Nach dem Frühstück brechen wir auf. Sobald die Stadt hinter uns liegt, können wir beinahe ungehindert fahren. Bis Szekszárd bleibt die Landschaft bergig, bei Bátaszek ist sie hüglig, und vor Baja wird sie eben. Wir passieren die Donau über eine Brücke, wenden uns südwärts.
Noch acht Kilometer, sehe ich auf dem Ortsausgangs-Schild, bis Vaskút!
Die Landstraße führt schnurgerade ins Dorf. Ich merke, wie mir das Herz klopft. Was ich sehe, erscheint mir vertraut. Gleichzeitig empfinde ich, dass es eine Veränderung gibt. Doch ich erfasse nicht, worin sie besteht.
Vor dem Gemeindeamt biege ich rechts ab. Da ist die Post, dort die Apotheke, und auf der anderen Seite hat mein erster Lehrer gewohnt. Wie oft bin ich als Kind hier entlanggegangen? Die Erinnerung wird übermächtig. Muss ich mich an der nächsten Kreuzung nach links wenden? Das Auto rollt im Schritttempo, mein Blick tastet über die Fassaden. Doch sie wirken fremd, es ist die falsche Straße. Erst an der nächsten Ecke das ersehnte Schild: Gróf-Szécheniutca.
Nur flüchtig registriere ich, dass der einst staubige, von schweren Wagenrädern zerfurchte Fahrweg asphaltiert ist. Meine Spannung wächst, dringt bis in die Fingerspitzen. Da ist das Haus. Beim Aussteigen begreife ich, was sich noch verändert hat: Die Akazien, die früher alle Gehwege gesäumt haben, sind gefällt. Ihren Platz nehmen Obstbäume ein. Ehe ich weiß, wie ich mich verhalten soll, betritt eine ältere Frau die Straße. Nach einem Blick auf unser Auto, redet sie mich deutsch an. Sie spricht, wie meine Großmutter bis zu ihrem Tod gesprochen hat. Sobald sie weiß, wer ich bin, eilt sie in das Gehöft zurück, kommt wieder und bittet uns hinein. Sie sei eine Nachbarin, sagt sie, und wolle beim Verständigen helfen.
Der Hof, das Haus, sehe ich, sind kleiner als in meiner Vorstellung. Trügt auch das andere?
Der Gendarm war unerwartet gekommen. Meine Eltern fühlten sich schuldlos, sie hatten sich loyal verhalten, nicht dem „Volksbund“ angehört, pünktlich Steuern gezahlt, bis zuletzt in der Stellmacher-Werkstatt und auf dem Feld gearbeitet. Warum sollten gerade wir fort? Der Uniformierte konnte uns keine Auskunft geben. Es interessierte ihn auch nicht. Er hatte einen Befehl: Eine Stunde Zeit zum Packen, dann würde ein LKW vorfahren und uns zur Bahn bringen.
Wir bündelten fieberhaft und kopflos, was uns in die Hände geriet. Die ganze Tragweite würden wir wesentlich später erfassen. Noch nicht auf der langen Güterzugfahrt durch die Tschechoslowakei, auch nicht im Pirnaer Auffanglager. Erst in Görlitz, wo wir zu viert ein möbelloses Zimmer beziehen durften und monatelang auf Stroh schliefen, begriffen wir, dass kein Wunder mehr geschah, die Vertreibung endgültig war, wir uns in dem neuen Umfeld behaupten mussten.
Für mich hieß es Schule. In die vierte Klasse versetzt, obwohl ich drei Jahre nur ungarisch gelernt hatte, bereitete es mir größte Mühe, dem Unterrichtsgeschehen zu folgen. Die ersten Diktate waren voller Fehler, durch die ich mich schuldlos gedemütigt fühlte. Fleiß und Ehrgeiz halfen mir, die Rückstände aufzuholen, aber das erlittene Trauma blieb, am stärksten bei Großmutter und meinen Eltern, die das Entwurzeln bis zuletzt nicht verwanden.
Sie haben öfter als ich an Vaskút und unser Haus gedacht, das sie bauten, als ich ein Jahr alt war. Es wurde gerade noch fertig, ehe der Zweite Weltkrieg begann. Vorher hatte eine reetgedeckte Kate dort gestanden, errichtet von meinen Vorfahren, die um 1750 aus dem südlichen Schwarzwald Maria Theresias Ruf gefolgt waren. Das Dorf dehnte sich rasch aus, nahm als Schachbrett-Siedlung städtischen Charakter an, hatte, als wir vertrieben wurden, fast 5000 Einwohner. Über 85 Prozent waren Deutsche. Wie groß mag ihr Anteil jetzt noch sein?
Zögernd betrete ich die seitlich angebaute Küche, wo ich mir an bitterkalten Wintertagen die Hände überm Sparherd gewärmt habe. Ein altes Ehepaar begrüßt uns. Es geschieht freundlich, aber mir scheint, dass beide verunsichert sind. Fürchten sie, dass unser Auftauchen Konsequenzen für sie haben könnte? Falls es so ist, sorgen sie sich grundlos. Die ungarische Regierung hat zwar erklärt, dass unsere Vertreibung Unrecht war. Doch dabei wird es bleiben. Man hofft aufs Vergessen, die eliminierende Wirkung der Zeit. Sie tilgt viel, aber wohl nie alles.
