Blitzschnell sind die Pioniere an der Brücke und wuchten mit geübten Handgriffen die Spanischen Reiter, die den Übergang sperren, zur Seite. Mit keuchenden Lungen hetzen die Männer weiter, nehmen vier schlaftrunkene Rotarmisten gefangen und kommen ohne Verluste auf die andere Seite. Der Feldwebel Hasler und der Unteroffizier Hahnfeld setzen ihre Stiefel auf russisch besetzten Boden, noch bevor das Geschützfeuer die Eröffnung des Unternehmens „Barbarossa” in alle Welt paukt. Möllhoff blickt auf das Leuchtziffernblatt seiner Armbanduhr: Es ist noch nicht 3 Uhr 15, der Auftrag zeitig erfüllt. Ein vermeintliches Himmelfahrtskommando sorgt für freie Fahrt. Guderians Panzer können über die Brücke bei Koden rollen.
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Das ist eine der großen Überraschungen des Tages. Die geplanten Handstreiche auf wichtige Brücken gelingen fast überall, obwohl seit Monaten viele Zeichen auf einen deutschen Angriff hingedeutet haben. Doch Stalin hielt entsprechende Meldungen schlicht für „Desinformation“. Die Absender dieser Nachrichten sollten ihre „Quelle“ gar „zur Hurenmutter schicken“. Nach dem Krieg kommt der sowjetische Verteidigungsminister Marschall Gretschko zu dem Urteil, dass weder die politische noch die militärische Führung überrascht wurden. Allein die Truppen an der Front seien ahnungslos gewesen. Nicht einmal die selbstbewussten und optimistischen Deutschen haben an die reibungslosen Flussübergänge geglaubt. Bei General Nehrings 18. Panzerdivision steht sogar eine Abteilung Tauchpanzer bereit, um gegebenenfalls auch ohne den Besitz von Brücken sofort ans Ostufer des Bug rollen zu können. Die Kampfwagen mit dem Riesenschnorchel kommen am 22. Juni an der Mittelfront erstmalig zum Einsatz. Südlich von Brest bestehen sie ihre Unterwasserfahrt durch den hier zirka vier Meter tiefen Bug.
Besondere Vorkommnisse kann auch Generaloberst Hoth, Befehlshaber der Panzergruppe 3, die den nördlichen Arm der großen Zange bei der Heeresgruppe Mitte bildet, melden. Auf die Frage, warum er die Brücken über den Njemen bei Olita nicht in die Luft jagte, antwortet ein gefangener russischer Pionieroffizier im Verhör, dass er sich an den Befehl gehalten habe, „um 19 Uhr zu sprengen“. 11
Hoths Panzerkommandanten haben nicht auf die Uhr geschaut, sondern die Gunst der Stunde genutzt. Angesichts der russischen Schwerfälligkeit mag es kaum noch verwundern, dass ein kriegswichtiges Objekt erst recht nicht zerstört wird, wenn überhaupt keine Weisung dazu vorliegt. So geschehen vier Tage später bei der Heeresgruppe Nord, als Mansteins „verrückter“ Handstreich auf die Dünabrücke glückt. Die deutschen Panzerführer handeln konsequent nach der Auftragstaktik 12, die selbständiges Handeln gemäß der Lage vor Ort begünstigt. Im Regelfall diktiert kein Divisionsgeneral von oben herab, wann genau der Handstreich auf eine Bücke erfolgen muss. Den Zeitpunkt, die Gunst der Stunde, definiert vielmehr der Führer, der mit seiner Einheit als erster das Ziel erreicht, zum Beispiel der Oberleutnant oder Hauptmann einer Panzerkompanie. Er bekommt von seinem Vorgesetzten allein den Befehl, die Brücke am Tag Y zu nehmen. Art und Weise der Ausführung sowie die Festlegung der X-Zeit bleiben ihm selbst überlassen. Die Auftragstaktik ermöglicht ein Höchstmaß an Flexibilität und Schnelligkeit, während die starre, fast sture Haltung der Russen der deutschen Blitzkriegstrategie erst richtig in die Hände spielt. Eigeninitiative scheint ein Fremdwort in der Roten Armee zu sein. Paradox ist, dass die Russen in ihrer Nachkriegsliteratur, zum Beispiel Schukow in seinen „Erinnerungen und Gedanken“, ausgerechnet diese Tatsache oft verdrehen und wider besseres Wissen vom „schematischen” deutschen Vorgehen sprechen. Vielmehr gelingen den Panzern der Wehrmacht bereits am ersten Tag tiefe Durchbrüche von 50, 60, 70 und sogar 80 Kilometern, wie eben bei Mansteins LVI. Panzerkorps.
