Hi, Du bist also Pusteblume?
Ja, ich bin das.
Siehst gar nicht so übel aus, Pusteblume.
Du auch nicht, Titan. Ich mach das übrigens zum ersten Mal.
Ja, ja, ich auch. Aja, für mich einen Cappuccino bitte.
Für mich nur ein Mineralwasser, ich bin auf Diät. Hab’ etwas Speck angesetzt am Bauch. Und an den Beinen sieht das nach Cellulite aus, so Dellen. Hoffentlich sind die blauen dicken Adern keine Krampfadern.
Was machst Du eigentlich sonst so? Außer chatten?
Ich jobbe mal hier, mal da. Aber ich möchte schon irgendwann heiraten, Kinder kriegen. Alle meine Freundinnen sind schon verheiratet. Sonst mach ich nichts. Nichts Wichtiges. Mama macht den ganzen fiesen Haushaltskram. Betten beziehen, saugen, putzen. Ich lese auch gerne. „Bild der Frau, Gala, Die Aktuelle“. Mit Königshäusern kenne ich mich aus.
Also, heiraten kommt für mich noch nicht so schnell in Frage. Der Job ist für mich das Wichtigste. Partys, Disco und Koma-Saufen, in der Sonne abhängen und nur PC spielen, alles nix für mich. Wird man nur taub von, oder abhängig und kriegt Hautkrebs. Ich wohne übrigens auch noch bei meiner Mama. Da hab ich’s echt gemütlich.
Aber so ein bisschen Alk muss schon sein, finde ich. Kochen kann ich übrigens perfekt. Mit der Mikrowelle mach ich dir die leckersten Gerichte warm. Oder mal die vielen Tüten-Soßen und dazu Hähnchen. Gibt’s bei unserem Discounter schon gebraten.
Erzähl mal von Deiner letzten Beziehung .
Ich bin Informatiker und leite ein Institut für Software-Entwicklung. Da bleibt mir wenig Zeit für Beziehungen. Mama kocht und wäscht, und ich arbeite und verdiene gut. Deswegen auch die Internet-Suche. Mama meint, wenn sie mal nicht mehr ist, brauche ich wen, der sie ersetzt. Aber bis dahin ... Und wenn Du alles das nicht kannst ...
Oh, ist Dein T-Shirt super. Das war sicher teuer. Und der Blazer erst.
Da kann ich mir nach unserer Hochzeit eine ganz neue Garderobe zulegen. Mama trägt auch gerne so teure Sachen.
Ja, ich trage nur Marken, Diesel, Replay, Calvin Klein, Otto Kern, Hugo Boss ... Ich muss ja schließlich nach was aussehen.
Otto kenn ich, aber die anderen? Was für’n Sternzeichen bist Du eigentlich?
Steinbock. Aber an son Schwachsinn glaub ich nicht. Was hast Du eigentlich für wunderschöne blaue Augen? Hab ich noch nie gesehen, so stahlblau. Echt gut.
Ja, nicht? Die fallen jedem auf. Gibt’s bei Fielmann. Sind so Wegwerf-Linsen, richtig teuer, weil man sie doch immer wieder wegwerfen muss. Aber wenn ich damit meinen Mann für’s Leben finde ... Ich möchte ja so gerne heiraten und viele Kinder kriegen.
Ach ja, im Augenblick läuft bei mir alles schief. Ich war gestern beim Arzt. Hab da so ‘ne unangenehme Unterleibsgeschichte. Pilze glaub ich, jedenfalls schleimig gelb. Hast Du eigentlich mal einen Aids-Test gemacht?
Du, Du, ich muss mal kurz da drüben „Guten Tag“ sagen. Freunde meiner Mutter.
„ Möchte die Dame noch ein Wasser?“
Nein, danke, ich warte mit der Bestellung noch, bis mein Verlobter wieder da ist.
„ Der junge Mann hat sich verabschiedet. Dringende Geschäfte.“
Hat er wenigstens mein Wasser bezahlt?
„ Er hat gar nichts bezahlt. Er sagte, Sie würden das immer erledigen. Ein Wasser, ein Cappuccino, ...das macht sechs Euro fünfzig.“
Kapitel 5 Im Fitness-Center
Fräuleinchen!!! Ich brauche Hilfe.
