„Aber …, wie kann er auf ihre Rückkehr warten? Beide sind doch tot.“ Laura wusste nicht zu sagen, was von der Geschichte, sie überhaupt glauben sollte. Das Ganze hörte sich doch allzu phantastisch an.
„Und das Haus ist eigentlich eine Brandruine, und dennoch steht es dort. Unverwüstet, und so stolz und erhaben, wie es von Kevin einst erbaut worden ist.“ Emma nahm die Tassen vom Tisch und tauschte sie gegen Gläser aus. Gleich danach stellte sie eine Flasche Limonade auf den Tisch, und für Sam Gingerale.
„Sie, Laura, Sie haben Ähnliches erlitten. Ihr Verlobter, auch er ist umgekommen. Auch er ist, entschuldigen Sie bitte die harten Worte, nicht eines natürlichen Todes gestorben.“
„Sam!“
„Nein, Emma, Sie muss es wissen!“ Sam wandte sich wieder Laura zu. „Auch Sie haben Leid erfahren. Der Geruch des Todes, er ist noch ganz frisch. Er haftet noch an Ihnen. Umweht sie, mit jedem Schritt, den Sie machen. Mit der Zeit wird er verblassen, und irgendwann wird er weg sein, und zurück bleibt die Erinnerung an Franks Tod. Aber heute, Laura, heute ist das noch alles ganz nah. Das Haus, Laura, es kann es riechen. Deshalb haben Sie die Nacht unbeschadet in dem Haus verbracht. Das Haus tut Ihnen nichts, dessen bin ich mir sicher. Sie sind eine Leidensgenossin. Deswegen, Laura, glaube ich auch nicht, dass Sie in dem Haus in Gefahr sein werden. Nicht Sie!“ Sam öffnete die Flasche Gingerale.
„Immer wieder haben Leute in den vergangenen Jahren in das Haus einzudringen, oder es gar zu kaufen versucht. Aber, wenn es Ihnen tatsächlich gelungen ist, das Haus lebend zu verlassen, haben die Meisten danach fluchtartig unser Dorf verlassen, ohne auch nur irgendjemandem von ihren Erlebnissen erzählt zu haben. Und es gab auch Tote. Tote, die morgens erfroren, auch im heißesten Sommer, vor dem Haus lagen. Einige von ihnen sollen sogar Brandspuren gehabt haben. Ich selbst habe das nie gesehen, ich kenne das alles nur aus Erzählungen, denn mit den Jahren hat sich niemand mehr auch nur in die Nähe des Hauses getraut. Nur über eines waren immer alle einer Meinung: Dass das Haus erst mit Erwachen der Nacht, zur tödlichen Gefahr wird.“ Emma schauderte.
„Was leicht zu erklären ist, Emma, denn Mary, auch sie ist nachts gestorben, genauso wie Kevin.“
„Oh, oh. Da bin ich gespannt, ob ich heute Nacht überhaupt schlafen kann. Nach so einer Geschichte. Am besten ich suche mir eine Apotheke. Gibt es eine Apotheke im Dorf? Ich gehe und kaufe mir Schlaftabletten, dass ich die Nacht ungestört durchschlafen kann.“ Laura nahm noch eine von Sams Zigaretten. Irgendwie hatte diese Geschichte, sie nun doch bange gemacht.
„Sie brauchen keine Schlaftabletten. Ich gebe Ihnen einen guten Tee mit. Den machen Sie sich, trinken ihn, gut durchgezogen, noch heiß, danach schlafen sie wie ein Lämmchen. Für Rufus mache ich ihn auch immer. Er kann in Vollmondnächten nämlich sehr schlecht schlafen.“
Laura blieb noch eine weitere Stunde, danach verabschiedete sie sich. Weihnachtsdekor brauchte sie nicht mehr zu besorgen, da Emma ihr versprochen hatte, ihr einige Kleinigkeiten zusammenzupacken, die sie Rufus mittags mitgegeben wollte, wenn er ohnehin Laura besuchen kam.
Mit hochgezogenem Kragen, und Vivaldi an ihrer Seite, lief Laura weiter ins Dorf hinein. Beim Krämer kaufte sie sich einige Lebensmittel für die nächsten Tage, wie auch einen Korb, in dem sie ihren Einkauf verstaute. Auch beim Bäcker machte sie Halt. Kaufte Brot und Gebäck, und für mittags, wenn Rufus käme, einige Kaffeeteilchen, von denen sie glaubte, dass sie dem Jungen schmecken könnten.
11 Das Phantom
„Omi weiß nichts davon, aber die Eltern meines Freundes sagen, dass hier im Haus ein Phantom haust. Hast du das Phantom schon einmal gesehen, Laura?“, fragte Rufus aufgeregt, während er nach einem Zimtteilchen mit Zuckerguss griff.
