Seine Mutter brachte schließlich den gemeinsamen Sohn Andreas zur Welt und stellte sich auch als nicht besser heraus. Noch kein Jahr alt schob sie ihn zur Großmutter ab. Sie wollte sich einen besseren Mann angeln und dabei störte der Kleine entscheidend. Die Nachkriegszeit stellte den vorangegangenen Krieg in Bezug auf Gefühlskälte noch deutlich in den Schatten. Da zählte ein kleines Menschenleben nicht so viel wie das eigene Wohlergehen. Und da Männer Mangelware waren, musste seine Mutter mit anderen Frauen konkurrieren können. Da war Klein-Andreas eben im Weg. Aber anfangs hatte sie ihn noch alle zwei oder drei Wochen besucht und nach ihm geschaut. Davon wusste er aber nur noch aus Erzählungen seiner Großeltern. Selbst gesehen hatte er seine Mutter wohl nie.
Die Jahre bei seiner Oma waren aber sehr glückliche Jahre gewesen. Stets hatten die beiden Alten versucht, ihrem Enkel jeden Wunsch zu erfüllen und meistens gelang es ihnen auch. Und immer versuchte er ihre Wünsche zu respektieren und strebte danach, alles was von ihm erwartet wurde auch zu leisten. Aber mit der Pubertät kamen auch die Probleme, jedoch nicht in aufkeimender Rebellion, wie bei den meisten seiner Altersgenossen, er konnte sich einfach nicht mit den Vorgaben seiner Erzieher abfinden. Er sollte eine Lehre als Schlosser machen. So jedenfalls stellte sich Opa seinen weiteren Lebensweg vor. War es aus der finanziellen Not heraus oder einfach nur weil sein Großvater in ihm einen Ersatz für einen eigenen Sohn, der in seine Fußstapfen treten sollte, sah, konnte er nie mit Sicherheit sagen. Sein Vorhaben ein Gymnasium zu besuchen, veränderte sofort die gegenseitigen Beziehungen. Aber er schaffte das Abitur und auch sein Studium trotz der versiegenden finanziellen Mittel. Und er war glücklich. Damals lernte er Hartmut kennen und fand in ihm einen treuen und vielleicht lebenslangen Freund. Ein Freund auf den er heute Nacht bauen konnte.
Jäh rissen seine Gedanken als sein Wagen gestartet wurde. Zögernd und langsam setzte sich der Mercedes in Bewegung und rollte an ihm vorbei. Andreas jagte ein Schauer über den Rücken und nun wusste er, dass es kein Zurück mehr gab.
Nun durfte er keine Zeit verlieren und musste an seinem Plan festhalten. Er rannte mit seinen Gepäckstücken unter dem Arm durch die nächtlichen Straßen der Stadt. Die regenfeuchten Straßen spiegelten die Lichter der Straßenlaternen wider. Bei jedem Schritt, immer wenn einer seiner Schuhe auf den Boden auftraf, erzeugte das Zusammentreffen ein leises Patschen. Der leichte Nieselregen legte sich auf seine Kleidung, benetzte sein Gesicht, wusch mit jedem Tropfen die Zweifel die immer noch in seinem Kopf tobten, weg. Langsam ging die Dunkelheit in einen nebulösen Zustand zwischen Nacht und Tag über und machte ihn so sichtbar für Blicke die er vermeiden wollte. Nach nur wenigen Minuten war er an der vorbereiteten Stelle am Main angelangt. In den letzten Tagen vor seiner Flucht in die Freiheit hatte er hier große Steine zusammengetragen und unter einem der Weidensträucher deponiert. Nun öffnete er den Koffer, verstaute die Aktentasche und einige der Steine im Innenraum und verschloss den Reißverschluss wieder. Noch einmal überprüfte er die Löcher, die er in der harten Kofferseiten gebohrt hatte auf ihre Durchlässigkeit.
Vor dem Spiegel hatte er immer wieder versucht den Koffer wie ein Hammerwerfer um seine Körperachse rotieren zu lassen. Das schwere Gewicht des Gegenstandes machte dieses Unterfangen jetzt zur Tortur. Mühevoll drehte er sich um die eigene Achse, immer schwerer atmend, und als er genügend Schwung aufgebaut hatte, ließ er den Hartschalenkoffer los. Mit einem weithin hörbaren Platschen tauchte er in etwa fünf Metern Entfernung ins Wasser des Mains. Deutlich weiter hatte er ihn werfen wollen, aber er hatte seine Grenzen erreicht. Sekunden später war der Behälter verschwunden.
