„Wer wird denn gleich so hektisch sein? Ich habe Getränke für alle mitgebracht. Wir singen ein paar Lieder. Hey Joe von Jimmy Hendrix kennt doch jeder!“, rief der alte Bekannte und stimmte den Song an.
Auch die gesamte Belegschaft des Zimmers 2 reagierte unwirsch auf den ungebetenen Besucher, besonders Joe, der seinen Vollrausch vor dem Klinikpersonal zu vertuschen versuchte.
„Hey Mann, hau ab, und komm am Nachmittag wieder“, stammelte Joe, der sich seiner unpässlichen Lage bewusst war.
„Aber wieso denn? Trinken wir etwas! Was ist mit euch, Jungs? Wer will selbstgebrannten Obstschnaps? Alles gratis, kostet nichts!“, rief der alte Bekannte.
Der junge Angestellte und Herzkranke Oscar jammerte herum, dass endlich Ruhe herrschen sollte, und bewarf den Störenfried mit Mandarinenschalen. „Verschwinde! Mach sofort, dass du wegkommst!“, rief Oscar.
Schon etwas unwirscher reagierte der Rapper Fred. „Hau sofort ab, oder du bekommst ein paar aufs Maul!“, drohte er dem Störenfried Hiebe an.
„Bitte beruhigt euch, ich hole jetzt den Sicherheitsdienst“, versuchte die Nachtschwester die Patienten im Zimmer 2 zu beschwichtigen, was jedoch erfolglos blieb, besonders beim Austro-Spanier Pedro, der sofort zum Gegenangriff überging. „Vergessen Sie die puta Guardia, wir schmeißen den Tonto selber raus!“, rief der Austro-Spanier und wandte sich an den frühmorgendlichen Besucher: „Sag einmal, spinnst du?“
„Normalerweise nicht“, antwortete der alte Bekannte.
„Gibt es hier irgendwo eine Tafel, dass hier das Irrenhaus von diesem Idiotenkaff ist?“, fragte Pedro.
„Natürlich! – Das hier ist die Psychiatrie!“, antwortete der alte Bekannte.
„Richtig. Das ist eine Psychiatrie, und zwar eine offene, und in jeder guten Psychiatrie gibt es auch eine geschlossene Abteilung, die gemeinhin als Irrenhaus bekannt ist, ist dir das klar, Tonto?“
„Diese Argumentation scheint stimmig zu sein. Aber was hat das mit mir zu tun, mein lieber Herr, wo ich doch nur einen freundschaftlichen Krankenbesuch machen wollte?“, fragte der alte Bekannte des Musikers Joe.
„Vale, wir verstehen uns, Amigo, nur ein Idiot macht einen Krankenbesuch um sechs Uhr morgens, ist dir das klar, Tonto?“, machte der Austro-Spanier Druck.
„Kannst du mir mal erklären, was ein Tonto ist? In unserer Sprache kennen wir den Begriff nicht“, antwortete der Besucher.
„Ein Tonto ist ein Idiot. Und wo nehmen sie Idioten auf? In einem Irrenhaus. Faktum ist, dass du gleich hierbleiben kannst, denn in einem Irrenhaus haben sie für solche Idioten wie dich einen gemütlichen Platz in der Gummizelle frei. Und jetzt verschwinde, bevor ich dich persönlich in die Gummizelle stecke. ¡Vete al infierno, Tonto!“, rief Pedro, dessen Aggressivität doch für Eindruck bei dem ungebetenen Besucher sorgte.
„Na gut, dann will ich mich lieber zurückziehen, aber ich komme am Nachmittag wieder“, sagte der alte Bekannte.
„Puta madre, endlich una buena idea, bis dahin liegt eine Zwangsjacke beim Portier für dich bereit, du brauchst das gute Stück nur noch anzuziehen und in die Gummizelle einzurücken, die wird dir das Personal schon zuweisen, vorausgesetzt, es sind nicht noch mehr Idioten wie du auf freiem Fuß“, antwortete Pedro.
Joes alter Bekannter verließ das Zimmer 2 grußlos. Am Gang beschwerte er sich jedoch noch bei der Nachtschwester, dass man hier offensichtlich gemeingefährliche Leute mit seinem alten Kumpel Joe untergebracht hatte.
Auch Joe kam aus dem Zimmer, um seinen Kumpel aus der Station zu begleiten und um nicht noch mehr Aufsehen zu erregen, während die beiden Nachtschwestern ins Zimmer 2 eilten, um die Patienten zu beruhigen. Sie verteilten Beruhigungstabletten, jeder bekam eine, nur der wilde Austro-Spanier musste zwei schlucken, sicher sei sicher, was dem Amigo jedoch überhaupt nicht passte; außerdem sprach er schon wieder nur Spanisch.
