Die Tatsache, dass der Ausdruck Progressive Rock von Rockjournalisten und Plattenfirmen benutzt wurde, um einen neuen Stil ohne wirklich festgelegte musikimmantente Kriterien kategorisieren zu können, fügt sich nahtlos in das Bild, das die rockmusikalische Geschichtsschreibung bzw. die entsprechende Sekundärliteratur bietet. Tibor Kneif bemängelt, dass „jede verbindliche Beschreibung von Musik gemieden“ wird und „sachliche Informationen über Musik auch sonst äußerst selten sind“. (6) Dieser Mangel besteht in der Tat in Hinsicht auf Elemente und Methoden der traditionellen Musikwissenschaft. Der Grund dafür liegt aber nicht zwingend in mangelnder Kompetenz der Rockmusiker und deren Rezipienten auf dem Gebiet der Musiktheorie oder Musikgeschichte, sondern eher in einer anderen Gewichtung der Komponenten, die in dieser Musik stilbildend sind und als wichtig angesehen werden. Es ist dabei entscheidend, dass nicht musikalische Phänomene die Hauptrolle spielen, sondern zum großen Teil außermusikalische Elemente wie Kleidung, Maske, Ausstattung, Beleuchtung oder Bühnenbild im Vordergrund stehen. (7)
Legt man, wie dies in früheren Untersuchungen der Fall war (8), die gleichen musikalischen Maßstäbe zur Beurteilung von Rockmusik zugrunde, die auch für die Bewertung von artifizieller Musik angewandt werden, ist von vornherein klar, dass die Rockmusik am Ende als Verlierer dasteht. Es ist also notwendig, Kriterien zu finden, die der grundsätzlichen Konzeption von Rockmusik gerecht werden. Nun soll es aber nicht die Aufgabe dieser Arbeit sein, eine solche generelle Konzeption nachzuweisen und eine adäquate Methodik zu entwerfen. Im Hinblick auf die beschriebene Situation gelänge man vermutlich ohnehin zu dem Schluß, dass sich Rockmusik nicht nur ausschließlich in musikwissenschaftlicher Hinsicht untersuchen läßt und weitere Ergebnisse auch in anderen Disziplinen wie der Psychologie oder Soziologie liefert. (Die oben angedeutete bewußt antagonistische Haltung der Rockmusik gegenüber der artifiziellen Musik und der mit ihr implizierten Musikwissenschaft erhält in dieser Absage gegenüber der wissenschaftlichen Untersuchung noch eine weitere Dimension). Vielmehr wird hier der Versuch unternommen, die musikalischen Ergebnisse des Progressive Rock in der Annäherung an die artifizielle Musik im Hinblick auf die damit gesetzten Ziele zu überprüfen und zu bewerten. Grundlegende Arbeitsmethode bildet dabei, angesichts der musikalischen Situation, in der Materialien der artifiziellen Musik eine wesentliche Rolle spielen, die Methodik und Terminologie der traditionellen Musikwissenschaft, auf die sich im Einzelfall mehr oder weniger stark gestützt wird.
Allerdings muß in diesem Zusammenhang die besondere Problematik der Quellenlage der Rockmusik noch einmal aufgenommen werden, denn einer der gravierendsten Umstände stellt der weitgehende Verzicht auf fixierte Notentexte und Partituren dar. Die beiden Formen, in denen Rockmusik, und somit auch der Progressive Rock, im wesentlichen dargeboten wird, sind Tonträger und das Live-Konzert. Die Ursache dafür ist in der grundlegenden Auffassung der Musiker ihrer Musik gegenüber zu suchen. Rockmusik ist als Ausdruck von Jugendkultur von den drei Faktoren Jugendlichkeit, Vitalität und Provokation geprägt. Dabei ist nicht ein fixierter auskomponierter Notentext das Ziel, sondern das klingende Ergebnis. „Der Erkenntnisfunktion steht die Sinnreizfunktion gegenüber“ (9), wobei ersteres der artifiziellen Musik und letzteres der Rockmusik mit ihrem Aufgebot an sinnreizenden Mitteln zugeordnet ist, die sich, wie erwähnt, nicht auf das musikalische Gebiet beschränken. Die kompositorische Arbeit, soweit man überhaupt davon reden kann, fand und findet bei Rockmusikern zunächst im Kopf und vor allem in der gemeinsamen Spielpraxis statt. Das musikalische Produkt entsteht somit durch eine kollektive improvisatorische Ausarbeitung eines vorgegeben Gedankens.
