„Aber keine Täter aus der Justiz. Wer ist denn so bescheuert, im Kriminalgericht jemanden umzubringen, dazu noch ein junges Mädchen und das ohne ersichtlichen Grund. Es gibt Hinweise auf einen Richter, der …“
Jörgensen unterbrach ihn, „Wie bitte…, ein Richter soll….“
„Nicht direkt als Mordverdächtiger“, unterbrach ihn Brühne. „ Lassen Sie mich erklären. Es geht um den Richter Wenzel, Arno Wenzel. Durch Zufall wurden auf seinem Dienstcomputer Fotos mit Kindern in eindeutigen Stellungen entdeckt.“
„Na und, vielleicht hat er in einem solchen Verfahren mit Kinderpornografie zu entscheiden. Da ist man gezwungen, sich so etwas anzusehen.“
„Nein, nein! Wenzel ist seit 30 Jahren Richter am Amtsgericht Tiergarten, hat aber in den letzten 10 Jahren ausschließlich Verkehrssachen verhandelt, Bußgelder und wenn es hochkam mal eine Trunkenheitsfahrt mit fahrlässiger Tötung. Mit Kinderpornografie hat der dienstlich nie etwas zu tun gehabt.“
Brühne hielt kurz inne: „Aber das ist noch nicht das Schlimmste.“
Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch und sagte in dienstlichem Ton: „Bei der Durchsicht der mehr als 500 Lichtbilder wurden vier Fotos entdeckt, auf der das Mordopfer, wie hieß sie noch?“ „Becker.“„-als Neun- oder Zehnjährige eindeutig identifiziert werden konnte. Eklige Fotos!“
Jörgensen setzte sich und fragte: „Und was sagt er dazu?“
„Nichts. Das Ganze ist gestern am späten Nachmittag passiert. Eine Justizsekretärin hatte die Fotos zufällig entdeckt und auch, dass das Opfer abgebildet war. Ihr Foto ist ja durch die ganze Presse gegangen.“
Brühne atmete durch: „Sie hat mich informiert. Die Angelegenheit ist ja Hauptgesprächsthema im Haus. Ich habe Wenzel befragen wollen. Er hat eine Art Nervenzusammenbruch, einen Infarkt oder so was gehabt. Auf jeden Fall hat er nichts gesagt. Nichts. Er ist jetzt im Krankenhaus. Gehen Sie mal hin, führen Sie aber keine Vernehmung durch, sondern befragen ihn nur ganz informell.“
Jörgensen schwieg kurz und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Er richtete seinen Blick auf Brühne. „Ist Zuckowski schon darüber informiert?“
„Das sollten Sie tun.“
Brühne machte eine Handbewegung, aus der zu schließen war, dass das Gespräch beendet war.
Immer noch kein Dienstausweis, zum Raum A 214. Dort saß ein Justizwachtmeister. „Ich bin der neue Staatsanwalt Jörgensen und benötige einen Dienstausweis“
„Brühne hat Sie bereits angekündigt. Nun setzen Sie sich mal dahin.“
Ein kleiner Hocker, wie sie früher in Automaten für Passfotos standen, wo man Fotos machte, wenn man einen neuen Ausweis brauchte oder betrunken war. Der Wachtmeister schoss mit einer altertümlichen Kamera ein Foto und entließ Jörgensen mit dem Bemerken: „Ihren Ausweis bekommen Sie in den nächsten Tagen.“
Jörgensen erreichte Zuckowski. Ohne den Disput vom vorherigen Tag anzusprechen, verabredeten sie sich zum Nachmittag. Er hatte in der Zeitung eine günstige Wohnung entdeckt, um 18:30 Uhr Termin mit dem Makler.
Zuckowski erschien in Jörgensens Dienstzimmer in Begleitung einer Frau. Diese stellte sich als Luisa Freudenreich vor. Sie war nicht sonderlich groß, gute Figur. Mit ihren dunkelbraunen Augen lächelte sie ihn an.
In diesem Augenblick drehte sich Zuckowski zu Jörgensen und sagte: „Freud, wir nennen sie einfach Freud. Sie hat`s mit Psychologie.“ Freud errötete.
„Jan hat mich bereits über die vorläufigen Ermittlungsergebnisse informiert. Ich habe noch ein paar Fragen. Was ist mit diesem Ozmo und dem Richter?“
„Ich habe gestern mit dem Ozmo gesprochen. Ich fand seine Erkenntnisse verblüffend.“
„Jan meinte, dass es eine Sekte ist.“
„So, jetzt sollten wir losgehen, sonst schaffen wir heute gar nichts“, unterbrach sie Zuckowski.
Im Gehen sagte Freud: „Wir müssen doch mal die Ermittlungsergebnisse zusammenfassen.“
„Da gibt es nichts zusammenzufassen“, Zuckowski leicht genervt.
