Schon von weitem konnte Hartmut die Wassermassen erkennen, die das Flüsschen Mulde nun zu einem reisenden, alles verschlingenden Strom anschwellen hatten lassen. Dort sollte er Andreas Wagen in den Fluten versenken und mit ihm sollte Andreas von Geerden von der Bildfläche verschwinden.
Schon im Vorfeld hatte Andreas alles vorbereitet, sein Terminkalender hatte einen Eintrag im angegebenen Gebiet. Konsequent geplant bis ins kleinste Detail, waren van Geerdens Worte gewesen. Monate hatte er damit verbracht immer wieder kleine Geldbeträge abzuheben, denn nach seinem ‚Tod‘ würden auch die Kontobewegungen untersucht werden.
Und nach seinem Verschwinden sollte es Ute an nichts fehlen. Sie war die Alleinerbin eines Untoten und wäre finanziell mehr als abgesichert. Alleine seine Lebensversicherung belief sich auf eine halbe Million Euro. Außerdem hatte sie das Haus und ein Ferienhaus in Spanien. Also würde sie den Verlust verschmerzen können. Selbst an seine Unterlagen und seinen Laptop, die ja schließlich mit dem Wagen untergehen mussten, hatte er gedacht. Alles wasserdicht, so makaber das auch klang.
Selbst den Ort an dem der Wagen untergehen sollte, hatte er festgelegt. Diesen Platz steuerte Hartmut nun an. Schon von weitem konnte er die Einsatzmannschaften erkennen, die ausgerechnet dort versuchten, eine Brücke vom Schwemmgut zu befreien. Er beobachtete die Menschen, den Bagger, der mit einem riesigen Greifer ausgerüstet war und so versuchte das Treibgut vor den wenigen freien Durchgängen der Brücke zu entfernen. Ein Kampf zwischen David und Goliath, wobei eindeutig der Fluss die besseren Karten hatte. Gewaltige Flächen waren von den unglaublichen Wassermassen bedeckt. Er konnte sich nicht erklären, wo so viel Wasser herkam. Masten der Überlandleitungen, Bäume, Zaunpfähle und Schilder ragten wie Mahnmale aus den Fluten und zeugten von der Unwichtigkeit der Menschen und der Allmacht der Natur.
»So ein Mist« schimpfte Hartmut. Genau von dieser Brücke sollte der Wagen abkommen und in die reisende Mulde stürzen. Aber diese Möglichkeit war nun weg. Als ob das nicht schon dumm genug gelaufen wäre, tauchten auch noch zwei Einsatzfahrzeuge der örtlichen Feuerwehr auf, die mit lautstarkem Sireneneinsatz die Straße von dem Mercedes mit der fremden Nummer befreien wollten. Hartmut wendete den Wagen in einem Feldweg und ließ die Helfer vorbei, achtete dabei aber peinlichst darauf, sein Gesicht abzuwenden um nicht erkannt zu werden. Wie Nadelstiche spürte er die neugierigen Blicke der Sachsen auf seiner Haut. Kaum waren die beiden Fahrzeuge in der Ferne verschwunden, entspannte sich Hartmut wieder. »Na, das ist ja gerade noch mal gut gegangen!« Krampfhaft überlegte er, wie er den Plan doch noch zu einem guten Ende bringen konnte. Er schloss seine müden Augen und dachte nach. Müdigkeit versuchte ihn zu übermannen. Wie gerne hätte er auch nur einige Minuten den Schlaf über sich kommen lassen. Aber dann würde der sorgfältig ausgearbeitete Zeitplan durcheinander kommen.
Ein Klopfen gegen die Seitenscheibe riss ihn aus seinen Gedanken. Ein Spaziergänger mit einem über und über mit Lehm beschmierten Hund stand neben dem Wagen. Hartmut drückte den Knopf des Fensterhebers und öffnete die Scheibe. »Na, hier können Sie aber nicht stehen bleiben. Das ist verboten. Hier darf man nicht parken«, sagte der etwa fünfzigjährige Mann in tiefstem sächsisch. Hartmut hatte Mühe ihn zu verstehen. »Oh, danke«, antwortete er, »aber ich habe mich verfahren. Aber gut dass sie mir das gesagt haben!« Er schloss wieder das Fenster und grummelte nur das Wort: »Blödmann!« vor sich hin.
Er startete den Motor und fuhr langsam rückwärts. Der Sachse blieb neben seinem klebrigen Hund stehen und sah ihm nach. Immer wieder drehten die Räder der Limousine durch, rutschten auf dem lehmverschmierten Asphalt des Feldwirtschaftsweges wie auf Glatteis hin und her. Angestrengt erreichte er die Straße die nach Naunhof führte und war froh, den Wagen wieder rollen lassen zu können.
