Die beiden Sandholzners sahen sich an, sagten aber kein Wort. Nur mit einem kurzen Kopfnicken bestätigten sie Melanies Vermutungen.
Melanie sah es, reagierte aber nicht darauf und schaute aus dem Fenster. Sie blickte auf die Straße auf die Holztafel des Immobilienunternehmens. Sie drehte sich wieder ihren Gastgebern zu und fragte sie plötzlich: »Warum wollen Sie eigentlich Ihr Haus verkaufen?«
Die beiden Sandholzner stutzten. Es dauerte etwas, bis einer von ihnen die Sprache wieder gefunden hatte. Herr Sandholzner antwortete: »Erstens, weil man uns unseren Umsatz durch diese Entscheidung gewaltig gekürzt hat und zweitens, weil wir der Stadt Freising den Rücken zu drehen wollen. Wir wollen ganz einfach weg von hier.«
»Und das alles wegen dem Freisinger Volksfest?« Melanie sah ihn dabei eindringlich an.
Herr Sandholzner schaute sie finster an.
»Ja! Wir haben uns nichts zu Schulden kommen lassen, haben all die Jahre die Forderungen der Freisinger Brauereien ohne uns zu wehren hingenommen, haben einen guten Service geboten und Produkte aus der Region vertrieben, was man seit diesem Jahr ja wohl nicht mehr sagen kann.«
Alois schüttelte seinen Kopf.
»Wie darf ich das verstehen? Forderungen der Brauereien? Produkte aus der Region?«, fragte er ahnungslos.
»Jedes Jahr müssen wir Bier aus den beiden Freisinger Brauereien ausschenken. Jeder will der Beste sein. Einen lokalen Bierkampf könnte man das auch nennen. Die ersten fünf Tage vom Hofbrauhaus. Die letzten fünf Tage von der Staatsbrauerei Weihenstephan. Und die Maß soll nicht teuer sein, nicht so wie in München auf der Wiesn. Dieses Jahr liegt der Bierpreis in Freising bei 6,30 Euro die Maß. In Dachau sogar noch darunter. Und die Brauereien erhöhen trotzdem jedes Jahr ihre Preise. Da bleibt beim Bier nicht viel hängen.«
»Dann aber beim Essen?«
»Wenn man nicht regional einkauft, ganz sicher.«
»Wie bitte?«
»Na, wenn die Fleisch- und Wurstwaren jetzt aus Polen und der Ukraine kommen, kann man das ja wohl nicht mehr regional nennen.«
»Woher wissen Sie das?«, fragte Melanie sichtlich erstaunt. Sie hatte sich genauso wie ihr Kollege verhalten, es dem Paar nicht anmerken lassen, dass sie diese Information schon längst hatten.
»Wir wissen es einfach. Der Wirth kauft, seit er mit dieser Russin liiert ist, seine Rohstoffe in Osteuropa, zu einem wesentlich günstigeren Preis.«
»Sie meinen die Olga Bogdanow?«
»Ja, diese blonde Russin. Sie hat dem Helmut den Geist verwirrt.«
»Ukraine. Sie stammt aus Kiew. Und das liegt in der Ukraine, nicht in Russland«, korrigierte sie Alois Kreithmeier. Melanie lächelte, als sie das hörte. »Herr Oberlehrer Kreithmeier«, dachte sie.
»Egal«, schimpfte Sandholzner. »Die Kundschaft wird betrogen. Bayerische Schmankerl vom Schwarzen Meer. Das ist doch krank.«
»Aber nicht illegal. Wenn er die Lebensmittelvorschriften einhält, insbesondere die korrekte Bezeichnung und in der Speisekarte die Konservierungsstoffe angibt, ist alles rechtens. Apropos, wo waren Sie beide denn am Dienstagabend, so zwischen 23 Uhr und Mitternacht?«
Frau Sandholzner lachte hysterisch auf. »Sie wollen wissen, wo wir waren. Sie wollen uns doch nicht etwa verdächtigen, den alten Wirth erschlagen zu haben.«
»Frau Sandholzner, es tut mit leid, aber wir müssen jeder Spur nachgehen .....«
» .... und da denken Sie, wir tun so etwas, aus Rache, weil er uns das Zelt weg genommen hat.«
»Warum nicht? Es ist doch eine Möglichkeit. Eine Familie wird finanziell zu Grunde gerichtet. Das ist doch ein einleuchtendes Motiv. Also bitte, wo waren Sie am Dienstagabend, so zwischen 23.00 und 24.00 Uhr?«
Herr Sandholzner lachte: »Sie werden es nicht glauben, wir waren auf dem Volksfest, im Bierzelt, bei Dolce Vita. Letztendlich ist die Band die letzten 10 Jahre bei uns aufgetreten. Und wir wollten mal sehen, wie so alles funktioniert.«
»Und hat es funktioniert?« Alois starrte ihn an.
