„Also doch ein Feigling!“ murmelte Samo und war mit einem Satz beim Tisch der Goten.
Ein anderer Gote hatte ebenfalls einen Dolch gezogen, aber bevor er ihn gegen Samo richten konnte, lag seine Hand – abgehackt von Samos Streitaxt – an der hinteren Wand.
Die beiden anderen Goten zogen ihre Schwerter und griffen Samo gemeinsam an, doch dieser wich geschickt aus und konnte dem Ersten einen Schlag gegen das Brustbein beibringen, so dass dieser zusammenbrach, Blut ausspieh und mit weit aufgerissenen Augen zu Boden sank.
Nun drang auch Alberich mit seiner Axt auf Samo ein, aber dieser parierte seine Schläge und setzte seinerseits Alberich zu, dass sich dieser in einer Ecke zurückgedrängt sah.
Samo wollte gerade gegen den Kopf Alberichs schlagen, als dessen letzter Gefährte auf Samo eindrang und ihm einen Stich gegen den Rücken setzte.
Aber die Klinge konnte den Schuppenpanzer Samos nicht durchdringen. Während Samo den Schwung seines Schlages nun gegen den Angreifer richtete und diesem den Schädel spaltete.
Diesen Moment nutzte Alberich und rettete sich durchs Fenster ins Freie.
Samo bemerkte das und sprang ebenfalls durch das Fenster, das wegen der kalten Jahreszeit mit einem Fell verhängt war.
Draußen war es bereits dunkel und es hatte wieder zu schneien begonnen.
Samo wusste nicht wohin Alberich geflohen war, aber eine fliegende Streitaxt, die knapp neben dem Fenster an die Wand prallte verriet ihm die Richtung.
„Alberich! Stell Dich wie ein Mann, Du kannst mir nicht entkommen. Ich bringe Dir sogar Deine Waffe mit!“ rief Samo, holte tatsächlich die Streitaxt Alberichs und lief in die Richtung aus der die Axt geflogen war.
Auf der Mitte der Straße stand Alberich und nicht nur seine Augen verrieten seine Angst. An seinem Bein war er nass und diese Nässe dampfte noch, so dass sie nicht vom Schnee kommen konnte.
Samo trat ihn mit den beiden Äxten entgegen. Legte die Axt Alberichs auf den Boden und schob sie ihm mit dem Fuß zu.
„Mach einmal in Deinem Leben einen ehrlichen Kampf, Alberich, besonders da dies Dein letzter sein wird“, sprach Samo ruhig.
Alberich bückte sich nach der Axt, hob sie und ging in Lauerstellung.
Samo hielt seine Axt kampfbereit in beiden Händen vor dem Körper, so dass er einen Schlag – aus welcher Richtung auch immer – sofort abwehren konnte.
Alberich ging auf Samo zu, fing an ihn zu umkreisen. Samo hingegen blieb stehen, Alberich ständig beobachtend.
Der Gote meinte, nun eine Lücke gefunden zu haben und rannte auf Samo los. Doch dieser drehte seinen Oberkörper zur Seite, stellte dem Goten ein Bein und der Gote landete im Schnee.
Samo veränderte seine Position leicht, wartete bis Alberich sich wieder aufgerappelt hatte und erwartete geduldig den nächsten Angriff seines Gegners.
Der war mittlerweile so wütend und zornig, dass er sofort auf den Franken los sprang um ihm den Schädel zu spalten. Laut schrie er: „Das ist Dein….“
Zum „Ende“ kam er nicht mehr, denn die Wucht des Angriffs hatte Samo genutzt, um ihn wieder ins Leere laufen zu lassen.
Diesmal jedoch schlug er mit seiner Axt auf den Nacken seines Gegners und trennte dessen Kopf vom Rumpf, so dass dieser ein paar Meter entfernt liegen blieb.
Samo lies die Axt herab sinken, fiel auf die Knie und begann zu weinen.
Die Rache, die er am Grab seiner geliebten Frau Adelgunde und seines Sohnes Ingvar geschworen hatte, war vollbracht.
Doch der Schuldige hatte eigentlich zu wenig gelitten.
Samo arbeitete in der Schmiede seines Schwagers Kunobald an seinen Waffen, insbesondere die große Streitaxt, mit der er vor zwei Wochen Alberich und zwei seiner Spießgesellen getötet hatte, brauchte eine neue Griffwicklung. Die anderen Waffen hatte er bereits durchgesehen, aber hier musste nichts repariert werden.
