Ich habe ihn zum Fest des Heiligen Nikolaus aus meinen Diensten entlassen und er schwor, dass er sich rächen würde. Kurz darauf erschlug er meinen Schwager und dessen Familie und plünderte dessen gesamten Besitz!
Nun hat er das auch bei Euch gemacht, da ich Euch freundschaftlich verbunden bin.“
„Das will ich meinen nach der Menge an Tuchen, die ich Euch kostenlos übergeben habe.“
Samos Zornesader pulsierte und verlangte nach Blut:
„Wo finde ich ihn?“ knurrte er.
„Das weiß ich nicht“, dem Bischof schwankte der Boden unter den Füßen und er sank auf die Knie, als wollte er dem Hass ausweichen, der ihm von Samo entgegen schlug; „ich habe keine Nachricht mehr von ihm. Sobald ich etwas höre, werde ich Euch benachrichtigen.“
Die letzten Worte rief er Samo noch hinterher, aber dieser verließ unwirsch, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, den Saal.
Samo würde von nun an sein gesamtes, beträchtliches Vermögen einsetzen, um den Mörder seiner Familie zu stellen und zu töten.
+++
Laurin betrieb eine kleine Schenke mit Herberge an der Grenze zwischen Austrien und Neustrien, an der Straße, die von Paris nach Reims führte. Es war Winter und die Regierung von König Chlothar II ging ins neunte Jahr. Es waren also etwas mehr als zwei Jahre seit dem Tod von Adelgunde und Ingvar vergangen.
In seiner Schenke bekam Laurin allerlei mit, weil auf diesem Handelsweg sehr viele Leute vorbei kamen, aber in letzter Zeit nahm die Anzahl an zwielichtigen Persönlichkeiten wieder zu. Und es wurde gemunkelt, dass es bald wieder Krieg geben würde. Vielleicht diesmal zwischen König Chlothar und seinem Sohn Dagobert.
Warum mussten sich diese Merowinger auch immer über die Thronfolge uneinig sein, insbesondere, wann diese stattzufinden hatte? Ehrliche Leute konnten dabei nie in Ruhe ihren eigenen Geschäften nachgehen.
„Da hinten sitzt auch wieder so eine zwielichtige Gestalt.“ Dachte er sich, aber der Kerl bezahlte bisher seinen Wein, hüllte sich in seinen dunklen Mantel und hatte die Gugel tief ins Gesicht gezogen. Anhand seiner Kleidung konnte man zwar vermuten, dass er ein Krieger war – auf der Rückseite zu schließende Stiefel, die in einem paar langen, ledernen Hosen steckten und eine halblange Tunika, die zum größten Teil von einem dicken Wollfilzmantel verdeckt wurde. Laurin hatte auch so etwas wie einen Schuppenpanzer 3darunter hervor blitzen sehen.
Gesprochen hatte der Fremde bisher nur das Nötigste.
„Von mir aus kann das auch so bleiben.“ Dachte Laurin weiter, wohl wissend, dass das nicht so bleiben würde. Denn in dem Moment flog die Türe auf und vier Goten marschierten herein, setzten sich grußlos an den mittleren Tisch und bestellten den besten Wein.
„Das gibt bestimmt wieder Ärger“ raunte ihm Ludmilla zu. Sie war aus Karantanien 4hierher verschleppt worden und Laurin hatte sie von einem Sklavenhändler günstig erworben. Mittlerweile war sie aber seine rechte und linke Hand gleichzeitig und er behandelte und liebte sie im Grunde wie seine Ehefrau – die er nie gehabt hatte.
„Der Kerl da hinten macht mir auch Kummer“, meinte er „sitzt da, trinkt seinen Wein und lässt sich sonst nichts anmerken.“
„Aber er zahlt und gibt noch Trinkgeld dazu“, widersprach Ludmilla „von mir aus könnten alle Gäste so sein.“
Nahm den Krug mit Wein und stellte ihn den Goten, mit dem nettesten Lächeln zu dem sie imstande war, auf den Tisch.
Die meisten Goten, die in diesem Gebiet unterwegs waren, ließen sich als Söldner mal von neustrischer, mal von austrischer Seite anwerben, je nachdem, wer besser bezahlte. Blieben sonst aber unter sich. Sofern sie nicht in Lohn und Brot bei einem Kriegsherrn oder „major domus“ standen, lebten sie von Überfällen auf schlecht ausgerüstete Reisende.