Ja, bitte?
Ich gehe jetzt in die Bio-Sauna, und wie Sie sehen, habe ich meine rechte Hand eingegipst. Da brauche ich mal Ihre Hilfe.
Eigentlich arbeite ich nur an der Rezeption und vergebe Termine. Im Augenblick ist ziemlich was los.
Ja, leider, das sehe ich. Wenn die Preise etwas höher wären, käme hier auch nicht jeder Hans und Franz.
Halt. Wo wollen Sie denn jetzt hin? Im Wellnessbereich einer Klinik wird einem Kranken doch wohl geholfen werden können!? Aus den Kleidern komme ich selbst. Nur der Büstenhalter wird schwierig. So, den Mantel zuerst, dann rufe ich Sie wieder.
Fräulein!!! Das mit den Kleidern geht doch schneller, wenn Sie mir behilflich sind.
Gut, aber ich habe wenig Zeit.
Wenig Zeit, wenig Zeit. Alles muss heutzutage schnell gehen. Das macht das Leben auch nicht ausgefüllter.
Kommen Sie denn mit der Gipshand in der Sauna überhaupt zurecht ?
Dabei werden Sie mir helfen müssen. Legen Sie mal Ihren Arm um meine Taille und ich mache den Rest. AUA.WAS machen Sie denn? Wollen Sie mich umbringen? Wofür kriegen Sieeigentlich Ihr Geld?
Ich bin weder Physiotherapeutin noch Pflegerin .
Hilfsbedürftigen Menschen zur Hand gehen sollte jedem im Blut liegen. Das muss niemand lernen. Was stehen Sie hier eigentlich noch rum, gute Frau? Sie haben zu arbeiten und es warten doch so viele Leute an der Rezeption auf ihre Termine. Nichts leisten, sich um alles drücken, aber alles haben wollen, das ist es, was die heutige Jugend will. Ich rufe Sie, wenn ich fertig bin. Und nun ab, marsch, marsch!
Kapitel 6 In der Eisdiele
11:17 Uhr
Christian! Komm’ augenblicklich her!!!
Sofort, Christian!!!
WObist Du eigentlich? Du hast hier noch Deine Erdbeermilch stehen. Die musst Du jetzt austrinken.
Komm endlich.
11:19 Uhr
Wo bleibst Du denn, Christian?
Ich habe Dich gebeten, Deine Erdbeermilch auszutrinken.
Wenn Du hier nur Quatsch machst, gehen wir. Christian!
Du sollst doch gehorchen, wenn Mami ruft.
Nun hör doch endlich mit dem Stühle schieben auf und setz Dich zu Mami. Sonst gehen wir.
11:23 Uhr
Chris-ti-an!!!Deine Erdbeermilch.
Wir gehen gleich.
Wenn Du jetzt nicht kommst, sag’ ich Papi, wie böse Du wieder bist.
11:24 Uhr
Jetzt hab ich aber genug. Christian, wir gehen.
Und fernsehen ist diese Woche auch gestrichen.
Rotzlöffel.
Halt, Christian, lauf nicht.
Vorsicht, die Stufen. Stolper nicht.
Mein Gott, Christian, nun warte doch auf Mami.
Guck erst, die Autos. Christian!
Warte. Mami kommt.
WAR-TE.
11:26 Uhr
Ruhe
Hallo, der Fahrstuhl kommt gerade. Kommen Sie, dann brauchen Sie doch die Treppe nicht hoch laufen.
Würd’ ich gern, aber ich kann nicht Fahrstuhl fahren. Wenn die Tür zugeht, krieg ich Todesangst.
Wovor denn? Da passiert doch nichts.
Weiß ich, aber ich kann es nicht.
Haben Sie noch andere Ängste
Ja, ich fürchte mich davor, lebendig begraben zu werden.
Oh Gott! Das stelle ich mir aber auch furchtbar vor. Vor allem, wenn das niemand rechtzeitig merkt. Und was machen Sie dagegen?
Ich lasse mich verbrennen, nach meinem Tod.
Raffiniert.
Ja, oder? Bin auch nicht selbst drauf gekommen.
Sondern?
Meine Tochter!
Hat die auch irgendwelche Ängste?
Ja, aber ich mag’s gar nicht sagen. Klingt etwas merkwürdig.
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