Was in mir geschwelt hat, flackert auf. Muss ich mir nicht doppelt betrogen vorkommen? Wären wir ein Jahr vorher nach Bayern oder Hessen ausgesiedelt worden, hätten meine Eltern einen Lastenausgleich erhalten. In Görlitz durfte man kaum über seine Herkunft reden, wollte man nicht in den Verdacht geraten, ein Revanchist zu sein. Das staut Gefühle, nährt die Bitterkeit. Mein Groll richtet sich nicht gegen den alten Mann und seine Frau, die uns Kuchen anbietet. Letztlich sind sie Opfer wie ich. Durch die Benesch-Dekrete aus der Slowakei vertrieben, hatten sie allerdings mehr Glück als wir. Statt eines leeren Zimmers bekamen sie ein komplett ausgestattetes Haus. Doch mindert das ihre Redlichkeit? Sie hatten auf dem Anwesen getan, was ihnen möglich war. Nötig wäre mehr gewesen.
Die auffälligste Veränderung ist, dass es eine Wasserleitung gibt. Wo sich der Ziehbrunnen befand, wachsen jetzt Rosen. Am Tag, als der Gendarm erschien, schwamm eine Melone zum Kühlen darin. Später habe ich mich oft daran erinnert, wehmütig wie an die Weintrauben, Aprikosen, Maulbeeren und Pfirsiche, als ich auf den Feldern im Umkreis der Landeskrone mit Großmutter Ähren las oder Kartoffeln stoppelte, eine dünne Schicht Kunsthonig auf den Vesperbroten und Igelitschuhe an den Füßen.
Dass wir durch die Vertreibung unerwartet verarmt waren, belastete mich in der Rückschau weniger als die Tatsache, wie wir von den alteingesessenen Bewohnern behandelt wurden. Sie mochten uns aus mehreren Gründen nicht, vor allem jedoch, meine ich, weil sie fürchteten, dass man in ihre aus staatlicher Sicht zu großen Wohnungen lästige Untermieter einquartieren könnte, und von den ohnehin rationierten Lebensmitteln, die es auf Marken gab, sie durch die wachsende Zahl der Aufgenommenen noch weniger zugeteilt bekämen. Wir spürten ihre Abneigung, wenn sie uns im Vorbeigehen verächtlich musterten, hinterm Rücken über uns lästerten, und wir manchmal hörten, dass sie uns als Zigeuner beschimpften.
Auch in der Schule wurde ich bei jeder Gelegenheit, die sich ergab, von vielen Mitschülern gnadenlos angefeindet, so dass ich mir, wenn ich besonders arg gemobbt worden war, wiederholt wünschte, dass sich die schlimmen Erlebnisse aus meinem Bewusstsein löschen ließen. Doch inzwischen weiß ich längst, dass es unmöglich ist. Die Erinnerung hat sich fest in meinem Gedächtnis eingenistet, und ich wähne mich gefangen in ihrem Bannkreis, dem ich nicht dauerhaft zu entrinnen vermag.
Bevor wir uns von dem alten Ehepaar verabschieden, vereinbaren wir, noch einmal vorbeizukommen. Unterwegs zu unsrem Auto fühle ich eine leichte Benommenheit, die erst weicht, als ich Teri entdecke. Sie winkt von ihrem Fenster und eilt uns freudig entgegen. Ihre Haare sind an den Schläfen schon ergraut, aber die braunen Augen leuchten wie früher. Auch von Marika und Géza fühlen wir uns angenommen. Ein wenig schwierig wird die Verständigung. Was sie deutsch können und ich noch ungarisch weiß, reicht nicht aus. Gesten und Wörterbücher müssen helfen. Sie mindern nur den Fluss unsrer Gespräche, nicht ihre Intensität.
Wir bewundern ihr Haus, das vor zehn Jahren erbaut worden ist. Teri und Géza sind stolz darauf, auch auf das Gewächshaus, in dem hunderte Paprikaschoten reifen, und auf die zwei Autos, die in der Garage stehen. Mir bleibt unklar, woher ihr Wohlstand stammt. Teri ist Sachbearbeiterin im Gemeindeamt und bekommt kaum über zehntausend Forint im Monat. Verdient Géza so viel mehr? Er baut mit seinem Freund auf einem riesigen Pachtfeld in der Nähe des sechs Kilometer entfernten Bátmonostor Melonen an. Ihre Tätigkeit ist schwer und voller Risiken. Es genügt nicht, dem Boden hohe Erträge abzuringen, sie müssen auch verkauft werden. Im Sommer verbringt Géza mehr Zeit dort als zu Hause. Jeden Tag und jede zweite Nacht ist er draußen. Wenn man davon lebt, kann man keine Diebstähle zulassen.
Читать дальше