Dabei kann dieser ursprüngliche Gedanke, sei es eine musikalische Phrase, eine Akkordfolge oder auch eine zu vertonende Textzeile, am Ende eine völlig andere Gestalt haben, als dies vom Initiator zunächst geplant war. (10)
Das Festhalten der musikalischen Gedanken geht, wenn überhaupt, in schriftlicher Form meist nicht über kurze Notizen, quasi Gedächtnisstützen, hinaus; nicht zuletzt, um sich die Möglichkeit einer nachträglichen Veränderung und den Freiraum für Improvisationen nicht zu versperren. Darüber hinaus wird das Ergebnis direkt als Audioaufnahme konserviert, um auch rockmusikalische Eigenheiten wie Klangfarbe (Sound), klangliche Effekte und besondere Interpretationsweisen einzufangen, die in herkömmlicher Notation nicht erfaßbar wären. Dabei entstehen sozusagen klingende Skizzenbücher, anhand derer man den Entstehungsprozeß der Musik nachvollziehen kann. (11)
Als notierter Text ist Rockmusik so gut wie nicht vorhanden, wodurch der herkömmliche Weg der musikwissenschaftlichen Herangehensweise an den zu untersuchenden Gegenstand versperrt ist. Hierin liegt der wesentlichste Unterschied zwischen Rockmusik und artifizieller Musik. Um aus diesem Dilemma herauszukommen, müssen Wege gefunden werden, die zu untersuchende Musik nachträglich etwa durch Transkriptionen, Sonagramme oder schematische Verlaufsgraphiken zu visualisieren. Die Musikindustrie bietet sogenannte Songbooks verschiedener Musiker und Gruppen an, in denen eine Auswahl an Musikstücken notiert wiedergegeben ist. Diese Produkte sind aber mit höchster Vorsicht zu behandeln und aufgrund ihrer eher kommerziellen als informativen Ausrichtung in wissenschaftlicher Hinsicht unbrauchbar. Zunächst wird darin eine Reduzierung der musikalischen Substanz auf ein Minimum vorgenommen, welches dann in Transkriptionen entweder für Klavier oder Gitarre abgedruckt wird. Nun sind aber beide Formen nicht befriedigend. Die Klaviersätze sind derart verkürzt und vereinfacht, dass sie der Musik im Original nicht gerecht werden. Die Versionen für Gitarre enthalten meist nicht mehr als einstimmige Melodiezeilen der Singstimme, die zusätzlich mit graphischen Akkord- bzw. Griffsymbolen unter- oder oberhalb des Notensystems die wichtigsten harmonischen Wechsel anzeigen. Zusätzlich wird dem Notenunkundigen die Notenschrift in einem weiteren System als Tabulatur übersetzt. Auch hier kann von einer schriftlichen Fassung der Musik keine Rede sein. Überdies sind die durch Vereinfachung und Transkription verfremdeten Musikstücke bei der Reproduktion kaum wiederzuerkennen. Rhythmische Verhältnisse wie harmonische und melodische Vorgänge sind nicht eindeutig erfaßt. Die Notation erweist sich als teilweise falsch. Aufschlußreicher sind Partituren von Rocksongs, die seit Mitte der achtziger Jahren in verschiedenen Magazinen (12) veröffentlicht werden. Es handelt sich hierbei um Transkriptionen von musikalisch vorgebildeten Redakteuren, die einen Rockmusiktitel von einem Tonträger abnotieren, bzw. transkribieren. Dabei wird tatsächlich eine Partitur erstellt, in der jedes Instrument seine eigene Stimme erhält.
Ein großes Manko der Notation von Rockmusik ist aber in keiner Weise beseitigt: Die Komponente Sound kann nicht berücksichtigt werden. Man behilft sich mit Auflistungen der Ausstattung des Musikers, des Equipments und einer akribischen Angabe aller Einstellungen sämtlicher Geräte, die von einem Musiker benutzt werden. Ein wirklich befriedigendes Ergebnis bringt aber auch dies nicht, da die wenigsten Käufer dieser Magazine oder Songbooks über die Mittel verfügen, eine solche Anlage anzuschaffen. Auch durch die fortschreitende Entwicklung digitaler Medien und Verarbeitungsmechanismen neu entstandene Art der musikalischen Konservierung MIDI (Musical Instruments Digital Interface) schafft bei diesem Problem keine vollständige Lösung. Mit der Verwendung von Synthesizern und Computern ist es möglich, Musikstücke digital zu rekonstruieren und die so gewonnenen Dateien mithilfe entsprechender Soft- und Hardware wieder zum Klingen zu bringen und auch in traditionelle Notation zu konvertieren. Dadurch kann sowohl der musikalische Verlauf, die Faktur als auch ein dem Original ähnlicher Sound in einem Format gespeichert werden. Nun erscheint es selbstverständlich problematisch, dass diese Dateien in der Mehrzahl von Amateuren angefertigt werden und von den ursprünglichen Autoren nicht autorisiert sind. Vermeintliche musikimmante Intentionen gehen so unter Umständen verloren. Aufgrund der nicht-schriftlichen Konzeption von Rockmusik ist es aber fraglich, ob es überhaupt derartige musikimmanente Intentionen gibt. Ein Anspruch auf Werktreue, die an den Interpreten artifizieller Musik gestellt wird, ist in der Rockmusik nicht gefordert. Insofern verliert die schriftliche Form von Rockmusik weiter an Bedeutung. Da in der Regel der Komponist und Interpret (eingedenk der Tatsache, dass diese Begriffe in der Rockmusik problematisch sind) ein und dieselbe Person sind und somit die Notwendigkeit einer schriftlichen Fixierung für andere Interpreten nicht unterstellt wird, besteht demnach das Problem einer unzureichenden Notation für die Rockmusik nicht. Im Mittelpunkt steht hier das Festhalten der Musik auf Tonträgern, die dadurch als wesentlichstes Quellenmaterial der Rockmusik betrachtet werden müssen. Außerdem wird erkennbar, dass eine schriftliche Fixierung stets im nach hinein vorgenommen wird und bei der Entstehung von Rockmusik keine wesentliche Rolle spielt. Sie erfüllt eher die Funktion eines Abhörprotokolls, in der sich zwangsläufig auch Abhörfehler finden lassen.
Читать дальше