Diese vier Exemplare waren in der Beziehung nicht anders, wobei einer davon ein ziemliches Großmaul zu sein schien und immer unglaublichere Geschichten erzählte. Gekleidet waren alle drei, der Jahreszeit entsprechend, in Fellkleidung, Schuppenpanzer und einem langen Mantel darüber.
Ihre rohledernen Sturmhauben hatten sie gleich am Anfang auf den Tisch krachen lassen.
Als das Großmaul anfing zu erzählen, dass er vor etwas mehr als zwei Jahren beim Bischof von Paris gedient hatte, setzte sich der Kerl in der hinteren Ecke etwas um, scheinbar wollte er genauer hören, was dieser Mensch da von sich gab.
Er winkte Ludmilla zu sich her und raunte ihr zu:
„Wenn Dir und Deinem Herrn Euer Leben lieb ist, haltet Euch bei dem was jetzt kommt vom Tisch der Goten, den Türen und dem Fenster fern!“
„Ich hab's doch geahnt“, sagte sich Laurin, nachdem Ludmilla ihm die Warnung des Fremden überbracht hatte und ging hinter dem Tresen in Deckung, wo er zu seinem eigenen Schutz ein altes Spatha 5versteckt hatte.
Ludmilla blieb ebenfalls in der Reichweite des Tresens, nachdem außer dem Fremden und den Goten nur zwei einheimische Bauern in der Schenke waren, war das kein Problem.
Als das Großmaul gerade lauthals erzählte, dass er, nach seinem Dienst beim Bischof von Paris den Hof eines Tuch- und Weinhändlers geplündert und dabei „mehrere bestens bewaffnete Krieger“ zu ihren Vätern gesandt hatte, erhob sich der schweigsame Fremde, ruhig aber kraftvoll.
Er umrundete den Tisch und stellte sich genau gegenüber von dem Großmaul auf.
Ruhig fixierte er ihn, bis dieser ihn anblaffte:
„Willst’ was von mir?“
„Möglich. Kann es sein, dass du Alberich heißt und vor etwas mehr als zwei Jahren im Dienst des Bischofs Céraune von Paris gestanden hast?“
Der Fremde stand dabei mit seiner vollen Körpermasse dem Goten gegenüber.
„Ja, aber was geht’s Dich an? Hab’ ich doch gerade erzählt!“
„Der Hof, von dem Du gerade erzählt hast“, antwortete ihm der Fremde mit einer Ruhe, dass es dem Beobachter einen Schauer über den Rücken jagte.
„Lag der Hof im Gau von Senonago?“
„Ja.“ Kam jetzt zögerlicher zurück.
„Wie viele schwerbewaffnete Gegner hattest Du da gleich noch mal?“
„Weiß nicht mehr. Drei, vier?“
„War es nicht nur einfach ein kleines Kind, das noch nicht mal richtig laufen konnte und eine junge Frau? Das Kind hast Du zum Fenster hinausgeworfen, der Frau Gewalt angetan und sie dann umgebracht!“ dabei war der Fremde ziemlich laut geworden, so dass in der Schenke jetzt endgültig alle Augen auf den Tisch in der Mitte gerichtet waren.
Der Gote stand auf.
„Wenn Du schon alles so genau weißt, warum fragst Du dann noch?“ knurrte er und die Kampfeslust brachte die Luft zwischen den Streitenden zu flimmern.
„Ich wollte nur sichergehen, dass ich den Richtigen vor mir habe. Und jetzt schlage ich vor, Du folgst mir nach draußen. Oder soll ich Dich gleich hier festnehmen und hinter meinem Pferd her schleifen?“
„Und weshalb sollte ich Dir wohl folgen wollen?“
„Du könntest Dich Deiner gerechten Strafe stellen! Es war mein Kind und meine Frau, die Du getötet hast – und zwar vollkommen grundlos. Oder kämpfst Du nur gegen Leute, die sich nicht wehren können?“
Dabei ließ der Fremde seinen Mantel fallen und schob die Kapuze seiner Gugel zurück unter der die langen blonden Haare hervor drangen. In seiner Hand lag eine schwere Streitaxt und seinen Oberkörper bedeckte ein stabiler Schuppenpanzer.
Aber in seinen Augen brannte nun der schlimmste Hass, den sich die Goten vorstellen konnten.
„Wer bist Du?“ fragte Alberich nur noch.
„Ich bin Samo und jetzt solltest Du mit mir nach draußen gehen.“
Sprach’s und ging am Tisch vorbei zur Türe hin. Als er sie erreicht hatte, schrie Ludmilla auf und er duckte sich instinktiv, so dass der Dolch, den Alberich nach ihm geworfen hatte, im Holz der Türe stecken blieb.
Читать дальше