Natürlich hat nicht jeder von uns gleich den biblischen Text der Eden-Geschichte präsent. Deshalb auch noch mal ein kurzer Hinweis auf die formalen Grundlagen: Den betreffenden Original-Text über Eden finden wir im Alten Testament (AT) unter Mose 1 ('Genesis') und speziell unter Mose 1; 2.7-25 und Mose 1; 3.1-24) in einer gängigen Luther-Bibel (z. B. in der Fassung von 1912). Diese ca. anderthalb Seiten stehen im Mittelpunkt unseres Interesses. Von dort stammen fast alle Hinweise, die dieser völlig um-interpretierten Eden-Story zugrunde liegen. Aber um die vorliegende Story zu verstehen, ist es nicht unbedingt notwendig, den Bibel-Text vorliegen zu haben. Die allermeisten der relevanten Passagen zitieren wir im Wortlaut.
Wir müssen die Eden-Geschichte der Bibel allein schon aus einem Grund auch sehr genau lesen: Sie ist äußerst kurz . Der Text besteht aus nur 42 Versen: Die mutmaßlich wichtigste Geschichte der Menschheit hat einen Anteil von nur etwa dreizehn Hundertstel (0,13 %) am Gesamt des Bibeltextes! Also ganz erstaunlich wenig! Allein dieses Missverhältnis macht uns neugierig — und natürlich misstrauisch. Wir vermuten, dass uns die Autoren einiges unterschlagen und wichtige Passagen späteren Zensoren zum Opfer gefallen sind. Trotzdem stellen wir erleichtert fest: Zur Entschlüsselung der wichtigsten Begebenheiten in Eden, zur Übersetzung in unser heutiges Verständnis, reicht allemal, was der Text hergibt.
Für diesen Transfer füllen wir die verbleibenden weißen Flecken in der biblischen Darstellung durch logische Schlussfolgerungen und vor allem durch schlüssige Analogiebildungen aus heutiger Sicht. Auch die Kenntnisse psycho-sozialer Mechanismen sind dabei hilfreich. Die Technik ist einfach: Wir fragen uns bei den ultrakurzen Darstellungen immer wieder: Welche Konsequenzen hätte diese oder jene Handlung, Maßnahme, Entscheidung, Entwicklung, Strategie etc. unter heutigen Bedingungen — in Eden? Denn wir gehen z. B. ganz konsequent davon aus: Um einen Menschen (z. B. Adam) zu 'machen' braucht man zumindest eine komplette Klinische Einrichtung, u. a. medizinisch-chirurgische und gentechnologische Kompetenzen, das medizinisch-wissenschaftliche Personal etc. etc und sehr, sehr viel Zeit. Und — das wird oft vernachlässigt: Einen plausiblen Grund, ein Motiv braucht man auch. Denn eins steht wohl ausser Frage: 'Nur mal so' betreibt niemand einen solch ungeheuren Anfahrt-technischen wie wissenschaftlichen Aufwand, nur um einen Menschen herzustellen. Und dass für ein solches Unternehmen ein 'Erdenkloß' (Mose 1; 2. 7) reichen könnte oder ein paar Leichenteile wie bei einem gewissen Dr. Frankenstein seinerzeit in Ingolstadt, nehmen wir auch nicht an.
Und noch etwas betrifft die Eingrenzung unseres Themas: In unserer Eden-Story konzentrieren wir uns fast ausschließlich auf die Akteure in Eden und auf die dortigen Ereignisse. Alles andere davor und danach lassen wir hier ganz bewusst weitgehend außer Acht. Auch aus diesem Grund trennen wir strikt zwischen der 'universalen Schöpfung‘ und der 'Schöpfung des Menschen‘. Diese Trennung entspricht unserer Grundeinsicht, dass die Annahme eines 'universalen Gottes‘ zum Sinn und zum Verständnis von Eden nichts beiträgt. Es geht um die Eden-Geschichte pur. Für die hier erzählte Story ist es unerheblich, ob die Erde im Zuge des Urknalls durch die Gesetze der Physik oder an einem sonnigen Montagnachmittag durch die Hand Gottes entstanden ist. D. h. wir stellen in diesem Text speziell und gezielt den 'Gott' von Eden auf die Probe; der Gott der universalen Schöpfung ist hier nicht unser Thema.