Vor etwas mehr als zwei Jahren, war er noch nicht so sorgsam mit seinen Waffen umgegangen, aber der Überfall Alberichs und der Tod seiner Familie hatte aus ihm einen anderen Menschen gemacht.
Als Adelgunde, seine Frau und Ingvar, sein Sohn noch lebten, gab es für ihn nichts Schöneres als bei ihnen zu sein, auch wenn ihm das Geschrei seines kleinen Jungen manchmal den Verstand raubte.
Aber der gewaltsame Tod seiner Liebsten hatte Vieles verändert.
Keinem Händel ging er mehr aus dem Weg, was aber zu seinem eigenen Bedauern bisher immer darauf hinausgelaufen war, dass er als Sieger daraus hervorging. Er suchte schon fast den Tod, aber der wollte ihn noch nicht bei sich haben.
„Als ob ich noch etwas Besseres vor mir hätte, als das Sterben!“ Dachte er manchmal bei sich und Leere hatte sich in seinem Herzen breit gemacht.
Also zog er durch die Lande, auf der Suche nach irgendwelchen Verbrechern, um ihnen den Garaus zu machen. Immer in dem Bewusstsein, dass es jederzeit auch ihn selbst treffen könnte.
Als er vor etwas mehr als einem Monat die Spur von Alberich wieder aufgenommen hatte, war er auf dieser Fährte geblieben, um ihn dann in Laurins Schänke zu erwarten.
Alberich musste irgendwo bei den Wenden oder Awaren gewesen sein, sonst hätte er ihn schon eher stellen können.
Aber vielleicht war es auch gut so, denn mittlerweile waren seine Sinne und Reaktionen geübt und ausgerechnet Alberich wollte er nicht das Vergnügen gönnen, dass er auch ihm zum Opfer gefallen wäre.
Nachdem nun seine eigene Rache vollendet war, kehrte er in sein altes Zuhause zurück.
Das Warenlager war wiederaufgebaut worden. Sigubert, sein Schwiegervater und Kunobald, sein Schwager, kümmerten sich um die Geschäfte, die sehr gut liefen und ihnen ein gutes Auskommen ermöglichten.
Samos Anteile an den Gewinnen waren so groß, dass auch er sich keine Gedanken über Geld zu machen brauchte. Im Gegenteil, er hatte sich die besten Waffen herstellen lassen können und ein gutes Streitroß zierte seinen Stall.
Samo selbst war das einzige Kind einer viel zu kurzen Ehe, zwischen einem fränkischen Kaufmann namens Balduin und einem jüdischen Mädchen namens Rebecca gewesen.
Das Mädchen, seine Mutter, war bei der Geburt gestorben und sein Vater war von einer Handelsreise auf der Bernsteinstraße 6nicht mehr zurückgekehrt.
So war er elternlos bei Balduins Nachbar Sigubert und dessen Familie aufgewachsen, von dem er das Kaufmannsgewerbe übernommen hatte.
Und Sigubert freute sich schon darauf, dass sein Schwieger- und Ziehsohn wieder als Kaufmann tätig wurde, denn Sigubert wollte sich langsam, aber sicher, zur Ruhe setzen und sein Sohn Kunobald hatte bereits jetzt viel zu viel, zu tun.
Aber für Samo waren diese Zeiten mittlerweile endgültig vorbei. Er wollte noch ein paar Wochen hier bleiben und spätestens, wenn das Wetter wieder besser wurde, aufbrechen. Immer der Nase nach, egal wohin das Schicksal ihn trieb. Die Leere in seinem Herzen würde nur noch größer werden, wenn er weiterhin hier, wo seine Liebsten ihr Ende gefunden hatten, bleiben würde.
Das wusste er genau.
An Waffen verfügte er über eine kurzstielige Franziska 7, mit der er noch nie sein Ziel verfehlt hatte, einem langen Sax 8, mehrere Dolche und eben die schwere, große Streitaxt mit den zwei Blättern, die nicht – wie sonst üblich – über einen Holzstiel verfügte, sondern vom Griff an, vollständig durchgeschmiedet worden war.
Nur der Griff war mit Lederschnüren umwickelt, die er nun erneuerte.
Als er die zwei Ellen 9lange Axt prüfend im Arm wog, ließ ihn das Geräusch von mehreren Reitern aufhorchen, die vor der Türe ankamen.
Ein Mann trat unaufgefordert durch die Türe der Schmiede ein. Der Kleidung nach war er ein Vasall von König Chlothar. Für einen Moment blieben die Augen des Mannes an den langen Haaren Samos hängen.
„Seid Ihr der, den man Samo nennt?“ fragte der Mann barsch.
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