Lina schloss die Tür auf und betrat die Diele.
Dort sah alles aus wie immer.
Im Wohnzimmer roch es nach Zigarettenqualm. Eigentlich rauchte Mama auf dem Balkon und meist auch nur eine oder zwei Zigaretten am Tag. Jetzt aber stand der Aschenbecher -voll von schäbigen Kippen- auf dem Wohnzimmertisch, daneben Mamas BVB-Tasse, noch halb voll mit Kaffee. Mama mochte den BVB eigentlich nur wegen dessen Trainer, Lina interessierte sich gar nicht für Fußball und Jonas war für Schalke, weil der neue Praktikant im Kindergarten auch Schalker war.
Lina nahm die Tasse, um sie in die Küche zu bringen. In der Küchentür wurde sie starr vor Schreck. Die Tasse rutschte ihr aus der Hand und zersprang mit einem lauten Knall in tausend Stücke. Kalter Kaffee spritzte auf Linas Hosenbein: Der gesamte Küchenboden war übersät mit Scherben von Tellern, Tassen und Gläsern.
Die Besteckschublade war ausgeschüttet worden und die gerahmten Bilder mit den Blumenfotografien, die Mama selbst gemacht hatte, lagen zerschmettert dazwischen.
Ganz oben auf dem Chaos aber lag die Keramikkeksdose, die Mama von Oma bekommen hatte, bevor diese gestorben war, die hat sie von ihrer Mutter bekommen und so weiter.
Die Dose war ein großer Schatz und Lina und vor allem Jonas durften nicht alleine an die Dose gehen.
Mama hatte gesagt „irgendwann bekommst du die Dose, Lina mein Schatz, das ist Tradition bei den Frauen unserer Familie“ -Jonas war beleidigt gewesen, hatte eine Schnute gezogen und hatte gemault: „Immer nur Lina!“
„In diesem Fall ja“, hatte Mama bestimmt gesagt und Lina war sehr glücklich gewesen.
Und nun lag sie da, ihre Keksdose und hatte einen Riss vom Boden bis zum oberen Rand und der Deckel mit den schönen Rosenblüten war in tausend Teile zersprungen.
Lina bückte sich und murmelte: „Ich muss aufräumen.“
„Jetzt nicht“, sagte Herr Fuchs sanft und schob sie an der Schulter aus der Küche, „jetzt müssen wir ein paar Sachen zusammenpacken. Hast du eine Reisetasche oder einen Koffer?“
Lina nickte und holte die rote Reisetasche aus der Kammer, an der noch das Namensschild von der Klassenfahrt ins Münsterland vom Schuljahresbeginn baumelte.
Da hatte sie das erste Mal für ein paar Tage woanders geschlafen und obwohl sie zuerst gar nicht mit gewollt hatte, weil es Mama damals schon nicht gut gegangen war, war es doch schön gewesen, auch weil Mama plötzlich ein paar Tage bevor es losging fast wie früher gewesen war. Sie waren sogar zusammen shoppen gewesen war. Jonas war bei Birgit, Mamas bester Freundin gewesen und die beiden „Mädels“, wie Mama sagte, hatten sich einen tollen Nachmittag in der Stadt gemacht. An dem Tag hatte sie die Tasche bekommen und im Café echte Cola trinken dürfen.
Herr Fuchs schaute zu, wie Lina Kleidung in die Tasche packte, dann holte er die Altpapierkiste aus der Kammer, die aber leer war, weil Lina noch gestern beim Container gewesen war.
War das wirklich gestern gewesen? Es kam Lina viel weiter weg vor als nur einen Tag.
„Hier kannst du hineinpacken, was dir sonst noch wichtig ist“, sagte Herr Fuchs. Lina packte den neuesten Band der „Vampirschwestern“ in die Kiste, ihren Wecker, die Schweinchenkarte von Papa, zwei „Bibi und Tina“ CD’s, die sie noch nicht so oft gehört hatte und ihre Lieblings CD von Justin Bieber, die ihre Freundin Jule ihr gebrannt hatte.
Von Jonas Bett nahm sie eins seiner bunten Schnuffeltücher, von denen er mindestens zehn besaß.
Es waren gefärbte Stoffwindeln und sie rochen ein wenig nach dem Mandelöl, mit dem Mama Jonas die trockene Haut einrieb und ein ganz kleines bisschen nach Jonas.
Lina hielt sich das Stück Stoff unter die Nase und sog den vertrauten Duft tief ein. Sorgfältig legte sie das Schnuffeltuch ebenfalls in die Kiste.
Ganz zum Schluss schnappte sie sich noch „Toastbrot“, einen grell lilafarbenen, riesigen Plüschaffen, den sie, als sie ganz klein gewesen war, von der Kirmes bekommen hatte und den sie heiß und innig liebte.
Er gehörte fast so zur Familie wie Jonas und Mama und inzwischen mehr als Papa.
Mehr packte sie nicht ein.
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