Yakayalas Reaktion überrumpelte ihn. Der grüne Trieb schob sich blitzschnell in seinen Mund und teilte Patricks Zunge frischen, köstlichen Geschmack mit. Ehe er verstand, was er tat, hatte Patrick zugebissen. Erschrocken hielt er inne. Der Rest der Ranke blieb vollkommen ruhig, zuckte nicht zurück. Seine Geschmacksknospen genossen herbe Süße und er begann langsam zu kauen. Seine Zähne zertrennten die knackige Schale. Fruchtiger Saft trat aus. Genießerisch zerkaute Patrick den faserigen Stängel, schluckte und stellte überrascht fest, dass er schon nach diesem einen Happen sich gestärkt und gesättigt fühlte.
„Dolle Sache”, murmelte er, während sich Yakayala wieder zusammenzog und um sein Handgelenk schmiegte.
Patrick streichelte seinen lebenden Armreif mit den Fingerspitzen und genoss die Berührung der flaumigen Pflanzenflusen. Eine Weile ließ er zwei Fingerspitzen still auf Yakayala liegen und spürte ein ganz sachtes, regelmäßiges Pulsieren, einem winzigen Herzklopfen gleich.
Wie schön!, beschrieb der einzige Gedanke, der jetzt in seinem Kopf Platz hatte, das Glücksgefühl. Und laut sprach er ihn aus: „Wie schön!”
„Na, das wird sich noch rausstellen”, sagte eine Stimme hinter ihm.
Patrick drehte sich um. Er erwartete nichts als neue Schwierigkeiten und so war er kaum überrascht, als er sich zwei grimmigen Männern gegenübersah, die ihm spitze Waffen, auf deren Namen er im Augenblick nicht kam, entgegenstreckten. Zwerge, erkannte Patricks inzwischen geschulter Blick angesichts der Körpergröße, der Bärte und Helme und eisernen Brustpanzer. Grenzwachen.
Der eine Zwerg maß ihn mit misstrauischem Blick von Kopf bis Fuß. „Was hast du hier zu suchen?”
Patrick überlegte einen Moment. „Ich bin auf der Flucht.”
„Hm. Und was hast du ausgefressen?
„Nichts!”, entrüstete sich Patrick und versuchte möglichst aufrichtig zu klingen. „Grubengnome haben mich gejagt, weil ich mich mit ihrem Herrscher angelegt habe. Dann kam die Baumeisterin aus der Schlucht herauf und …”
Die Zwerge rissen die Augen auf. „Du willst sagen”, forschte der eine, „dass du der Baumeisterin begegnet und noch am Leben bist?”
Patrick nickte.
Die Zwerge schüttelten die Köpfe. „Ausgeschlossen”, sagte der erste.
Der andere Zwerg zog argwöhnisch den Mund schief. „Ich glaube ihm schon die Sache mit den Grubengnomen nicht.”
„Richtig”, führte sein Kollege den Gedanken fort, „denn um den Gnomen zu entkommen, bräuchte man verdammt viel Glück.”
„Tut mir leid, Bursche, deine Geschichte klingt reichlich unglaubwürdig. Denk dir lieber was Besseres aus!”
Die Waffe, die an ihrem unangenehmen Ende in so scheußliche Klingen und Spitzen ausgestaltet war – Hellebarde, das war ihre Bezeichnung, so fiel Patrick wieder ein – zielte genau auf seinen Kehlkopf.
Patrick schluckte. Er beschloss seine Taktik zu ändern.
Leider hatte er nicht die geringste Ahnung, wie.
Der Zwerg stieß die Hellebarde kurz und zackig vor, Patrick fuhr vor Schreck hoch, und deshalb traf die Spitze der Waffe die Mitte seiner Brust. Patrick schloss die Augen und hörte ein leises Klicken. Er machte die Augen wieder auf. Die Klingenspitze hatte seine Haut nicht einmal angeritzt, denn etwas unter seinem Hemd hatte sie abgewehrt. Etwas Hartes.
Der Zwerg zog seine Waffe zurück und guckte argwöhnisch. In Patricks Kopf begann eine Idee Gestalt anzunehmen. Wenn schon einmal jemand darauf hereingefallen war, warum dann nicht diese Trottel?
Und schon zog er die Medaille unter seinem Hemd hervor und hielt sie den Grenzwächtern entgegen. „Erkennt ihr das? Nein? Seid ihr dann wenigstens imstande, es zu sehen, ihr Nichtsnutze? Könnt ihr lesen? Dann lest die Aufschrift und ihr begreift hoffentlich, wen ihr vor euch habt!”
Die Plakette baumelte an ihrer Kette zwischen Patrick und den Zwergen, die sich misstrauisch vorbeugten, die Waffen immer noch im Anschlag.
