte er sein seltsam schräges Lächeln. „Du fütterst immer noch die Katzen“, stellte er fest. Seine Stimme klang rau. Ich zuckte leicht mit der Schulter und versuchte gleichmütig zu wirken, in dem sicheren Bewusstsein, dass mir das im Leben nicht gelang. „Marzia musste wieder zur Untersuchung.“
Er schwieg einen Moment, dann hoben sich seine Augenbrauen und er blickte mich fast verwundert an. „Du bist gekränkt.“
So viel zur hohen Kunst der Verstellung! Ich rollte genervt die Augen und sammelte die Blechteller ein.
„Warum?“ Er trat aus den Büschen auf die kleine Lichtung heraus.
Wie ein fernes Echo hörte ich die Stimme meiner Großmutter: Ein Mädchen zeigt einem Mann nie seine Gefühle, Selina. Es sei denn, sie wäre eine … eine … Noch nicht einmal das Wort war ihr über die Lippen gekommen. Arme Großmutter Charlotte! Die musste aus einer harten Welt kommen! Es war lächerlich, aber trotzdem gelang es mir nicht, ihre Stimme loszuwerden. „Scheiße!“, sagte ich laut, meiner Meinung nach die einzige Antwort auf so einen Unsinn.
Justin starrte mich verblüfft an, dann grinste er plötzlich. „Jetzt würde ich zu gern wissen, woran du gerade gedacht hast. Ich hoffe, an nichts, was irgendwie mit uns zu tun hat.“
„Oh.“ Ich spürte, wie ich rot wurde. „Verstehst du denn Deutsch?“
„Das eine oder andere.“
„Was ist das andere?“
„Ach, nichts.“ Er blickte zu Seite.
„Du warst gestern ziemlich schnell weg.“
„Ah, deswegen! Das war nicht so gemeint.“ Er schob die Hände in die Taschen seiner Jeans, ließ seinen Blick über die alten Steine und die Katzen wandern. „Das war überhaupt nicht so gemeint“, sagte er noch einmal leiser.
Ich nickte vage und kraulte die Graue, die sich vor mir auf der Mauer ausgestreckt hatte. Sie begann zu schnurren, als hätte ich dabei ihren Motor angeschaltet.
„Ich finde das … gut, dass du die Katzen fütterst.“ Er runzelte die Stirn und nickte bekräftigend. „Ja, echt gut! Ich kenne sonst kein Mädchen, das das macht!“
„Nur alte Frauen“, sagte ich, „Gattaras“, und musste grinsen.
„Ja, nur alte Frauen. Das heißt, nein, das klingt jetzt auch irgendwie komisch. Ich meine …puh!“ Er blies sich eine Strähne aus der Stirn und lachte verlegen. „Die Bilder sind übrigens wirklich gut geworden, richtig mystisch. Die Herrin der Katzen.“
Ich nahm den Korb und stand vor ihm.
„Hast du heute Schule?“
„Ja.“ Ich blickte auf die ersten Sonnenstrahlen, die, gefiltert durch das Laub der Platanen, sein Gesicht modellierten und Schatten unter seine Wangenknochen und seine Augen legten. Ich habe nie einen schöneren Mann gesehen, dachte ich, und plötzlich war sie wieder da, diese atemabschnürende Sehnsucht, die mich traf wie eine Faust. Ich senkte schnell den Blick, wollte nicht, dass er das mitbekam.
„Soll ich den nehmen?“ Er deutete auf meinen Korb.
„Wenn du willst.“
Er nahm mir den Henkel aus der Hand und ich spürte für einen Moment die Wärme seiner Finger, die meine streiften.
„Die gleiche Bar wie gestern?“ Er blickte mich von der Seite an. Ich nickte. Mit einem Mal war alles so einfach. Der Kies knirschte unter unseren Schritten, Sonnenflecken tanzten auf dem trockenen Gras und Spatzen hüpften vor uns über den Weg. Ich fühlte mich leicht wie ein Vogel.