„Irgendwer muss sich wohl mal um die KTU und den Tatortbefundbericht kümmern. Es bringt nichts, sich über irgendwelche Ozmos zu streiten“
Enttäuscht blickte Jörgensen ihr hinterher. Er wäre am liebsten mitgegangen, hätte mit ihr Akten durchgearbeitet. Mit Zuckowski ins Krankenhaus zu Wenzel.
Wenzel hatte die Augen geschlossen, als Zuckowski und Jörgensen das Krankenzimmer betraten. Er öffnete sie aber, als er sie herein kommen hörte.
Wenzel schwach, ein Greis, auf dem Nachttisch ein Kruzifix und eine aufgeschlagene Bibel.
„Guten Tag, Herr Wenzel, ich bin der neue Staatsanwalt. Mein Name ist Jörgensen und das ist Hauptkommissar Zuckowski. Wir kommen nicht in offizieller Funktion. Wir brauchen nur ein paar Informationen. Ich hoffe, Sie sind in der Verfassung, mit uns zu sprechen.“
Wenzel atmete schwer durch.
„Es geht nur am Rande um die Fotos auf Ihrem Dienstcomputer. Wir ermitteln wegen dem Mädchen, das im Kriminalgericht tot aufgefunden wurde. Sie haben davon gehört?“
Wenzel atmete sagte mit leiser Stimme etwas Merkwürdiges: „Ich konnte Ihr nicht helfen.“
„Kannten Sie sie?“
„Nein, natürlich nicht.“
Jörgensen hatte das Gefühl, dass da etwas nicht stimmte.
„Auf mehreren der Fotos auf Ihrem Computer ist das Mädchen als Kind in eindeutig pornografischen Darstellungen zu sehen.“
Wenzel richtete sich auf und sprach mit entschiedener Stimme: „Jetzt wird es endgültig absurd. Erst werfen Sie mir pädophile Neigungen vor und jetzt auch noch Mord an einem Kind? Ich weiß von nichts. Da muss jemand meinen Computer manipuliert haben. Ich kenne die Fotos nicht und niemanden, der dort abgebildet ist. Eine Manipulation ist im Kriminalgericht doch leicht möglich, bei dem Chaos, das da herrscht.“
„Beruhigen Sie sich", sagte Jörgensen, wollte ihn an der Schulter berühren, tat es aber nicht.
Wenzels Stimme wurde leiser: „Sie wissen doch selbst, was so ein Vorwurf für einen Menschen bedeutet, besonders für einen Richter. Und jetzt auch noch Mord! Ich weiß von nichts. Ich kann Ihnen nicht weiterhelfen“
Wenzel wirkte verständnislos. Er schien sich nicht vorstellen zu können, wie man ihn mit solchen Vorwürfen konfrontieren konnte. Er beherrschte sich, zwang sich nicht weiter zu reden.
Jörgensen setzte zu einer weiteren Frage an: „Was können Sie…“
Zuckowski schüttelte den Kopf und deutete, Jörgensen zu gehen.
„Ich glaube, wir gehen jetzt besser. Herr Wenzel, wir melden uns. Gute Besserung.“
Sie verließen das Krankenzimmer. In diesem Moment klingelte Jörgensens Handy. Die Obduktion an Ozma Marie Becker sollte stattfinden. Er unterbrach das Gespräch, in dem er das Handy vom Ohr nahm und Zuckowski fragte: „Wollen Sie bei der Sektion anwesend sein?“
„Nein, habe keine Zeit, ich werde Freud informieren. Die wird in einer Stunde dorthin kommen. Ich muss weg.“
Normalerweise vermied Jörgensen, bei Obduktionen anwesend zu sein. Mit Schaudern erinnerte er sich an eine gerichtsmedizinische Leichenschau während seines Studiums: Ein Bagger war damals über den Kopf des Opfers gefahren. Danach hatte er nie mehr an einer solchen Vorlesung teilgenommen. In diesem Fall wollte er sich ein Bild vom Opfer machen.
In Gedanken an das Gespräch mit Wenzel erblickte er, als er durch die Treppenhalle des Kriminalgerichts ging, die „Lüge“, diese Figur mit der heruntergezogenen Kappe und der Hand vor dem Mund. Wenzels Aussage war von vorne bis hinten gelogen. Was meinte er nur damit -Ich konnte ihr nicht helfen?-
Sein Blick rutschte auf die „Religion“, diese Figur, die über dem Eingangsbereich mit einem großen Kreuz in der Hand kämpferisch saß. Dieser Mann log, Bibel und Kruzifix auf seinem Nachttisch. Wenn er diese Statuen betrachtete, fühlte er sich wie in ein Zwiegespräch versunken, als würden sie ihn auf die Spur des Täters führen.
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