Terent verließ das Zimmer und Albin ging zu Fabestos großem Arbeitstisch hinüber, der mit Papieren überhäuft war. Ansonsten gab es nur ein paar harte Stühle und Regale mit Büchern und Schriftrollen an den Wänden. Keine Teppiche oder Wandbehänge und nur einen einzelnen Kerzenständer auf dem Tisch um das Lesen bei Dunkelheit zu erleichtern. Der Kamin war kalt und sauber geschrubbt. Fabesto war ein Krieger durch und durch und auch in fortgeschrittenem Alter gestattete er sich keinen Luxus. Für Albin war er ein wichtiger Vertrauter, denn er hatte Einfluss im Kronrat und war gleichzeitig ein bedingungslos loyaler Gefolgsmann von König Bairtlímead und seiner Tochter. Außerdem mochte er Albin und nahm seine Meinung ernst. Fabesto würde den Kronrat irgendwann verlassen und bis dahin wollte Albin noch möglichst viel von ihm lernen. Auch wenn Fabesto zu jenen erbitterten Feinden der Magie gehörte, die Albin eigentlich für dumm und engstirnig hielt - seine Weitsicht und Vernunft bewunderte er sehr.
Nachdem Skarphedinn geschlagen und die wieder auferstandene Magiergilde vernichtet worden war, hatte sich der Hass der Westländer auf Magie und alles, was damit zusammen hing, noch vertieft. Viele junge Menschen waren bereit gewesen, sich ihre eigene Meinung über Magie zu bilden. Doch nun hatten auch jene, die den Nordlandkrieg nicht erlebt hatten, eine schmerzhafte Erfahrung gemacht. Ein Magier hatte ihren Prinzen vernichtet und das nur aus purer Bosheit. Tychon wäre sehr traurig darüber gewesen, denn sein Ziel war es, die guten Seiten der Magie zum Wohle Westlands zu nutzen. Als König hätte er viele Dinge im Land verändert. Doch auf Amileehna würden genug andere Probleme zukommen, wenn sie einst den Thron bestieg.
„ Was gibt es, Albin?“ fragte Fabesto und wies auf einen Stuhl. Albin setzte sich auf die Kante.
„ Gestern habe ich eine Versammlung von Händlern unten in der Stadt besucht“, begann er. „Sie sprachen über ihre Probleme mit den Südländern. Bisher waren es nur die Seeräuber, die ihnen zu schaffen gemacht haben, weil sie die gesamte Seeroute zwischen Westland und Samatuska kontrollieren. Doch nun scheinen auch die Karawansereien, die Waren durch die Öde Ebene bringen, Schwierigkeiten zu machen. Die Händler sehen es als Schikane an, dass sie so hohe Schutzgebühren zahlen und lächerliche Auflagen erfüllen müssen. Viele Warenlieferungen geraten ins Stocken, die Händler verlieren Unsummen. Die Stimmung war ziemlich hitzig. Du weißt, wie Kaufleute sind, wenn sie den Inhalt ihrer Börsen in Gefahr sehen. Aber ich glaube, es steckt mehr dahinter. Die Südländer haben immer von dem Handel mit uns profitiert. Was für Gründe sollten sie haben, dieses Verhältnis derart zu strapazieren? Sie wollen doch auch nur Geld verdienen. Irgendwas ist da faul.“
Nachdenklich begann er, sein Kinn zu kneten. Fabesto hatte ihm aufmerksam zugehört. Nun beugte er sich über den Tisch und wühlte in seinen Papieren.
„ Das ist in der Tat eine interessante Neuigkeit“, murmelte er. „Denn es passt genau zu einem Brief, den ich erhalten habe. Von Kristap.“
Albin horchte auf. Also hatte ihn sein Gefühl nicht getrogen. Wenn Kristap Toleyan, der westländische Botschafter in Samatuska Fabesto einen Brief schrieb, hatte das etwas zu bedeuten.
„ Hier ist er!“ Fabesto zog einen schmutzigen Bogen hervor, dem man die lange Reise aus dem Süden deutlich ansah. Er reichte Albin den Brief und dieser überflog die unordentlich geschriebenen Zeilen. Was er las, war beunruhigend. Kristap berichtete davon, dass Fürst Futush, der exzentrische Herrscher des benachbarten Südlandes, es scheinbar zur Mode hatte werden lassen, die Westländer - und damit auch die importierten Produkte - als minderwertig anzusehen. Im ganzen Südland breite sich eine feindliche Stimmung aus und Geschichten darüber waren im Umlauf, wie respektlos sich Tychon und Amileehna bei ihrem Besuch damals verhalten hätten. Eine glatte Lüge, denn Albin hatte selbst gesehen, wie tadellos die beiden das Protokoll befolgt hatten. Doch er erinnerte sich auch daran, wie Tychon den Fürsten angriff, weil dieser sich von den Magiern wie eine Marionette steuern ließ. Und schließlich hatten Bosco und Rheys auch noch Jessy entführt, die Futush gerne für sich behalten hätte. Konnte es sein, dass er deshalb noch immer grollte? Oder steckte etwas anderes dahinter?
