Etwas anderes bewegte sie nämlich sehr viel mehr: der Bericht. Er wies, bei aller Beflissenheit, Spuren auf, die sie zur Verzweiflung trieben. Alle beide, Storm wie Drang, waren praktisch unfähig in Rechtschrift. Der kurze Text war so voller Fehler, dass er kaum als Beweismaterial taugte.
Sie wusste inzwischen: die beiden konnten eigentlich nichts dafür, doch Trost war das keiner. Storm wie Drang waren ganz gewöhnlich begabte Menschen, doch hatten sie beide im Zeitalter der automatischen Textkorrektur auf Computern und Mobilgeräten einfach nie schreiben gelernt.
Das kam nun gnadenlos heraus. Die Polizei hatte zwar inzwischen auch nicht mehr die mechanischen Reiseschreibmaschinen, auf denen Greta jahrelang Verbrechen und Ordnungswidrigkeiten protokolliert hatte, sondern ein zentrales Computersystem, aber das hatte keine automatische Rechtschriftkorrektur, was bei alle anderen Geräten längst Standard war. Aus einem einfachen Grund: Das Risiko, dass das System sich selbst seinen Text ausdachte, war einfach viel zu groß und ein Spezialsystem für die Polizei wollte kein Hersteller zu einem vertretbaren Preis anbieten.
Wenn sie sich zuhause über die grausame Schreibkunst ihrer jungen Beamten beklagte, rollte ihre Tochter Linda nur mit den Augen: „Mama, Du bist ja so was von gestern“ meinte sie dann und nicht einmal ihr Mann Thomas widersprach. Das ärgerte sie besonders. Stattdessen wedelte er mit Dokumenten seiner chinesischen Lieferanten und erklärte, die Chinesen hätten auch eine Bilderschrift.
Das war zwar richtig, aber Gretas Ansicht nach dennoch ein falsches Argument. Sie war der Meinung, Schreiben sei eine Kulturtechnik, die sich die Menschheit mühsam erarbeitet hatte. Ein kognitiver Prozess, der sich aus der steinzeitlichen Aufgabe herleitete, Tierspuren im Boden zu erkennen und diese in eine Vorstellung über das reale Tier zu übertragen. Zeichen in Bilder zu verwandeln, Bilder in Buchstaben, und sich so als Gruppe zu organisieren und zu entwickeln, das war echter menschlicher Fortschritt. Dies einfach den Maschinen zu überlassen, nur weil es so praktisch war, hielt sie für einen Fehler. Dennoch versuchte sie tapfer weiter, nicht auf das Papier zu tropfen, und las aufmerksam das Protokoll, bis es ihr zu bunt wurde.
„Wann lernt Ihr endlich, ordentlich zu schreiben!“, brüllte sie, als sie fertig war, durch das Fenster in die Wachstube, genervt von ‚Kurfe‘ und ‚Waser‘. „Das wird ja immer schlimmer“. „Geben Sie uns ein ordentliches Gerät, dann wird alles gut“, raunzte Storm. „Schreiben ist eine Kulturkompetenz“ schimpfte Greta dagegen. „Nur wer schreiben kann, kann auch richtig denken.“
„Ach was, in ein paar Jahren ist die Schrift abgeschafft. Mit Bildern geht das alles viel besser, dann haben wir auch endlich international keine Probleme mehr“, schaltete sich Drang dazwischen.
Greta, schon auf dem Weg zurück in die Wachstube, klatschte den Bericht auf den Tisch der beiden. „Bilder, ich will nicht wissen, was für Bilder Ihr im Kopf habt, wenn Ihr irgendwo hinglotzt. Ich will einen sauberen Bericht“.
Drang prustete los und Greta sah gerade noch, wie Storm mit hochrotem Kopf den Blick von ihrer Bluse abwandte.
Nun gab Greta auf. Sie nahm sich den Bericht wieder, setzte sich an ihren eigenen Tisch und notierte sich die wichtigsten Fakten auf einem Zettel, um sie dann mit Pfeilen und Linien zu verknüpfen.
Die Tropfen auf der Straße waren tatsächlich Bremsflüssigkeit und der Alfa hatte undichte Bremsleitungen. Korrodiert. Das konnte natürlich passieren, bei einem alten Auto. Die Stelle war auch nicht untypisch für Korrosion. Allerdings waren die restlichen Leitungen in einem astreinen Zustand, das machte sie stutzig. Sie wusste, dass in Zeiten, als Fahrzeuge noch nicht mit Sensoren komplettüberwacht waren, diese Art der Sabotage ein beliebtes Mittel war. Bei der Staatssicherheit der ostdeutschen Volksgenossen der DDR ebenso wie bei den Schergen der Mafia oder auch dem einen oder anderen weniger regeltreuen Mitbürger im eignen Land, zu anderen Zeiten.
