Die Französinnen Martine und Annie sorgten sich um meine Gesundheit, als sie sahen, wie ich mit einer langen Nadel in einer großen Blase an der Ferse herumstocherte. »Das kann schlimme Infektionen und Fieber auslösen!«, meinte die eine. »Wir zeigen dir jetzt, wie wir das in Frankreich machen!«, fügte die andere hinzu.
Schon standen sie mit einem großen Erste-Hilfe-Set neben meinem Bett. Durch eine Nähnadel wurde ein dicker Faden gezogen, der mit einer Desinfektionsflüssigkeit getränkt war. Sie zogen die Nadel mit dem Faden durch meine Blase, cremten sie ein und umwickelten den Fuß mit viel Verbandsstoff. Die anderen Pilger standen um uns herum. Sie hatten alles beobachtet und fotografiert.
Dieser Nähkurs war auch für mich neu und ich war überzeugt, dass die Blase nach dieser professionellen und charmanten Behandlung nicht mehr schmerzen und bestimmt ganz schnell heilen würde.
Eine Woche später wurde der Fuß schwarz und fiel ab. Der heilige Jakobus erschien mir und sagte: »Das ist die Strafe dafür, dass du auf dem Jakobsweg geraucht hast!«
Ich erwachte aus meinem Alptraum, weil Ulrike oben rechts leicht schnarchte.
Seitensprünge nach Logroño
Nach einem einfachen Frühstück in der Herberge lief ich durch die Weinberge Richtung Hauptstadt des Rioja. Der Himmel war schwarz, aber immerhin regnete es noch nicht. Vor Logroño hatte ich das Haus von Maria verpasst, der Tochter der legendären Doña Felisa. Leider saß sie nicht mit einem Megaphon vor dem Haus, um ihren speziellen Pilgerstempel anzubieten. Ich vermutete, dass sie an der heutigen Ersten-Mai-Feier in Logroño teilnahm und dort für höhere Stempelgebühren demonstrierte – oder vielleicht hatten mich einfach die großen Kettenhunde in diesem Quartier abgelenkt. Kerkeling ist der Meinung, wer sich hier keinen Stempel hole, sei nicht gepilgert. Was soll’s, dann bin ich eben nur gewandert.
Nach einem kurzen Kaffeestopp lief ich weiter durch Logroño. Falls es eine Erste-Mai-Demonstration gab, fand sie entweder in einer anderen Straße oder erst am Nachmittag statt. Auf dem asphaltierten Spazierweg außerhalb von Logroño wimmelte es von spanischen Spaziergängern, Joggern und Bikern. Sie nutzten den freien Tag für sportliche Aktivitäten. Viele Spanier wünschten mir einen »Buen camino«. Bei rücksichtslosen Bikern musste ich aufpassen, dass ich nicht überfahren wurde, und oft half nur noch ein Seitensprung nach rechts oder links. Schließlich wurde mir das Seitenspringen zu mühsam und ich lief neben dem Weg weiter. Kurz vor dem Naherholungsgebiet La Grajera fing es heftig an zu regnen. Ich rettete mich ins Restaurant beim Stausee und bestellte ein kleines Fläschchen Rioja.
Bald war der Regen vorbei und die Sonne drückte durch die Wolken. Beschwingt und leicht angeheitert lief ich weiter durch die Rioja Weinberge bis nach Navarrete.
Nach zweiundzwanzig Kilometern hatte ich mein Tagespensum erreicht und stoppte in der ersten Herberge des Dorfes. In der »La Casa del Peregrino« bekam ich ohne Probleme ein Bett für acht Euro. Leider installierte sich kurz darauf die Nervensäge aus Luxemburg direkt im Stockbett über mir. Der fünfunddreißigjährige Single nutzte die Ferien, um auf dem Jakobsweg seine langweiligen und konservativen Ansichten unter die Leute zu bringen. Pilger sind tolerant und können nicht immer davonlaufen. Er war nicht unsympathisch, aber er redete und redete und ich hörte oft gar nicht zu, weil mich sein Geschwätz nicht interessierte. Als engagierter Anhänger der Pius-Bruderschaft waren ihm die meisten Pilger zu wenig religiös und er hoffte wohl, dass ich durch ihn zum wahren Glauben finden würde. Ich hatte damals bald genug und floh ins Zentrum von Navarrete.