„ Besorgniserregend“, murmelte Fabesto. Er stand sehr aufrecht und hatte die kräftigen Arme vor der Brust verschränkt. Albin wusste, dass er seine Gedankengänge nicht darlegen musste, weil Fabesto längst die selben Ideen gehabt hatte.
„ Sollte der König nicht davon erfahren?“ fragte er nun.
„ Der König hat alle politischen Beziehungen zum Südland abgebrochen“, erklärte Fabesto. „Immerhin ist es eine schreckliche Kränkung, dass Futush damals befohlen hat, Tychon in seinem eigenen Haus ermorden zu lassen. Ob es nun sein eigener Wille war, oder der von jemand anderem, spielt keine Rolle. Der König kann und darf so eine Beleidigung nicht vergessen - auch wenn der Prinz tot ist. Kristap sollte schon vor Monaten nach Ovesta zurückkehren und sein Haus und seinen Posten dort aufgeben. Aber er ist der Meinung, dass es wichtig ist, Samatuska weiter im Auge zu behalten. Und damit hat er offenbar völlig recht. Ich werde mit dem König sprechen. Aber wenn es stimmt, was du beobachtet hast, werden die Kaufleute selbst bald bei ihm vorsprechen.“
Albin nickte. Er war froh, dass Fabesto bereit war, sofort zu handeln.
„ Sobald ich weiß, wann ich ihn sprechen kann, lasse ich es dich wissen“, fuhr Fabesto fort. „Du solltest mitkommen und ihm selbst berichten, was du denkst.“
Albin zog die Schultern hoch, eine instinktive Geste der Abwehr, die er wohl niemals ablegen würde.
„ Ich weiß nicht“, murmelte er. „Der König wird sicher nicht hören wollen, was ich zu sagen habe. Ich bin immerhin in Ungnade.“
„ Blödsinn“, fuhr Fabesto ihn an. „Hör auf damit, dein Licht unter den Scheffel zu stellen, Albin. Das Schicksal hat dir übel mitgespielt, aber jeder weiß, dass du ein hervorragender Kronrat geworden wärst. Und du bist nicht in Ungnade, der König hat dir verziehen und dich am Hof willkommen geheißen.“
„ Trotzdem. Es ist mir lieber, ich falle niemandem besonders auf. Für meine Nachforschungen ist das von Vorteil.“
Fabesto seufzte. „Na gut, wenn du meinst. Dann werde ich nicht erwähnen, dass du mein Informant bist. Aber wenn du noch ein bisschen weiter wächst, wird es schwer sein, nicht aufzufallen. Übst du dich noch im Schwertkampf?“
„ Fast jeden Tag“, antwortete Albin stolz. Fabesto nickte anerkennend. „Das sieht man. Du bist kräftiger geworden. Vielleicht sollte ich Rheys vorschlagen, dich in die Garde aufzunehmen.“
Albin grinste. „Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.“
„ Ich auch nicht“, antwortete Fabesto und lächelte. „Wie macht sich Jessy? Ich komme kaum dazu, dieses elende Zimmer zu verlassen und höre nicht, wie es unten zugeht. Haben die Wölfe sie schon zum Aufgeben gebracht?“
„ Nein, sie macht es wirklich gut“, sagte Albin schnell. „Sie wird bestimmt nicht aufgeben.“
„ Das hätte ich auch nicht von ihr erwartet.“
Arro tänzelte ein wenig zur Seite und schnaubte erregt. Albin strich ihm mit der flachen Hand über den schweißbedeckten Hals.
„ Ganz ruhig, Junge“, murmelte er und beobachtete, wie die schwarzen Ohren beim Klang seiner Stimme zuckten. „Wir sind die nächsten.“
Zusammen mit etwa zehn anderen jungen Reitern wartete Albin darauf, sich endlich an der hölzernen Attrappe versuchen zu dürfen, die Bosco für sie auf dem Übungsplatz aufgestellt hatte.
Читать дальше