Schnell ging er die Straße entlang in Richtung des Frankfurter Hauptbahnhofes der nur zwei Kilometer entfernt war. Je näher er dem Ziel kam, je mehr füllten sich die Straßen mit Menschen, Fußgänger und Autos strebten dem Bahnhof zu, schienen alle die Stadt verlassen zu wollen. Mit dem zunehmenden Menschenaufkommen stieg auch seine Angst entdeckt zu werden. Er war eine Persönlichkeit die schön öfter in den städtischen Medien aufgetaucht war und mit seinen pflanzlichen Heilmitteln Aufsehen erregt hatte. Aber niemand schien ihn zu beachten. Mit jedem vorbeigehenden Mann, mit jeder in Gedanken versunkenen Frau die an ihm vorüber ging, festigte sich die Zuversicht in seinen Plan, schien ein positiver Ausgang immer bessere Aussichten zu gewinnen.
Aber wohin wollte er überhaupt? Spontan wollte er entscheiden, so jedenfalls das Ziel des Vorhabens. Kein berechenbares Ziel sollte es sein, deshalb wollte er erst vor Ort entscheiden. Und nun stand er vor der Anzeigetafel der abfahrenden Züge und konnte sich nicht entscheiden. Ratlos rasten seine Gedanken durch den Kopf und suchten eine Lösung. Er drehte sich um und beobachtete eine Gruppe japanischer Touristen, schwer bepackt mit Rucksäcken und Kameras, die die Eingangshalle schnatternd wie eine Horde Gänse betraten. »Die sechs machen Lärm für zehn« murmelte ein vorübergehender Reisender in Andreas Richtung und verschwand kopfschüttelnd. »Sechs, sechs ist die Lösung!« fuhr es durch van Geerden. »Ich werde mich umdrehen und die sechste Anzeige von oben ist mein weiteres Ziel.« Plötzlich war alles ganz einfach.
Der Blick auf die Anzeigetafel zeigte als sechsten Eintrag die Stadt Bregenz. Also ging seine Reise in den Süden, so viel stand schon mal fest. Eigentlich eine adäquate Lösung. Sein Auto würde in einigen Stunden im Osten Deutschlands in den Fluten verschwinden, er in einigen Stunden im Süden. Und so saß er mit gelöstem Ticket einige Minuten später im Regionalzug nach Ulm um dann weiter nach Bregenz zu fahren.
Schon nach wenigen Minuten hatte er einen Sitzplatz gefunden. Aufregung machte sich nun langsam in ihm breit. Hatte er mit seiner Verkleidung einen Joker oder eine Niete gezogen? Alles an ihm war nun Mittelmaß, nichts stach, jedenfalls nach seiner Auffassung, mehr ins Auge und ließ die Blicke hängenbleiben. Er betrachtete übe den Rand der Zeitung die er sich noch besorgt hatte, die mitreisenden Fahrgäste. Ein ewiger Strom von kommenden und gehenden, von ein- und aussteigenden Menschen, alle in Gedanken versunken scheinend, flutete an ihm vorbei wie Wasser das den Main herunterlief. Alles umflutend und doch teilnahmslos.
Traurig schauende Menschen, von denen kaum einer das Leuchten der Fröhlichkeit in den Augen hatte. Wohin war diese Gesellschaft auf dem Weg? War es die richtige Richtung die unsere Republik eingeschlagen hatte? Bei seiner letzten Zugfahrt waren ihm die Menschen wesentlich lockerer vorgekommen. Vielleicht aber lag es ja auch an der Erinnerung die alles schöner machte und die negativen Ereignisse und Eindrücke auszulöschen versuchte. Eine nützliche, aber auch eine unehrliche Eigenschaft unseres Gehirns, das damit die guten alten Zeiten erschuf. Möglicherweise waren die guten Jahrzehnte durch die wir gegangen waren, gar nicht so gut wie sie uns heute erschienen. Vielleicht waren sie nur ein schräges Zerrbild unseres Denkorgans, das damit einen Zustand der permanenten Unzufriedenheit in den Köpfen der alternden Bevölkerung erschuf. Und genau so sahen die Vorübereilenden aus. Unzufrieden. Durch die politischen Umstände in einer finanzgeilen, egoistischen Umwelt gefangen, die zunehmend nach der ‚Hire & fire‘-Methode zu leben begann und ihre menschlichen und sozialen Ideale vergaß. Waren wir damit auf dem richtigen Weg oder drohte damit der Kollaps unseres Sozialsystems? War nach dem Ausbluten der arbeitenden Bevölkerung nicht auch die Oberschicht dran? Fragen wie diese, drängend und bohrend, zerstörend und alle Zuversicht raubend, hatten ihn in diesen Zug getrieben. War es dieser Wohlstand den es anzustreben galt oder gab es wichtiger Dinge in der Welt die es wert waren, ihre Spur aufzunehmen und ihr zu folgen. Oft hatte er sich gefragt, warum die Menschen in aller Welt mit einem Lachen im Gesicht dem Tag begegneten und anscheinend glücklich waren. Das Ergebnis unseres auf Wohlstand und Reichtum ausgerichteten Lebens sah er hier. Menschen mit hängenden Mundwinkeln, die nie zufrieden zu stellen waren.
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