Dann der Chor: „Wenn du gehst, gehst du mit mir“. Das verstehe ich, kenne die tragische Geschichte.
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Ich hatte mich im Hotel Golfo di Arzachena eingemietet. Cannigione, eine kleine Stadt, die zur Kommune von Arzachena gehört, war zu früheren Zeiten ein Fischerdorf gewesen. Heute verdienen die meisten Einwohner ihr Geld durch den Tourismus, der hier von Ende April bis Mitte Oktober das Leben beherrscht. Am eigentlichen Ortsausgang, wie an einen Berghang angelehnt, steht die Herberge. Vor ihr dehnt sich ein Parkgelände aus, auf dessen anderer Seite die Bebauung der Hänge in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Bedingt durch die hier herrschenden Bauvorschriften, die das Bauen nur bis zu einer bestimmten Höhe und die Architektur der Häuser auf den traditionellen Stil Nordsardiniens festlegen, ist die eigentliche Stadtgrenze nicht mehr erkennbar. Diese Details hatte ich von Peter erfahren, den ich am Strand, der sich etwa einhundert Meter unterhalb meines Hotels befindet, kennengelernt hatte. Zu Hause hatte ich mir vorgenommen, viel zu schwimmen und zu wandern, wollte zu mir selbst finden in diesem Urlaub.
Morgens, nach dem Frühstück, ging ich regelmäßig, nur mit Bikini und Jogginganzug bekleidet, hinunter an den Strand. Dort legte ich Hose, Jacke und Handtuch in den Sand, stieg ins Wasser und schwamm so weit ich konnte, natürlich den Rückweg einkalkulierend, hinaus.
Wenn ich dann zurückkam, war ich erschöpft, fühlte mich aber trotzdem sehr wohl.
Eine Zeit lang noch blieb ich dann am Strand sitzen, schaute einfach nur hinaus auf den Golfo di Arzachena und zur Bergkette auf der gegenüberliegenden Golfseite. An meinem fünften Urlaubstag, es war ein Donnerstag, saß, als ich zurückkam, ein Mann neben meinen Sachen, schaute mich an, als ob er auf mich gewartet hätte.
„ Ich beobachte Sie schon seit zwei Tagen, und da wollte ich sehen, wer da mit einer solchen Regelmäßigkeit Frühsport betreibt.“
Ich hatte nicht die Absicht, in diesem Urlaub Bekanntschaften zu machen, wollte allein sein, um in aller Ruhe auch über meine Beziehung zu Dieter nachdenken zu können. Ehrlichkeit dachte ich, vielleicht wirkt sie? „Wissen Sie, ich bin hierhergekommen, um meine Ruhe zu haben. Ich habe nicht die Absicht, jemanden kennenzulernen.“
Ich schätzte den Mann auf Ende dreißig. Er war schlank, sah aber nicht besonders sportlich aus. „Entschuldigen Sie bitte. Ich will Sie nicht anmachen, respektiere Ihre Absicht. Will dann auch nicht weiter stören.“
Er erhob sich und wandte sich zum Gehen. Dann drehte er sich noch einmal zu mir um. „Ich wohne in der Nähe, und, wie gesagt, beobachte ich Sie seit vorgestern. Ich denke, dass auch mir ein wenig sportliche Betätigung sicher gut täte.“ Dabei schaute er an sich herunter und, so glaubte ich es zu bemerken, streckte demonstrativ seinen Bauch ein wenig hervor.
„ Wenn Sie meinen“, sagte ich, blieb sitzen und schaute aufs Meer hinaus, obwohl ich jetzt gerne zum Hotel zurückgegangen wäre.
Dann, als er außer Sichtweite war, zog ich mir im Sitzen die Bikinihose aus und die Jogginghose an. Desgleichen verfuhr ich mit dem Oberteil. Ich ging auf mein Zimmer, duschte und zog mich an.
Mit einem Buch unter dem Arm lief ich hinunter in die Hotelhalle und durch einen Seitenausgang hinaus in den hoteleigenen Park. Hier standen einige Pinien, die, so nahm ich an, so beschnitten worden waren, dass sie über einem circa acht Meter hohen Stamm eine breit ausladende Krone bildeten, ein Dach oder besser einen großen, natürlichen Sonnenschirm. Um den Stamm herum standen einige bequeme Liegen, deren Sitzpositionen variabel einstellbar waren. Ich setzte mich, begann zu lesen, fand aber nicht die nötige Ruhe dazu. Immer wieder wanderten meine Gedanken nach Hause nach Weilburg an der Lahn.
Ich war gerade zweiundvierzig Jahre alt geworden, arbeitete bei einer Versicherung und engagierte mich in meiner Freizeit auch politisch. Ich musste lächeln, weil ich gerade im sogenannten Bewerbungsstil dachte, bin aber froh, dass mich niemand dabei beobachtete. Ich war hier draußen alleine und genoss es, dass die großen Touristenströme jetzt im September bereits versiegt waren.