Und vielleicht doch noch ein abschließender Hinweis für den geneigten Leser: Dafür, dass uns die gute alte Eden-Geschichte aus der Bibel oder aus Omas Erzählungen noch ganz vertraut erscheint, berichten wir auf diesen Seiten tatsächlich allerdings doch sehr wenig Bekanntes. Stattdessen gibt's quasi 'um jede Ecke' etwas Neues, vielleicht noch nie Gehörtes. — Das ist für manchen Leser eine (mittlere) Zumutung. Aber mit Sigmund Freud (Denken ist Probehandeln mit vermindertem Risiko) wollen wir uns und anderen Mut machen, im Hinblick auf Eden grundsätzlich umzudenken. Wir sind überzeugt, es lohnt sich, auf das Abenteuer 'Eden' einzugehen. Wir selbst finden zunehmend spannend, etwas (konsequent zu Ende) zu denken, was wir bisher noch nicht gedacht haben. Wir laden ein, uns zu folgen und auf diesen Seiten munter mit zu entdecken, mit zu überlegen, sich einzulassen auf die Geschichte und vielleicht auch mitzufühlen (z. B. mit der 'armen kleinen' Eva) — Wir werden sehen.
Und dann noch dieser Hinweis: Wir wollen mit unserem Text niemanden missionieren. Jeder soll glauben, was er will. Wir versammeln keine Sekte um uns herum, und wir sehen das Ganze auch generell eher gelassen — so verwirrend oder dramatisch es an einigen Stellen vielleicht auch zugehen mag. Welche Konsequenzen am Ende daraus zu ziehen sind, das hat jeder selbst in der Hand.
Eine allerletzte Anmerkung betrifft die Schreibweise des Gottes-Begriffs: Wir schreiben 'Gott' oder 'Götter' in Anführungszeichen, wenn der 'Gott' von Eden gemeint ist, bzw. später im Text seine Substitute — und zwar aus der Sicht des Autors. Schreiben wir über Gott aus der Sicht von Gläubigen, von biblischen Personen oder aus Sicht der Bibel allgemein, schreiben wir Gott ohne Anführungszeichen.
A. EDEN HEUTE
Das traditionelle Deutungsmonopol der Kirche und die Alternative
Die Geschichte von Eden, von Adam & Eva und von den andern Beteiligten sind (ähnlich wie z. B. die von Sodom oder Babel) gesellschaftliches Gemeingut, Mythologie. Mit all ihren gängigen Interpretationen sind sie über Jahrhunderte vielfach zur Folklore geronnen — oft im Kinderformat. Allen diesen Deutungsmustern ist eins gemeinsam: Sie kranken an religiös geprägter Einseitigkeit. Im Rahmen des sog. Christlichen Abendlandes scheinen wir uns daran gewöhnt zu haben. Es mangelt daher erheblich an rein weltlicher Sicht auf die Bibel!
Die abrahamitischen (mediterranen) Religionen und ihre Kirchen gängeln uns schon seit langem mit religiösen Gehorsamserwartungen. Das wird von einer alten Forderung flankiert, die uns in der Spur halten soll. Und die heißt: ' Du sollst glauben – nicht wissen‘ (s. u.). Wir nennen dieses Verdikt das 'Eden-Prinzip' , weil wir dieser Kernbotschaft der Bibel in der Eden-Story zum ersten mal begegnen, und zwar am 'Baum der Erkenntnis' (Mose 1; 2,17: '… aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen …' ) D. h. wir sollen bestimmte Erkenntnisse nicht haben. Eigentlich ist das erstaunlich, denn frische Erkenntnisse sind doch erst einmal gut und bringen uns oft auch vorwärts. Soll uns hier vielleicht etwas verheimlicht werden, was wir nicht wissen sollen? — Aber wir werden dahinterkommen. Denn welcher Art diese Erkenntnisse sind, das wird uns noch ganz ausführlich beschäftigen.
Heute zwingt uns niemand mehr, den dunstigen Himmel über Eden den mediterranen Religionen und das in der Bibel berichtete Geschehen dem Klerus, den Religionslehrern und Theologen zu überlassen. Und trotzdem tun wir das. Und wir hören von den kirchlichen Exegeten immer wieder, all die Bibel-Texte seien ja metaphorisch oder allegorisch zu verstehen. Dabei haben wir nicht selten den Verdacht, es geht wohl eher um die Verschleierung eklatanter Widersprüche und Ungereimtheiten und um die Hütung von 'letzten Geheimnissen'. Wir müssen uns auch nicht immer wieder ein paar tausend Jahre 'dümmer' stellen — nur, um im Sinne der Kirchen 'ordentlich' glauben zu können. Wir sollten bei der Lektüre der Bibel unser selbständiges Denken und unser Wissen nicht aus dem Hinterkopf verbannen. — Es wäre ja auch schade ums Schulgeld.
Unser Anliegen wird vielleicht langsam deutlich: Wir wollen eine ganz neue Lesart der Eden-Geschichte erzählen. Wir bemühen uns hier um ein alternatives Verständnis von Eden, indem wir eine ausschließlich säkulare, weltliche Sicht auf Eden versuchen. Den eigentlichen Text der Bibel verlassen wir dabei kaum. Der Wortlaut der Geschichte bleibt im Großen und Ganzen derselbe, aber wir interpretieren sie völlig neu — ganz konkret auf der Basis unseres heutigen Wissenskanons.
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