In einer Bar zeigte ich mit dem Finger auf die Menükarte und bekam ein Riesensandwich mit Tinten- und Thunfisch. Die Sonne schien und viele Pilger saßen draußen hinter einem Bier oder Glas Wein. Ständig kannte ich wieder jemanden und wurde an einen Tisch gerufen. So kam ein Glas zum anderen und nach dem Besuch der Kirche mit dem prunkvollen Barockaltar lief ich zurück in die Herberge.
Ich war sehr müde und schlief bald ein. Allerdings nur, um kurze Zeit später wieder aufzuwachen. Der Luxemburger über mir hatte einen sehr unruhigen Schlaf. Er wälzte sich die ganze Nacht hin und her und gab manchmal unverständliche Worte von sich. Bei jedem Wälzer zitterte und schepperte das Eisenstockbett wie bei einem Erdbeben. Leider wurde es eine ziemlich schlaflose Nacht.
In Nájera lag nicht nur das Geld auf der Straße
Ohne Frühstück nahm ich Punkt sieben Uhr die geplante Fünfundzwanzig-Kilometer-Etappe nach Azofra unter die Füße. Wie jeden Morgen schmerzte mich auf den ersten Kilometern mein linker Fuß. Die Sehnenscheidenentzündung war leider noch nicht ganz verheilt. Wenn hin und wieder ein stechender Schmerz durch den Fuß raste, stöhnte oder schrie ich ein »Oh Madonna!« in die stille Natur. Trotzdem war ich zufrieden, denn ich hätte nie gedacht, dass ich mit diesem Fuß und meinem spinnigen Knie so weit kommen würde. Ich hatte mich schon zu Hause darauf eingestellt, gelegentlich den Bus nehmen zu müssen. Da ich gelesen hatte, dass Buspilger bei echten Pilgern nicht sehr beliebt sind, hatte ich mir quasi als Entschuldigung diesen Problemfuß-Ausweis mit Medikamentenrezept gebastelt.
Ich kam gut voran und leistete mir für ein ordentliches Frühstück sogar einen kleinen Umweg nach Ventosa. Magen und Füßen ging es danach viel besser und ich lief guten Mutes weiter durch die Weinberge.
»Hallo, Johannes!«, rief plötzlich eine weibliche Stimme von einer kleinen Anhöhe aus. Dort oben standen Uschi und Joachim, die ich am Bahnhof von Bayonne kennengelernt hatte. Er würde in einem Monat siebzig Jahre alt werden und die beiden wollten den runden Geburtstag in Santiago feiern. Aus diesem Grund trieb die etwa fünfzehn Jahre jüngere Uschi ihren Ehemann immer wieder an, damit sie bis zum sechsten Juni auch wirklich dort ankämen.
»Ich bin müde und mag nicht mehr, aber meine junge Frau will immer, dass ich noch einige Kilometer weiterlaufe«, hatte sich der leidende Joachim auf dem steinigen Abstieg vom »Alto del Perdón« bei mir beklagt.
Immerhin gönnte sie ihm jede Stunde eine Pause. Wir liefen zusammen Richtung Nájera. Beim Ortsschild ging ein heftiges Gewitter nieder. Ich hetzte durch den Regen und sah am Straßenrand eine Zweieuromünze glänzen. Freudig hob ich sie auf und betrachtete sie als Spende für einen Willkommensdrink. Plötzlich sah ich, wie Joachim vor mir ausrutschte und über den Gehsteig auf die Straße stürzte. Geschockt rannte ich ihm zu Hilfe. Glücklicherweise hatte er den Sturz heil überstanden und alles funktionierte noch. Mir wurde wieder bewusst, wie schnell der Jakobsweg zu Ende sein kann.
Ich setzte mich alleine in eine Bar und bezahlte das Bier mit der gefundenen Münze. In der Zwischenzeit hatte es aufgehört zu regnen. In der Altstadt besuchte ich einen mittelalterlichen Markt und lief dann weiter bis Azofra.
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