„Was steht da?”, fragte der eine.
Der andere strengte seine Augen an. „Na… Nanu…brot, Wanzprotz, äh, Wurstpilz von Zwiebel… dings.”
„Hä?”
„Kann’s nicht richtig lesen, das Ding baumelt zu sehr.”
Der andere Zwerg packte die Medaille und hielt sie vor sein Gesicht. Seine Lippen bewegten sich, als er die Inschrift entzifferte.
Dann blickte er Patrick an.
„Oho, Nanobert, Winzprinz von Zwergonien?”
Patrick straffte sich, entschlossen, das Spiel weiterzuspielen. „Allerdings. Seid gewiss, dass eure Strafe nicht zu hart, aber angemessen ausfallen wird. Mein Vati, äh, Papa, also der König wird schon alles in diesem Sinne tun, damit alle zufrieden sind. Nicht wahr?”
Die Grenzwachen betrachteten ihn mit unbewegten Mienen. Das fasste Patrick als Zeichen auf, dass er sie beeindruckt hatte. Daher holte er noch einmal Luft und sagte abschließend: „Damit dürfte die Sache wohl geklärt sein.” Er wandte sich mit zwei, drei energischen Schritten ab, um seine Entschlossenheit zu unterstreichen. Doch kräftige Finger umklammerten sogleich seinen Arm. Patrick drehte den Kopf. Der Zwerg schaute ihn beinahe mitleidig an. „Allerdings”, antwortete er. „Du bist nichts als ein gemeiner Dieb. Gestohlen hast du diese Medaille! Ich habe Prinz Nanobert erst vor einer Woche in der Hauptstadt getroffen. Du hast keinerlei Ähnlichkeit mit ihm.”
Patricks Selbstsicherheit sank kläglich in sich zusammen. „Nein?”, erkundigte er sich. „Nicht mal ein kleines bisschen?”
Die Zwergwachen schüttelten die Köpfe.
Na Mahlzeit, dachte Patrick, also werde ich wieder mal gefangen genommen und abgeführt.
Obeidian stieß die Schlafzimmertür auf und stand eine Sekunde später schnaufend am Bett des Königs. Der Arztzwerg musste so etwas geahnt haben, denn er hatte sich bereits einige Meter entfernt.
Dumpfes, rötliches Licht prägte die Atmosphäre; Fenster und Wände waren mit roten Tüchern verhängt. Über das Bett waren Decken gebreitet worden, allesamt tiefrot. Die Königin stand mit zufriedenem Lächeln neben dem Bett.
Die Bettoberfläche lag glatt, keine Spur des Kranken war zu erkennen.
„Minorität! Ich bin hier, um Euch von den neuesten Entwicklungen zu unterrichten”, redete Obeidian auf die Kissenlandschaft ein.
„Ich bin hier, Obeidian.” Die Stimme erklang hinter Obeidians Rücken und ließ ihn herumwirbeln.
König Zwergulin stand vor einem Spiegel und richtete seine Kleidung.
„Euer Minorität …”, flüsterte der Minimister.
„Eine Herausforderung, ja?” Des Königs Stimme klang fester als erwartet, wenn auch nicht so kräftig wie früher. Zwergulin trug knielange Hosen aus derbem Wildleder, dazu lange Schaftstiefel mit Metallspangen sowie ein lederverstärktes Wams, dessen Verschnürung er soeben vor seinem Oberkörper festzurrte. Sein Gesicht war blass und ernst.
„Eine Herausforderung”, bestätigte Obeidian.
„Und die Gnome ziehen den Belagerungsring vermutlich immer enger, was?”
Obeidian schluckte. „So ist es.”
Zwergulin nickte grimmig. „Na bitte. Genau so eine Situation, wie wir sie mögen, was, Obeidian?”
„Nun …”
Der König streifte feste Handschuhe über. Seine Stimme gewann an Kernigkeit. „Was haben wir nicht schon alles zusammen ausgestanden, hm? Damals, in den guten alten Zeiten! Da haben wir sie alle in die Tasche gesteckt, stimmt’s, mein treuer Obeidian?”
„Gewiss, doch …”
„Und so wird’s auch diesmal sein. Abschirmung, das ist es, worauf es ankommt! Hier hat sie prächtig funktioniert!”
Verwundert drehte Obeidian sich zum Arztzwerg um.
Eifrig erläuterte der Mediziner: „Wie Seine Minorität ganz richtig sagt: Wir schirmen den Raum gegen rote Magie ab. Die Tücher wirken wie Filter; sie lassen bestimmte Komponenten der Magie nicht durch, versteht Ihr?”
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