»Wie man will. Wir haben unserer vietnamesischen Bedienung mit Händen und Füssen erklären müssen, was wir wollen, aber es hat geklappt. Wir haben ein bisschen warten müssen. Die Maß war nicht voll eingeschenkt und das Hendl mittlerweile kalt. Aber bei den Massen an Leuten. Wir waren zufrieden. Wir waren ja nur Gäste. Kein Stress. Nur Unterhaltung. Und Dolce Vita war wie immer erste Sahne. Echte Profis, die Jungs.«
»Und danach haben sie dem neuen Gastwirt ganz zufällig mal kurz den Schädel gespalten«, fügte Kreithmeier schmunzelnd hinzu.
Herr Sandholzner sprang auf: »Jetzt vergreifen Sie sich aber im Ton, Herr Kommissar. Es ist wohl besser, Sie beide gehen jetzt. Wenn Sie noch weitere Fragen haben, wenden Sie sich bitte an unseren Rechtsanwalt. Herrn Netzer. In der Weizengasse.«
»Tut mir leid, wenn Sie sich auf den Schlips getreten fühlen«, wollte Alois beschwichtigen, »doch es gibt auch ein altes Sprichwort: getroffene Hunde bellen. Und Sie bellen gerade. Und zwar richtig laut. Wir gehen jetzt, aber es ist durchaus möglich, wir kommen wieder. Und Sie überlegen sich, wer Sie beide in der besagten Zeit alles zusammen gesehen hat. Zeugen könnten Ihr Alibi bestätigen. Im Moment haben Sie sich für mich nur wenige Meter vom Tatort entfernt aufgehalten. Und das ist ein Grund, Sie weiter zu verdächtigen. Komm Melanie, gehen wir. Auf Wiedersehen.«
»Hoffentlich nicht«, feixte Frau Sandholzner hinter ihnen her.
Alois und Melanie setzten sich in den BMW. Sie blieben schweigend sitzen, denn Alois machte keine Anstalten den Wagen zu starten und wegzufahren. Plötzlich öffnete sich die Haustür und das Ehepaar Sandholzner erschien. Sie sprangen hastig in einen Audi A6 Avant, der vor dem Haus parkte und fuhren davon.
»Willst du denn denen nicht hinterher fahren, Alois«, fragte Melanie und deutete mit dem Arm auf den sich entfernenden Kombi.
»Nein, das will ich nicht. Außerdem weiß ich sowieso, wo sie hinwollen.«
»Du weißt es?«, fragte sie ungläubig.
»Ja! Ich glaube, sie fahren zum Rechtsanwalt. Der Netzer ist ihr Anwalt und zugleich der vom toten Wirth. Du weißt schon, das Testament liegt bei ihm. Schon recht eigenartig. Kann es da nicht einen Interessenkonflikt geben?«
»Ich weiß nicht. Bis jetzt wohl nicht. Nur die Reaktion der beiden war etwas verwunderlich. Sie haben meiner Meinung nach überreagiert«, sagte Melanie.
Alois startete den Motor und fragte: »Und was schließt du daraus, Melanie?«
»Sie hätten allen Grund sich am Wirth zu rächen. Er hat ihnen ihre Existenz geraubt. Ich denke, sie sind pleite. Sie haben den Zuschlag nicht bekommen. Und der Wirth macht mit seinem niedrigen Wareneinstand und den Billigkräften den großen Reibach. Und niemanden stört das weiter. Vor allen Dingen nicht die Stadt Freising.«
Alois fuhr los. »Ja, das ist die freie Marktwirtschaft, das Gegenteil zur Planwirtschaft zu DDR Zeiten. Das ist halt so. Kostenoptimierung, Einkaufssensibilisierung und modernes Personalmanagement.«
»Hahaha! Hast du mal einen Kurs über Betriebswirtschaft gemacht, oder woher hast du diese schlauen Sprüche«, fragte Melanie ihren Kollegen bissig.
»Ich weiß, das sind alles Themen, über die ihr euch in der DDR keine Sorgen gemacht habt. Jeder hatte einen Job, ein Einkommen und ein Dach über dem Kopf.«
»Und nicht zu vergessen einen Kindergartenplatz. Du hast doch keine Ahnung, was da drüben abgegangen ist. Und es war nicht alles schlecht, Alois, überhaupt nicht.« Sie machte eine kurze Pause, sah ihren Kollegen eindringlich von der Seite an. »Wo fährst du eigentlich hin?«
»Durch die Weizengasse, wollte nur mal kurz sehen, ob ich Recht hatte mit meiner Vorahnung. Da vorne ist die Kanzlei. Wenn die Sandholzners hier her sind, müssten sie ihren Wagen im Parkhaus der Sparkasse abgestellt haben. Ich warte hier, schau mal schnell.«
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