Später wandten sich die Musiker Musikstilen zu, die nicht rockmusikalischer Herkunft waren. Elemente der Folklore, des Jazz, der Country Music, des traditionellen Blues und sogar indischer oder indianischer Musik fanden Eingang auf die Schallplatten dieser Zeit. Es erscheint aus heutiger Sicht dadurch nur als eine Frage der Zeit, wann die Rockmusiker auch die artifizielle Musik für sich entdeckten. Die Beatles waren insofern schon sehr daran interessiert, artifizielle Momente zu integrieren, als sie nicht zuletzt durch ihren Produzenten George Martin inspiriert wurden, der vor der Zusammenarbeit mit den Beatles als Kritiker und Produzent für Orchesteraufnahmen tätig war. Im Gefolge der Beatles kamen immer mehr Schallplatten auf dem Markt, die ähnliche Experimente unternahmen. 1967 veröffentlichten The Moody Blues die LP Days of Future passed, ein Concept Album, auf dem der Tagesablauf eines Musikers dargestellt werden sollte. Die Band arbeitete dabei mit dem London Festival Orchestra zusammen und sah damit „den Geltungsbereich der Popmusik erweitert und den Punkt gefunden, an dem sie mit der Welt der Klassiker eins wird“. (18) 1968 erschien die Debüt LP von Ekseption, mit Adaptionen von Bach-, Beethoven- und Mozart-Stücken. In den Jahren bis 1970 herrschte diese Form der Bearbeitung vor. Ab 1970 wurden Alben publiziert, auf denen die Formen der Rock und Blues Tradition immer mehr an Bedeutung verloren und artifizielle Formen sowie damit konnotierte Namen und Titel in den Vordergrund traten. So erschien 1970 das von Jon Lord komponierte Concerto for Group and Orchestra, ein Jahr später die Gemini Suite. Rick Wakeman veröffentlichte 1974 seine Vertonung des Jules Verne Romans Journey to the Center of the Earth, die später sogar als Eislauf Revue aufgeführt wurde. Queen brachten 1975 die LP A Night at the Opera heraus, auf der der Titel Bohemian Rhapsody enthalten war. 1977 erschien Keith Emersons Piano Concerto No. 1 auf der LP Works von Emerson, Lake & Palmer. Dieses Klavierkonzert ist das einzige bekannte Werk, von dem es eine Partitur und Stimmenmaterial gibt. Bis etwa 1980 lassen sich ähnliche Veröffentlichungen auf dem Markt feststellen. Danach sind Produktionen dieser Art nur noch marginal vorhanden.
Der Progressive Rock stellte zu Beginn der siebziger Jahre eine der kommerziell erfolgreichsten Ausprägungen der Rockmusik dar. Zwar versuchten es die Musiker weiter, diesen Stil gewinnbringend zu verfolgen, doch spätestens seit der Revolution des Punk Rock ab 1976/77 nahm das Interesse stetig ab. Kaum eine Band schaffte den Sprung in die achtziger Jahre, und man begegnet manchem Musiker heute nur noch im Rahmen einer Oldie- oder anders retrospektiv orientierten Showveranstaltung wieder.
Zur Zeit erwacht in der Heavy Metal Szene in Amerika und Japan ein gewisses Interesse am Progressive Rock der sechziger und siebziger Jahre. Vertreter dieser Richtung wie Dream Theater oder IQ werden als Neo- oder Retro-Progressive (19) bezeichnet; sie finden aber in dieser Arbeit keine weitere Beachtung.
Die im Anschluß an diese Einleitung folgenden, eingehenderen Untersuchungen des Phänomens Progressive Rock erfolgen in weiteren drei Schritten. Kapitel I richtet das wissenschaftliche Interesse auf Gründe und Motivationen für diese Entwicklung, die für die Musiker der damaligen Zeit ausschlaggebend waren. In Kapitel II wird versucht, eine Typologie verschiedener Formen der Übergriffe des Progressive Rock auf artifizielle Musik nach chronologischen und stilistischen Merkmalen zu erstellen und Analysen einzelner idealtypischer Modelle zu liefern. Kapitel III schließlich geht der Frage der Rezeption nach und die vorhergehenden Ergebnisse werden kritisch reflektiert.
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