Die zu dieser Zeit hier herrschende Temperatur wie auch das Wetter überhaupt kamen einem schönen deutschen Sommer nahe. Aber auch in der Gallura, so heißt die Landschaft im Norden Sardiniens, wo überwiegend Granitsteinbrüche die industriellen Ansiedlungen bilden, ist die Natur nicht mehr in heiler Ordnung.
Einer Hotelangestellten hatte ich darüber berichtet, dass mir beim Schwimmen wiederholt Feuerquallen, Medusen, wie man hier sagt, begegnet waren. Die Frau hatte eine bedauernde Geste gemacht und erklärt, dass man die hier noch vor einigen Jahren nicht gekannt habe. Auch im hiesigen Meer ist also das Gleichgewicht der Natur gestört, dachte ich.
Einen Mann am Nachbartisch hörte ich während des gestrigen Abendessens darüber berichten, dass im vergangenen August städtische Arbeiter Feuerquallen eimerweise davongetragen hätten. Als ich das hörte, dachte ich daran, dass ich mich zu Hause schon oft an Protestaktionen beteiligt hatte, die gegen die Zerstörung unserer natürlichen Umwelt gerichtet waren. All das ging mir durch den Kopf und mir fiel auf, dass ich wieder nicht konkret über meine derzeitigen Probleme nachdachte, was ich doch eigentlich wollte, als ich das Buch zur Seite gelegt hatte.
Jetzt stellte sich Bewegungsdrang ein. Warum nicht, dachte ich, stand auf und ging auf mein Zimmer. Ich zog Jeans, T-Shirt und feste Schuhe an und machte mich auf den Weg. Ich war dabei, eine Strecke über die Berge nach Arzachena zu erkunden und schon ein gutes Stück vorangekommen. Ich benötigte heute etwa eine Stunde, um das Ende des bereits gelaufenen Abschnitts zu erreichen. Dann wandte ich mich weiter in westlicher Richtung und erreichte bald einen Bergrücken, von dem aus ich hinunter ins Tal und bis nach Arzachena blicken konnte. Ich markierte meinen Standort, indem ich auf einen größeren Felsen einige Steine legte, damit ich den Ort beim nächsten Gang wiedererkennen könnte. Nun trat ich den Rückweg an. Nach insgesamt zwei Stunden, die Pausen eingerechnet, kehrte ich wieder zum Hotel zurück. Ich zog mich vollständig aus und legte mich sofort in mein Bett, so erschöpft war ich, und schlief auch direkt ein.
Als ich wach wurde, erinnerte ich mich daran, dass ich heute in einem Restaurant am Hafen zu Abend essen beabsichtigte. Ich öffnete alle Fenster, genoss die frische Luft, die vom Golfo herübergeweht wurde. Dann unter die Dusche. Zuerst eine Weile kaltes Wasser, dann Warmes, schließlich ein Wechsel von beidem, und schon fühlte ich mich wie neu geboren. Ich wählte ein leichtes Sommerkleid, in dessen Muster die Farbe rot vorherrschte. Mein Haar kämmte ich glatt nach hinten und hielt es mithilfe eines Gummirings zusammen. Fertig, dachte ich, betrachtete noch einmal die Gesamterscheinung im großen Spiegel, war mit mir zufrieden und verließ das Zimmer.
Im Café del Porto setzte ich mich an die Straße, nahm einen Espresso und beobachtete die Hafenarbeiter, die damit beschäftigt waren, die Jachten der Reichen winterfest zu machen. Große Boote, denen man ihre Schnelligkeit ansah. Nicht mein Fall, aber das Segeln würde mir bestimmt gefallen. Eine Segelreise um Sardinien und Korsika herum, mit der Übernachtungsmöglichkeit an Bord, stellte ich mir recht romantisch vor.
Jetzt blickte ich auf meine Uhr, acht, also Zeit zum Abendessen. Das Restaurant befand sich direkt neben dem Café. Schnell fand ich einen freien Tisch, denn das Lokal war noch nicht stark besetzt. Ich setzte mich aus Gewohnheit so, dass ich sowohl einen Überblick über den Gastraum als auch eine Aussicht auf das Hafengelände hatte. Kaum dass ich saß, betraten zwei Männer das Restaurant, von denen ich den einen sofort erkannte. Es war der Mann vom Strand, den ich hatte abblitzen lassen. Sein Begleiter war ein elegant gekleideter Herr. Äußerlich spiegelten die beiden einen starken Kontrast wider, der eine im schwarzen Nadelstreifenanzug mit Oberhemd und Krawatte und der andere mit Jeans, T-Shirt und offenem Hemd über der Hose bekleidet. Der mir bekannte Mann hatte mich wohl noch nicht gesehen, schien sich ausschließlich auf seinen Begleiter zu konzentrieren. Sie setzten sich an einen Tisch in meiner Nähe, jedoch versperrte mir eine Säule die Sicht auf einen Teil ihres Tisches. So sah ich lediglich den elegant Gekleideten.
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