Kaltschnäuzigkeit und geschicktes Taktieren privater und öffentlicher Interessen sein angenehmes Ausgedinge sichern zu können und auf alle Werte zu pfeifen.
Es ging letztendlich wie bei allen Künsten um das Freisetzen von Emotionen, und dazu war selbstverständlich auch eine gewisse Spannung von-nöten. Namhafte Theatermediziner wurden hinzugezogen, versuchten sich in ihrer Kunst und diagnostizierten zunehmende Fantasielosigkeit wie auch latente Unsensibilität, regiert von Neid, Angst und Konformismus. Dieses Missverhältnis zwischen Regie und Publikum, zwischen Regieangebot und fehlendem Bühnenzauber führe zur Verminderung der Mikrozirkulation zwischen beiden, wodurch in der Folge funktionelle und strukturelle Veränderungen entstehen könnten, befürchteten sie. Hatte man zunächst versucht, die Bühne vom Müll der Vergangenheit zu säubern, zeigte sich nun durch Kratzen am alten Dreck, dass an manchen Stellen stets bloß die alte Farbe durchkam. In diesen Zeiten wäre obendrein nicht mehr der Inhalt eines Stückes das Wichtigste, sondern die Höhe der Eintrittspreise, quasi als Messlatte für die Qualität entscheidend.
Solche Befunde wurden völlig ignoriert. Innerhalb der Regie prallten sie sowieso ab und endeten in Schweigen und Schulterzucken. Die Zurufe der Nebenregien, Administrationsrelikte glorreicherer Zeiten, waren teilweise derart chaotisch, dass sie durchaus in der Lage gewesen wären, die Hauptbühne lahmzulegen. Oberstes Ziel der Choristen und der Bühnenarbeiter in Haupt- und Nebenbühnen war ausschließlich, dem Hauptregisseur zu gefallen. Theater aber sei nicht nur dazu da, zu unterhalten, sondern hätte eine ernsthafte Aufgabe, nämlich das abzudecken, was andere Bereiche der Bühne nicht erfassen und auszudrücken vermochten, was vorwiegend in Denkprozessen läge, nicht in allgemeinem Gelähmtsein.
Das Wahre wäre gefragt, nicht Regiekunst, codiert, um möglichst viel zu deformieren und zu entstellen. Der Zufall wollte es, dass dieser Entwurf einem gefürchteten Kritiker in die Hände fiel. Nachdem er ihn gelesen hatte, fanden sich tags darauf folgende Zeilen: Obwohl, und dies sei angemerkt, dieser Bericht in der Absicht heitere Volkskunst produzieren zu wollen entstanden ist, muss man berücksichtigen, dass manche Teile daraus zu sehr ins hohe Pathos abzugleiten drohen, was der hehren Absicht äußerst zuwiderläuft. Dennoch kann gesagt werden, dass dieser Befund als Grundlage für ein Libretto zunächst geeignet schien, nicht zuletzt wegen seiner großen Leidenschaftlichkeit wie auch seiner bühnen-haften Schönheit und Spannung. Trotz der deutlichen Akzente könnte die schleppende Langsamkeit des Themas leider die Breitenwirkung enorm mindern. Immerhin ist es jedoch bemerkenswert, mit welcher Grazie die Gefühlsintensität wie auch die Wirkung der rollen-deckenden Besetzung, welche insgesamt stimmig wie auch stimmlich perfekt und mit spürbarer Bühnenpräsenz ausgestattet ist, über die Probleme mit der Artikulation hinwegtäuschen kann. Dabei ist die Darstellung der Akteure insgesamt schlüssig, zwar nicht immer voll Schlichtheit, jedoch durchwachsen von sinnlicher Symbolik, die in ausdrucksvollen Tableaus aus harmonischem Anlass gereicht worden sind, in der Absicht, einen imposanten Eindrucksteppich zu legen.
Man könnte daher der Meinung sein, dass der Kern abendländischer Operettenkultur in Form dieser oder ähnlicher Komplexität und Ausdruckstiefe liegt, läge hier nicht eine latente Tragik zugrunde. Dieser Versuch über ein Libretto entspricht zwar in Parodie und Satire wie in heiteren Gesangpossen, die jederzeit beschwingt zu Schlagern avancieren könnten, in den Anspielungen auf Dialoge den Ansprüchen pittoresker Szenarien, wie sie in der Operette gefordert sind. Geschickt nützt der Autor jede Chance zur Situationskomik, skizziert die Werke spitzbübisch abenteuerlicher Protagonisten treffend, die Operette zu dem machen was sie sein sollte, nämlich Illusionsmedium für ein des Lebens überdrüssig gewordenes Publikum. Niemals aber, und das verehrte Damen und Herren, das ist der springende Punkt, niemals aber darf ein Libretto zu derart tragischer Entwicklung geraten und dadurch zum Zerrbild einer verkommenen Abbildung der Wirklichkeit mutieren, wie es hier in diesem Beispiel vorliegt, um billig einen Zustand widerzuspiegeln, der bestenfalls zu einem Feuilleton des Irreseins taugt, und zu sonst nichts!
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.