Doch die Medikamente wirkten. Die drei Patienten schliefen schnell wieder ein, besonders der Austro-Spanier, der erst um elf Uhr wieder zu sich kam und weiterhin nur Spanisch sprach, außerdem las er die spanische Tageszeitung „El País“ und sah spanisches Fernsehen online. Er beruhigte sich erst wieder, als das Mittagessen kam, danach sprach er wieder Deutsch und begleitete Oscar, der etwas schwach auf den Beinen war und an Schwindelanfällen litt, zum Friseur, weil er heute Nachmittag Besuch von seiner Freundin erwartete.
Im Friseursalon stieg die Stimmung, der Austro-Spanier machte ein paar Scherze und verteilte viele Komplimente an die Friseusen, sowohl an die Chefin, die in den Dreißigern war und die er auf Ende zwanzig schätzte, als auch an das siebzehnjährige Lehrmädchen namens Steffi, die er für zwanzig und besonders „knusprig“ hielt; weiters machte er noch den Patientinnen von der Station Komplimente, die sich heute ebenfalls einen Friseurbesuch gönnten, nämlich dass sie heute Abend viel Erfolg in den Bars und Nachtclubs haben würden, und nicht zuletzt Oscar, auf dessen Kurzhaarfrisur heute Abend viele Mädels in der Szene fliegen würden.
So war der Zwischenfall von heute Morgen auf der Station E im Zimmer 2 schnell vergessen, außer beim Patienten Joe, der sich einem peinlichen Alkotest unterziehen musste, der 2,2 Prozent Promille ergab, was ihm eine ordentliche Kopfwäsche durch die Oberärztin einbrachte. Selbstverständlich wurden seine Angehörigen informiert, und schlussendlich wurde ein Memo an die Hauptverwaltung über die Vorfälle verfasst. Eine Kopie ging an den Betriebsrat, so hatte die Gewerkschaft gute Trümpfe in der Hand, um mehr Personal für die psychiatrische Abteilung zu verlangen.
Der Rapper Fred erhielt bereits zu Mittag Besuch von seinen Verwandten, und er bekam Ausgang bis 18 Uhr.
Der Musiker Joe bekam ebenfalls Ausgang bis 18 Uhr, weil er seinen alten Bekannten von heute Morgen treffen wollte, um einiges mit ihm zu regeln, was Joe wichtig wäre, da es sich um einen langjährigen Freund und Partner aus der Musikszene handelte, den man nicht so einfach vor die Tür setzen konnte, egal ob es zu Recht oder zu Unrecht passierte. Dieses Argument wurde von der Oberärztin akzeptiert, aber nur unter der Bedingung, dass der Patient Joe KEINEN Alkohol trinken würde, was dieser hoch und heilig versprach.
Auch der junge Angestellte Oscar bekam Besuch, von seiner Freundin, doch die beiden begnügten sich mit einem Imbiss in einer Pizzeria nur wenige Meter außerhalb des Krankenhausareals.
Nur der Austro-Spanier Pedro blieb auf der Station zurück, um dort ein spanisches Buch zu lesen und Filme auf Spanisch, aber auch auf Französisch und Italienisch anzusehen.
Das Wetter war gut an diesem Dezembernachmittag, und die Patienten, die gut zu Fuß waren, nutzten die Sonnenstunden für Spaziergänge in den Parks der Krankenhausanlage. Die Besucher kamen und gingen, Personenkontrollen gab es keine. Die auffälligeren Leute aller Art trieben sich bereits in der Innenstadt herum und sorgten dort für Wirbel im Vorfeld des traditionellen Krampuslaufes. So bemerkte auch niemand die an sich unauffälligen Personen, die überall auf dem Krankenhausgelände Teufelssalz auslegten, ein gefährlicher, nur in Spanien bis zur Perfektion entwickelter biologischer Kampfstoff, der nach Einbruch der Dunkelheit in Teufelsviren mutieren konnte, gegen die nur Eingeweihte aus der Guardia Civil resistent waren.
Sowohl die örtliche Polizei als auch das Krankenhauspersonal stellten sich erst für die späteren Abendstunden auf Hochbetrieb ein, für die Zeit, wenn die Krampusse die Stadt unsicher machten, wobei das Problem darin lag, dass nach dem offiziellen Krampuslauf unzählige private Krampusumzüge der lokalen Gruppen starteten, die bis weit nach Mitternacht in der Innenstadt, aber auch in den Außenbezirken regierten.
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