Wir hatten sogar den gleichen Tisch wie am Vortag.
Justins Mutter war Italienerin, sein Vater Amerikaner. Justin war in den Südstaaten aufgewachsen. Er arbeitete jetzt schon ein paar Jahre als Assistent bei Valentina und lebte seitdem auch bei ihr. Sie war sehr nett, er hatte Glück gehabt, sagte Justin und für einen Moment dachte ich, dass er älter sein musste, als er aussah.
Ich erzählte ihm dafür vom Schloss, von meiner Großmutter und wie glücklich ich in Rom war. Dass ich hier das Gefühl hatte dazuzugehören, einen Platz zu haben. Dann blickte ich aus Versehen auf die Uhr und bekam einen Schreck. Ich würde wieder zu spät kommen! Für einen Moment überlegte ich, die Schule für heute überhaupt sausen zu lassen, da sprang Justin auf. Er wirkte schlagartig abwesend, die Vertrautheit, die eben noch zwischen uns gewesen war, schien wie fortgewischt. Er setzte an, etwas zu sagen, zögerte. „Ich muss jetzt wirklich”, murmelte er schließlich. „Ciao, bis dann!“ Bevor die Tür noch ins Schloss gefallen war, war er schon die Straße hinunter verschwunden. Als könnte er gar nicht schnell genug wegkommen.
Ich saß wie betäubt. Was sollte das heißen, bis dann ? Er war extra in den Park gekommen, um mich zu treffen, und jetzt … bis dann . Hatte ich irgendetwas gesagt, das ihn verletzt hatte? Ich ließ unser Gespräch Revue passieren, Wort für Wort. Da war nichts, im Gegenteil, wir hatten gerade noch zusammen gelacht. Das musste ja ein wichtiger Termin sein, zu dem er gerannt war … Aber selbst wenn – wieso war er plötzlich wieder so kühl gewesen?
*
Er: Was tat er nur hier? Nichts wie weg! Er hatte sie bei Sonnenaufgang aus dem Haus schleichen hören. Hatte einfach hinterher gemusst. Der Gedanke, dass da vielleicht wieder einer von denen auf sie wartete … Es hatte ihm keine Ruhe gelassen. Aber warum war er dann zu ihr gegangen? Er hätte doch einfach warten können. Versteckt. Sie hätte es nicht gemerkt, obwohl sie so aufmerksam war. Warum hatte er sich gezeigt? Es war verantwortungslos, was er tat. Er wusste doch, wie das lief. Er war ja auch einer von ihnen. Natürlich nicht von … denen, das war nochmal eine andere Geschichte, und zumindest war er nicht völlig ohne Skrupel, aber trotzdem … Er musste sich von ihr fernhalten. Er konnte ihr das nicht antun. Nicht ihr. Sie … gefiel ihm. Rührte etwas an in ihm. Mit ihr war er ein anderer. Hatte plötzlich so etwas wie … Gefühle. Es war schön, aber auch bedrohlich. Und er hatte nicht die geringste Ahnung, wie sich das auswirken würde. Ob er das Singen dann noch kontrollieren konnte. Und wenn nicht? Was wurde dann aus ihr?
*
Ich stand vor dem Eingang zur Krypta und blickte an der schmucklosen Fassade hoch. Gleich nach dem Unterricht war ich mit der U-Bahn hergefahren. Pino wartete sicher schon, aber ich konnte mich nicht entschließen, hineinzugehen. Ein seltsames Unbehagen hatte sich in mir breitgemacht.
Kein Wunder! So ein schöner Herbsttag, über dem sich ein Himmel wie Seide spannt, dachte ich. Kein Mensch würde so einen Tag gerne in der zugigen Kälte einer Gruft verbringen, zusammen mit Skeletten und grinsenden Totenschädeln! Aber die Arbeit ist doch spannend, versuchte ich mir selbst Mut zu machen. Und du hattest dich so darauf gefreut.
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