»Dann mal raus mit Deinem Plan. Erzähl mir mal von Deinen verrückten Gedanken. Wie willst Du aus der Nummer rauskommen und endlich frei zu sein? Anscheinend bist Du Dir ja ziemlich sicher und hast Deine Entscheidung schon getroffen.«
Andreas van Geerden nickte nur kurz und Hartmut konnte erkennen, dass sein Gegenüber versuchte, die geeigneten Worte zu finden. »Der Plan ist ganz einfach und unkompliziert. Ich verschwinde von hier und gut ist es.« Hartmut Kesselring sah seinen Freund unverständig an. »Und wo komme ich ins Spiel? Du hast gesagt, du brauchst meine Hilfe. Was ist mein Part?« Lange saßen die beiden Männer zusammen und rauchten, tranken und besprachen das Vorhaben. Da der Anteil Hartmuts nach einer halben Flasche Wein einfach als Freundschaftsdienst abgetan werden konnte, fiel ihm die Entscheidung zur Mithilfe leicht. Schwerer wog Andreas Forderung, auch seiner Frau Ute keine Silbe zu sagen. Es war fast Mitternacht als die beiden Männer mit einem leichten Gleichgewichtsproblem das Restaurant verließen, sich zum letzten Mal in den Arm nahmen und sich schließlich verabschiedeten. Ein Abschied, der für immer sein sollte.
Als der Wecker seinen zweifelhaften Dienst antrat, hatte Hartmut das Empfinden, sein Kopf würde gleich zerspringen. Blitzschnell noch im Halbschlaf und trotz der enormen Schmerzen traf seine Hand den Knopf des Weckers. Stille trat ein. Er lauschte in die Dunkelheit. Leise hörte er das Atmen seiner Frau. Karen schlief tief und fest. Sein Blick fiel auf die Kontur ihres Gesichts, das im spärlichen Licht des Zimmers erkennen konnte. Er rollte sich zur Seite und starrte auf das Display der Uhr, deren Leuchtziffern den Raum in ein erotisches, rotes Licht tauchten. Vier Uhr. Eine unwirtliche, zerstörerische Zeit, die dem Normalschläfer Angst und Schrecken einjagen konnte, einem Langschläfer wie Hartmut aber seelische Qualen bereitete. Er hatte gerade drei Stunden geschlafen und spürte noch die Wirkung des Alkohols den sie bis in die späten Stunden getrunken hatten. »So viel zur Freundschaft. Ich muss Dich sehr mögen, Andreas van Geerden, sonst würde ich jetzt nicht so einen Unsinn mitmachen«, murmelte er leise und schwang seine Beine über die Kante des Betts. Nun fielen ihm auch wieder Einzelheiten des dubiosen Vorhabens ein, die seine Mitarbeit nötig machten.
Minuten später rauschte das Wasser mit mächtigem Druck durch die gemahlenen Kaffeebohnen und bald betörten der Geruch die Sinne Hartmuts. Ungeduscht trat Hartmut um siebzehn nach vier vor die Tür seiner Wohnung, stieg in seinen Porsche und fuhr nach Frankfurt-Sachsenhausen. Leichter Regen machte die Sicht durch die verschmierten Scheiben schwer. Alles schien wie eine späte Rache der getöteten Fliegen, die ihm jetzt, und das im buchstäblichen Sinn, vor Augen führten, dass er seine Scheibe öfter reinigen sollte. Seine trunkenen, alkoholgeschädigten Augen wollten sich partout nicht an die Reflexe, die die Lampen der Straßenbeleuchtung in den Regentropfen zauberten, gewöhnen. Er hatte das Gefühl, Schlangenlinien zu fahren. Dieses Empfinden schob er aber auf seine Angst vor der Polizei die bei einer Kontrolle seinen Cognacdunst sicher einen Meter gegen den Wind riechen würden. Aber trotz aller Schwierigkeiten erreichte er sein Ziel.
Er parkte den Wagen etwas abseits und ging die wenigen hundert Meter bis zu seinem Einsatzort zu gehen. Der leichte Nieselregen durchnässte sein Haar und er spürte die ersten Tropfen über seinen Nacken rinnen. Er trug trotz des Wetters keine wasserdichte Jacke. Schon bei seiner morgendlichen Vorbereitung war ihm aufgefallen, dass er überhaupt keine richtige Regenjacke besaß. In seinem Leben brauchte er auch kein solches Kleidungsstück. Für die kurzen Strecken, die er zu Fuß ging, diese Distanzen beschränkten sich unter normalen Umständen nur auf den Weg von seinem Auto in irgendein Gebäude, brauchte er keine wasserdichte Kleidung. Da tat es auch ein ordentlicher Schirm.