Laura schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein, ich habe bisher noch kein Phantom gesehen. Aber, Rufus, glaubst du tatsächlich, dass man ein Phantom überhaupt zu Gesicht bekommen kann?“
„Weiß nicht. Muss ich einmal den Oskar fragen, der weiß das vielleicht.“
„Oskar?“
Rufus nickte. „Oskar, das ist mein Freund.“
„Verstehe.“ Laura schenkte Rufus Kakao nach. Ein Phantom, hier, in diesem Haus. Das wird ja immer besser , dachte Laura, der immer noch die Haare zu Berge standen, wenn sie an Emma’ und Sams Erzählungen dachte. Doch sie hatte sich vorgenommen, sich nicht von irgendwelchen Gerüchten Angst machen zu lassen noch, veranlasste es sie dazu, aus dem Haus wieder auszuziehen. Im Gegenteil, vielleicht war es ja genau das, was sie brauchte, um auf andere Gedanken, um über Franks Tod hinwegzukommen.
„Die Kuchenteilchen sind echt lecker.“ Rufus fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, um auch ja nichts von dem Puderzuckerguss zu vergeuden, während Ödipus versuchte, nach seinem Teilchen zu schnappen.
Kurz vor Anbruch der Dunkelheit, klopfte es zaghaft an der Haustür.
„Das ist bestimmt Omi. Sie hat Angst, dass ich im Dunkeln noch hier bin. Ganz bestimmt.“ Rufus sah erwartungsvoll zur Haustür, während Laura ging, um sie zu öffnen. „Emma, das freut mich aber, Sie hier zu sehen. Kommen Sie doch, bitte, herein. Kaffee ist auch schon fertig“, freute Laura sich, Emma wiederzusehen.
Emma stand zögernd vor der Tür, unsicher darüber, was sie tun, wie sich sich verhalten sollte. „Ich weiß nicht …“ Sie blickte hoch zum Himmel. Lange würde es nicht mehr dauern, bis die Dunkelheit über das Dorf hereinbrach.
Laura machte einen Schritt auf Emma zu. „Jetzt scheuen Sie sich doch nicht.“ Auch Laura sah zum Firmament. „Die Vögel sind noch dabei, sich ein Quartier für die Nacht zu suchen“, versuchte sie, Emma zum Eintreten zu überreden, während sie den Vögeln nachblickte. „Es braucht noch eine kleine Weile, bis es dunkel ist.“
„Ja, aber …“ Auf der einen Seite wollte die ältere Frau das Angebot nicht ausschlagen, das wäre Laura gegenüber unhöflich gewesen; dennoch konnte sie sich des unguten Gefühls nicht erwehren, das sie erfasst hatte, gleich in dem Augenblick, als sie die erste Stiege zur Veranda hoch, bestiegen hatte. „Sie wissen doch, Laura, was Sam und ich Ihnen erzählt haben.“ Unschlüssig blickte sie auf ihre Füße hinunter, als müsste sie sie vom Eintreten zurückhalten. „Dass ich Rufus überhaupt erlaubt habe, Sie hier, in diesem Haus, zu besuchen, hat nur damit zu tun, dass ich Sie so gut leiden kann.“ Etwas leiser fügte sie hinzu: „Zumal das Haus erst in der Dunkelheit zur Gefahr wird.“
Laura nahm Emma am Arm und zog sie ins Haus. „Jetzt stellen Sie sich nicht so an, Emma! Ich habe eine ganze Nacht hier verbracht, ohne, dass etwas Merkwürdiges geschehen ist. Was also, soll uns hier passieren? Sehen Sie doch, auch Rufus geht es gut. Uns beiden geht es gut.“
Widerstrebend ließ sich Emma von Laura in die Küche führen. Als sie Ödipus auf Rufus’ Schulter herumkrabbeln sah, schüttelte sie entrüstet den Kopf. „Rufus, wie oft muss ich dir noch sagen, dass deine Ratte zuhause zu bleiben hat, wenn du jemanden besuchen gehst!“
„Aber, Omi, Ödipus tut doch gar niemandem ‘was. Und Laura findet ihn auch ganz toll. Nicht wahr, Laura?“ Hilfe suchend sah er zu Laura.
Laura zog für Emma einen Stuhl zurecht. „Setzen Sie sich doch, Emma.“ Mit einem Blick auf die braunmelierte Ratte, deren rote Augen wie Rubine leuchteten, sagte sie lächelnd: „Mich stört Ödipus nicht, auch wenn es das erste Mal ist, dass eine Ratte mir so nahe gekommen ist.“ Sie hob den Arm an Rufus’ Schulter und bereits im nächsten Moment krallte sich die Ratte an Lauras Arm fest und krabbelte hinauf auf ihre Schulter.
Skeptisch verfolgte Emma das Schauspiel. „Wirklich, es macht Ihnen nichts aus?“ Sie schüttelte den Kopf. „Die Meisten ekeln sich vor der Ratte. Schon alleine ihrer roten Augen wegen.“
Читать дальше