Als nach einiger Zeit seine Wut nachließ und er wieder klarer bei Verstand war, legte er die Beine seiner schönen Frau parallel zueinander, faltete ihre Hände vor der Brust in christlicher Weise und ordnete ihr Gewand so, dass keine Blöße ihres geschundenen Körpers zu sehen war. Dann wickelte er seine Frau in ihren Mantel ein, damit sie nicht frieren würde und bedeckte ihr Gesicht mit einem Leinentuch, das er der Wiege Ingvars entnahm, nachdem er sie auf die Stirn geküsst und eine Locke ihres Haares abgeschnitten hatte.
Anschließend ging er nach draußen und bettete den kleinen Ingvar neben seine Mutter, nachdem er auch dessen toten Körper anständig bekleidet und auch ihm eine Locke abgeschnitten hatte.
Dann bedeckte er das gesamte Bett mit einem Laken aus groben Stoff.
Die abgeschnittenen Haare füllte er in ein kleines Säckchen, das er immer bei sich tragen würde, als Erinnerung an seine ermordete Familie.
Keine Träne rann über Samos Wangen, als er sein Haus verließ – weinen konnte er nicht mehr und von nun an bestimmte nur noch Hass auf den Mörder sein Handeln.
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Der Brand des Warenlagers war schnell gelöscht worden, so dass das Feuer nicht allzu großen Schaden hatte anrichten können. Die meisten Waren und Vorräte blieben erhalten, die teureren Weine und Stoffe jedoch fehlten und waren auch nicht dem Feuer zum Opfer gefallen.
Die Kämpfer Samos, die bei den Wagen zurückgeblieben waren, kamen nun mit diesen im Dorf an und sahen eine Menschentraube, die sich um Sigubert – Samos Schwiegervater – gebildet hatte.
Alle wollten wissen was geschehen war. Was Sigubert aber zu berichten hatte, brachte ihr Blut zum Kochen.
Um die Mittagszeit war ein Trupp Goten gekommen, die behaupteten der Bischof von Paris, Céraune habe sie geschickt, die ausstehenden Steuern einzutreiben.
Adelgunde verwies darauf, dass sie Nachricht von ihrem Mann habe, dass er mit mehreren Wagenladungen wertvollsten Tuches in Paris sei, um die Steuern zu bezahlen und dass er voraussichtlich heute ankommen müsste.
Alberich, den Anführer der Goten interessierte das jedoch nicht. Er wies seine Männer an die wertvolleren Gegenstände aus dem Warenhaus zu räumen und es dann anzuzünden, packte Adelgunde an ihren Haaren und zerrte sie ins Haus.
Da die Goten schwer bewaffnet waren und alle Zugänge zu Haus und Hof abriegelten, konnten die Dorfbewohner nur ahnen was nun geschah.
Kurz darauf hörten sie, wie der kleine Ingvar anfing zu schreien, Alberich fluchte und nach einem Geräusch, das an krachendes Holz erinnerte, hörte man kein Kind mehr schreien. Nur noch Adelgunde...
Samo unterbrach mit dumpfer und hasserfüllter Stimme seinen Schwiegervater: „Ingvar lag mit zerbrochenen Gliedern vor dem Fenster. Adelgunde habe ich drinnen gefunden.“
Er wandte sich ab und holte tief Luft, bevor er Sigubert mit ruhigerer Stimme fragte:
„Der Bischof habe sie geschickt, sagten sie?“
Samos Stimme war anzuhören, dass ihr Besitzer mit sich selbst kämpfte.
Siguberts leises, ersticktes „Ja.“ war kaum zu hören.
Samos Züge erstarrten zu Stein, bevor er sich abwandte und sich daran machte vor seinem Haus ein Grab auszuheben.
Benno und Sigubert wollten ihm helfen, aber er lehnte ihre Hilfe ab.
Da der Boden gefroren war, brauchte er für diese Tätigkeit die ganze Nacht und als der Morgen graute, sah man ihn, wie er seine Familie würdig in das frische Grab legte und es wieder mit Erde bedeckte. Ein einfaches Kreuz aus zwei Latten wurde an das Kopfende gesetzt, zum Gedenken an diejenigen, die hier zu finden waren.
Samo dachte in einem kurzen Moment der Ruhe daran, wie er seinen Sohn zuletzt getragen und seine Frau zuletzt geliebt hatte. Er machte sich Vorwürfe, dass er für seine Reise so lange gebraucht hatte und seine Familie nicht hatte beschützen können.