Der Alfa, den sie aus der Donau gezogen hatten, war in Tschechien zugelassen und das offenbar immer gewesen. Der Halter war noch nicht ermittelt und das würde auch dauern. Aber sie hatte bereits Fotos, frisch geliefert aus der Verkehrsüberwachung. Immer derselbe Fahrer, meist in Begleitung eines weiblichen Bonbons, doch die entscheidenden Körperteile waren, im Gegensatz zu anderen Einblicken, entweder mit Kopftuch und Brille zur Unkenntlichkeit verhüllt oder wegedreht. Immerhin sahen Brüste und Schenkel stets ähnlich und somit nach einer dauerhaften Beziehung aus. Ganz wenige Male sah man den Fahrer mit Männern, doch auch dann immer gelassen. Als wüsste er, dass die grenzüberschreitende Unterstützung zur Verfolgung von Verkehrsverstößen nur auf dem Papier stattfand.
Der Fahrer war jedenfalls nicht Anton Vogel. Ob der aus Versehen oder geplant gestorben war, das musste sie jetzt herausfinden.
„Prüft einmal, wen Ihr von den Beifahrern kennt“, wies sie Storm und Drang schließlich an.
Ohne aufzusehen erklärte Drang betont nebenbei: „Wir haben sie schon durchgesehen“, zwei aus Fall sind dabei, die anderen müssten wir erst einmal zur Fahndung ausschreiben.“
„Mit Bildern kommen wir ja zurecht“, schoss Storm hinterher, ebenfalls ohne aufzusehen.
Greta lächelte beschämt. „Das ist schön“ meinte sie dann – und wusste nicht weiter. Schließlich fragte sie doch in das Schweigen der beiden hinein: „und, wer sind die beiden?“
„Der eine ist Gerhard Steinhörer, der Besitzer vom Zollhaus Paradies“ erklärte Drang schroff und zeigte mit dem Finger auf ein Bild, das von einer Kamera außerhalb von Fall stammte. „Der andere ist der Typ vom FitShop, dem Fitnessladen, ich weiß nicht wie der heißt.“
„Danke, ich schau sie mir an.“ Ein Abstecher zum Zollhaus wäre jetzt schon eine nette Abwechslung, dachte sich Greta und tatsächlich erinnerte sie sich an das Gesicht des Wirtes, jetzt, als sie es wusste. Vorher musste sie allerdings noch fertig die Unterlagen sichten.
Missmutig sah sie herüber zum Stapel aus der Werkstatt. Ölverschmierte Zettel, kaum lesbar, wirr. Sicher war nur: Herr Vogel hatte es zeitlebens mit der ordentlichen Buchführung nie sehr genau genommen. Das nützte ihr bei der Aufklärung allerdings wenig.
Leise stahl sich Gerhard Steinhörer von der vorderen Terrasse fort und ließ die Gäste mit Sprizz und Weißbier alleine. Julia und Flynn hatten den Laden im Griff, die Gäste hatten die üblichen Themen: Fußball, eigene Rekorde mit den neuesten Gadgets, Internetfilme – in der Reihenfolge. Mit dem Alkoholpegel wanderte der Themenschwerpunkt dabei vom Sport über einen kurzen Abstecher in die neuesten Schmutzgeschichten aus der Politik zu Sex und Celebrities. Eigentlich war es immer das gleiche, das hatte er schnell erkannt. Ihm sollte es Recht sein, es erleichterte jedenfalls sein Leben jenseits der öffentlichen Ordnung.
Um das musste er sich nun auch kümmern. Während die Bürger von Fall die Abenddämmerung begossen, ging er durch das Gewölbe nach hinten zum Verschlag am Fluss. Er öffnete die schweren Türen und beugte sich in die niedrige Kammer, die Box war unversehrt.
Nun kam der unangenehmste Teil seiner Arbeit und er musste ihn leider immer noch selbst machen. Es wurde Zeit, dass er jemanden fand, der ihm half.
Er zwängte sich auf einen kleinen Hocker und schloss den Verschlag. Dann schaltet er das Licht ein. Gebückt unter der niedrigen Decke, die nach altem Stein roch, macht er sich ans Werk.
Der Deckel ließ sich mit einem leisen Quietschen abheben und die Lampe leuchtete genau in die Box. Im Inneren waren Steine.
Zumindest sah es so aus. Wer genau hinsah erkannte: die Steine hatten alle ein kleines Schwänzchen.
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