Auf keinen Fall wollte er sich auffällig kleiden. Schwarz schien ihm sehr passend und deshalb hatte er instinktiv zu einer schwarzen Jeans, einer Art Kleidungsstück das er eigentlich hasste, und einem dunklen, kurzärmeligen Hemd gegriffen. Eine schwarz-blau gemusterte Strickweste vervollständigte sein Outfit. In seinen Gedanken tauchten Bildfetzen aus billigen, tausendmal gesehenen Agententhrillern auf und mit jeder neuen Erinnerung wurden seine Schritte immer geschmeidiger. Gespenstig still war es um diese Zeit auf den Straßen einer Stadt von der man sagte, dass sie niemals schlief. Niemand kreuzte seinen Weg. Vielleicht lag es an der ungewöhnlichen Kühle, die in diesem August herrschte. Lang anhaltende Regenfälle hatten die Temperaturen sinken lassen, selbst die vorangegangenen Monate hatte das Wetterphänomen ‚El Niño‘ buchstäblich ins Wasser fallen lassen.
Weniger als zwanzig Minuten hatte seine morgendliche Unternehmung gedauert als er Andreas von Geerdens Wagen vor sich stehen sah. Hartmut sah sich um, konnte aber noch immer keine Menschenseele auf der Straße erkennen. Lediglich von ferne rauschte der Verkehr der kilometerweit entfernten Autobahn und zerstörte die friedliche Stille.
Er drückte auf den Knopf des Wagenschlüssels, den ihm Andreas am Vorabend zugesteckt hatte und mit einem Klicken entriegelte sich die Tür. Er warf seinen Pilotenkoffer auf den Rücksitz und legte seine Weste darüber. Ersatzkleidung hatte er in seinem Koffer dabei, denn so wollte er auf keinen Fall während einer Zugfahrt aussehen. Dieser Teil seiner Hilfe war für ihn sowieso mit der schlimmste. Ein erfolgreicher Anwalt wie er, würde mit dem gewöhnlichen Mob ein Zugabteil teilen müssen. Eine Vorstellung, die ihm Magenschmerzen bereitete. Sicherlich war er ein wenig abgehoben, aber er kannte die Menschen, hatte schon tausendmal Kontakt mit ihnen. Und er wusste, dass es eine dicke Schicht Abschaum in dieser Klasse gab. Diese einfachen Menschen machten ihm Angst. Deshalb versuchte er ihnen so wenige Reibungspunkte wie möglich zu bieten. Schon alleine die körperliche Nähe in den Zugabteilen machte ihm Angst. Natürlich hätte er einen Platz in der ersten Klasse reservieren können, aber Andreas und er hatten beschlossen, so wenige Spuren wie möglich zu hinterlassen. Also musste er sich mit dem gewöhnlichen Volk, den nach Alkohol riechenden Menschen, den pöbelnden Jugendlichen, im gleichen Zug die Zeit vertreiben. Aber wenigstens im Punkt Alkohol konnte er heute mit ihnen mithalten.
Ein letzter Blick durch die menschenleeren Gassen und er stieg in den Wagen. Innerhalb weniger Sekunden rauschte er die Straße durch den noblen Vorstadtteil entlang. Ein letzter prüfender Blick zur Tür seines Freundes trieb ihm einen Schauer über den Rücken. Hatte Andreas im Schatten des Eingangs gestanden oder war es die sich langsam lösende Anspannung, die ihn schaudern ließ? So eine blöde Idee. Nie hätte er sich auf ein solches Unterfangen einlassen sollen. Kurz vor einer Autobahnauffahrt der A5 hielt er an und begann ins Navigationssystem des Mercedes den Zielort seiner Fahrt einzugeben. Sekunden später wusste er dass er in etwa 4 Stunden sein Ziel erreichen würde, nach 420 Kilometern Fahrt würde er erschöpft aus dem Wagen torkeln und nochmal so lange mit dem Zug zurück nach Frankfurt fahren. Er öffnete das Handschuhfach und sah, dass das Smartphone seines Freundes dort lag. Ein kurzer Druck auf den Bildschirm bestätigte, dass das Gerät eingeschaltet war. Es sollte schließlich, nach dem Verschwinden van Geerdens, der suchenden Polizei die Fahrtroute anhand den Sendemasten in den es sich eingeloggt hatte, preisgeben. Und alles wäre erledigt. Und Andreas endgültig verschwunden. Traurigkeit drückte sein Herz während er bei erstaunlich freier Fahrt die edle Karosse über die nächtlichen Straßen fliegen ließ. Gedankenversunken verrann die Zeit und schneller als er gedacht hatte, waren erste Schilder mit der Aufschrift »Grimma« zu sehen. Während die Menschen dort um ihre Habseligkeiten gegen das Hochwasser kämpften, sollte dies der Befreiungsschlag für seinen Freund sein. Grundsätzlich eine überlegte, trotzdem aber eine dumme Idee, um jemand oder etwas verschwinden zu lassen.
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