Aber statt in eine hilflose Starre zu verfallen, warf er sich den dicken, dunklen Mantel über die Schultern, bestieg sein Pferd und verließ das Dorf, ohne sich nochmals umzudrehen.
Derjenige, der dieses Verbrechen zu verantworten hatte, würde sich wünschen, nie geboren worden zu sein.
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Céraune, der Erzbischof von Paris, hatte am Morgen nach der längsten Nacht des Jahres, die er betend und fastend in der Kirche verbracht hatte, die Messe gelesen und spazierte in seine Audienzhalle, da es jedem guten Christen der Frankenreiche Neustrien und Burgund an diesem Tage gestattet war, seine Anliegen dem erlauchten Erzbischof direkt vorzutragen, damit dieser sich beim König für die jeweiligen Anliegen einsetzen konnte. Wahrscheinlich ging es – wie meistens – um irgendwelche Nachbarschaftsstreitigkeiten, denen der König wenig Aufmerksamkeit zumessen wollte. Hatte er mit seinen Nachbarn und seinem Adel doch genügend Probleme.
Aber dem Bischof waren die kleinen Sorgen der Leute ein Anliegen und ab und zu hatte er sich auch für die einfacheren Leute einsetzen können.
So war an diesem Tag, nach dem Lichterfest der Heiligen Lucia – wie meistens – der Audienzsaal gut gefüllt.
Er nahm an der Stirnseite Platz und sein Seneschall 2rief die Anwesenden auf, ihre Anliegen nun vorzutragen.
Die ersten beiden Fälle waren kleine Familienstreitigkeiten, die damit gelöst werden konnten, dass sich beide Parteien im Beisein eines Mönches, der als Schlichter fungierte, zusammensetzten und miteinander das Problem aus der Welt schafften – das ging dem König beileibe nichts an.
Dann trat jedoch ein Mann im langen Mantel und mit tief in die Stirn gezogener Gugel vor, der Folgendes sagte:
„Schweres Leid wurde mir in Eurem Namen zugefügt und ich verlange Gerechtigkeit!“
„Was ist Euch geschehen?“
„Goten, die in Euren Diensten stehen, haben mein Weib und Kind erschlagen, mein Haus angezündet und Teile meiner Waren gestohlen.“
Ein Raunen ging durch die Menge.
„Wer seid Ihr, dass Ihr eine derartige Behauptung aufstellt?“ war der Seneschall zu hören. Und die Gesellschaft merkte, dass er sich zurückhalten musste, um nicht auf den Ankläger ein zu prügeln.
Aber der Angesprochene war noch nicht fertig, wurde lauter und schritt auf den Bischof zu.
„Das ist ein Dokument aus Eurer Hand – gerade mal fünf Tage alt – in dem Ihr mir bestätigt, dass meine Steuern für die nächsten vier Jahre beglichen wären.“
Da der Kläger nur noch wenige Schritte vom Bischof entfernt war, wollte ihn ein Wächter zurückdrängen, bekam aber einen solchen Hieb, dass er rückwärts zu Boden fiel und regungslos liegen blieb.
„Ihr wollt wissen wer ich bin?“ wandte er sich an den Seneschall. „Ich bin Samson, genannt Samo und Euer Domus hat mir vor fünf Tagen diese Urkunde ausgestellt.“
Mit diesen Worten zog Samo die Kapuze der Gugel zurück, hielt den Seneschall am Kinn fest und schob ihn gegen die Wand, so dass seine Füße in der Luft schwebten, während er ihm die Urkunde zeigte.
Und zum Bischof gewandt, während sein gesamter Körper nach Vergeltung schrie:
„Haltet Ihr immer so Euer Wort? Als ich vorgestern nach Hause kam, fand ich meinen Hof brennend vor, meiner Frau wurde Gewalt angetan, bevor sie ermordet worden war und mein Sohn lag in seinem Blut vor meiner Haustüre – er hat noch nicht mal richtig laufen können! Mein Schwiegervater erzählte mir, dass der Gote Alberich – der wie ich weiß, in Euren Diensten steht – diese Freveltat begangen hat, weil ich meine Steuern nicht bezahlt hätte! - Nun will ich seinen Kopf! Gebt Ihr ihn mir oder soll ich ihn mir selbst holen?“
Sprach’s und ließ den Seneschall los, der zu Boden sackte und nach Atem rang.
Der Bischof stand gegen Samo auf und erklärte:
„Es tut mir leid, was Euch widerfahren ist, aber glaubt mir, Alberich handelte nicht in meinem Auftrag – im Gegenteil.
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