Nach zwanzig Minuten fand er schließlich eine geeignete Stelle. Verwundert sah er den Gegenständen nach die der Fluss mitgerissen hatte. Bäume, von denen noch die grüne Krone aus dem Wasser herausschaute, Holz und Möbel aus den überschwemmten Gebieten, ja selbst ein Wohnwagen hatten die Wassermassen mitgerissen. Langsam wurde es Zeit den Plan in die Tat umzusetzen und hier war nun der geeignete Platz dafür. Hier war das Ufer flach genug. Auch die Landstraße die hier in einiger Entfernung vorbeiführte, lag noch teilweise im überfluteten Gebiet. Und was mit am wichtigsten war, hier gab es weit und breit keine Menschen. Er hielt und atmete erst mal tief durch. Wieder kamen Gedanken an Andreas, Ute und an seine Operation in ihm auf. Operation, ja das hörte sich gut an. Sorgfältig wischte er alle Fingerabdrücke vom Lenkrad und nahm seine Sachen aus dem Wagen. Jetzt nur keine Spuren hinterlassen.
Er stellte den Tempomat auf eine geringe Geschwindigkeit ein und stieg aus dem langsam fahrenden Wagen aus. Noch während das Fahrzeug langsam rollte, öffnete er die hintere Tür, griff nach seiner Jacke und dem Pilotenkoffer und schlug mit dem linken Bein die Tür wieder zu. Wie von einer unsichtbaren Schnur gezogen, folgte der Mercedes dem matschigen Feldweg. Nach etwa fünfzig Metern verließ er gemächlich seine Spur, geriet immer mehr auf das abschüssige Ufer und schließlich rutschte das Auto ins Wasser. Nie hätte Hartmut gedacht, dass das riesige Fahrzeug so schnell von den Wassermassen mitgerissen werden könnte und nach nur wenigen Sekunden war die ganze Fuhre in der Mulde verschwunden. Hartmut atmete erleichtert auf. Die Erleichterung dauerte aber nur wenige Augenblicke an, wich schlagartig aufkommender Panik als das Fahrzeugdach wie Phönix aus der Asche nun wieder aus den Wellen auftauchte.
»Scheiße, ich hab vergessen die Fenster aufzumachen!« dachte er noch, während er dem schwimmenden Auto nachsah. Vor allem, wie konnte bei einem Unglücksfall der Fahrer aus dem Wageninnern heraus geschwemmt werden? Ein fataler Fehler im sonst so perfekten Plan.
Ohne zu zögern griff sich Hartmut einen der umherliegenden Feldsteine und spurtete dem davon schwimmenden Wagen nach. Atemlos gelang es ihm auf die gleiche Höhe zu kommen, aber immer wenn er zum Werfen stehen bleiben musste, legte der Wagen scheinbar schlagartig an Fahrt zu und verschwand aus der Wurfdistanz. Resigniert blieb Hartmut stehen und blickt dem Wagen nach. Aus lauter Frust über seine fehlende Sportlichkeit schleuderte er den mehr als faustgroßen Stein in Richtung Auto und erstarrte. Unter mächtigem Geklirre zersprang die Rückscheibe in tausende, blinkende Stückchen und gab sekundenlang die Sicht ins Wageninnere frei. Danach verschwand der Wagen im Wasser.
Scheinbar endlos klingelte das Telefon. In einer schier unendlichen Dauerschleife summte es die gleiche Tonkombination, einen Ohrwurm aus den Siebzigern, der sich unauslöschlich in die Windungen der Gehirne einbrannte. May reagierte nicht auf den Anruf, hatte sich in seinem modernen Bürostuhl zurückgelehnt und war bereit, seinen Tag ruhig enden zu lassen. Ein Anruf um diese Zeit bedeutete nichts Gutes. Und vor allem, wer hatte den Anrufer eigentlich zu seinem Anschluss durchgestellt. Er beschloss, nicht weiter zu reagieren und nach geraumer Zeit verstummte das Telefon endlich. Toll, ausgestanden! Nun stand einem ruhigen Feierabend nichts mehr im Weg. Heute wollte er die sich in den letzten Monaten so rar gemachte Sonne genießen und seinen Gedanken nachhängen. Easy Living eben!
Noch war er in seinen Gedanken verstrickt, eingefangen wie ein Insekt, das dem Netz der Spinne so viel verlockendes entnehmen konnte und dann nicht mehr weg kam, als seine Bürotür abrupt aufgerissen wurde. Schwer atmend stand Reinhard Meierling, sein engster Mitarbeiter hier in Frankfurt, die gute Seele des Hauses und gleichzeitig Mädchen für alles in der Tür, den Mund schon zu sprechen geöffnet. Volker May ahnte, dass seine Freizeitträume gerade eine deutliche Neigung zum Platzen zeigten.
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