Ein Bericht über die Kampfkraft der Roten Armee, den das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) für Hitler erstellt, scheint sich zumindest in einigen Punkten zu bestätigen: „Quantitätsmäßig: Gigantischer Militärapparat; Organisation, Ausrüstung, Führung: mittelmäßig; Befehlsprinzipien: gut; Offizierskorps: zu jung und unerfahren; Verbindungen und Nachrichtenwesen: schlecht; Truppe: ungleich und ohne Initiative; einfache Soldaten: guter Geist, bedürfnislos; Kampfgeist der Truppe: zweifelhaft. Im Ganzen gesehen, ist das russische Volk kein Gegner für eine modern ausgerüstete und hervorragend befehligte Armee.“
Hitler selbst soll die Rote Armee gar als „Witz“ verspottet haben.
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Bei der Infanterie gibt es mancherorts schon nach wenigen Schritten nichts mehr zu lachen. Leutnant Weinrowski von der norddeutschen 290. Infanteriedivision (I.D.) fällt bereits in der ersten Kriegsminute durch Gewehrfeuer. Aber sein Regiment 501 schlägt der nachfolgenden 8. Panzerdivision eine Bresche für den schnellen Stoß durch die Grenzbefestigungen. Weinrowski wird begraben, ein Birkenkreuz kennzeichnet seine letzte Ruhestätte – Mansteins Kampfwagen rollen auf Dünaburg, sein Ritterkreuz blitzt am Halse.
Weiter südlich, im Abschnitt der Panzergruppe 3, überschreitet der Funker Gerhard Bopp 13von der Aufklärungsabteilung 35 kurz nach vier Uhr die litauische Grenze. Strohbüschel markieren den Verlauf vorwärts des Kirsna-Flusses. Rauch liegt über den Dörfern im Osten, aber Freude in den Gesichtern der Einwohner. Die Litauer begrüßen die Männer der 35. Infanteriedivision als Befreier von der russischen Besatzung, teils mit Tränen in den Augen. Deutsche Fahrzeuge werden von den Balten mit Flieder geschmückt. Und die Kinder werfen Blumen zu.
In der Luft sind allerdings keine Kinder, sondern Krieger unterwegs, die Bomben schmeißen und Feindflieger mit Salven zerreißen. Unter den 2.713 Flugzeugen, verteilt auf die Luftflotten 1, 2 und 4, ist auch die wendige Me 109 von Hannes Trautloft. Ein Jäger wie ein Habicht, und die schwerfälligen russischen Bomber sind die Tauben. Die Höchstgeschwindigkeit der Me 109 liegt bei 570 km/h, der russische Blechvogel schafft mit seiner Bombenlast kaum 400 Stundenkilometer. Unter den Hammerschlägen der 20-Millimeter-Kanone ist Trautlofts Gegner binnen Sekunden zu Schrott gelöchert. Der erste Luftsieg im Osten für den Kommodore des Jagdgeschwader 51. Ein sowjetischer Verlust von insgesamt 1.811 vernichteten Flugzeugen an diesem ersten Kriegstag im Osten! Und in den Flugzeugen sitzen Besatzungen. Ein russischer Polikarpow I 16-Jäger startet mit einem Mann, ein Tupolew Sb 2-Bomber mit drei Mann an Bord. Sofern die Sowjets überhaupt abheben können und nicht schon am Boden überrascht werden.
Eben dafür ist ein Teil der deutschen Flieger bereits um 3 Uhr, noch im Dunkeln, gestartet, um rechtzeitig, mit Beginn der Artilleriekanonade, über den russischen Flugplätzen zu sein. Und tatsächlich gelingt den im Nachtflug erfahrenen Besatzungen die vollkommene Überrumpelung des Gegners. Kurz nach drei Uhr erlebt die rote Luftwaffe ihr Waterloo am Boden: 1.482 Flugzeuge werden noch auf der Erde zerstört! 322 weitere Maschinen fallen vom Himmel. Zum Absturz gebracht von den Jägern und Flugabwehrkanonen (Flak). Die 9. Luftdivision der Sowjets, die den Himmel über der Westfront decken soll, büßt am 22. Juni 409 Maschinen ein – das entspricht 85 Prozent ihres Bestandes! Angesichts des Desasters erschießt sich Generalmajor Iwan Kopez, der Oberbefehlshaber der sowjetischen Luftstreitkräfte der Westfront, noch am ersten Tag. Ein totaler Sieg für Görings Luftwaffe, die in den ersten 24 Stunden nur 32 Maschinen verliert.
Weniger Glück als Trautloft hat der Kommodore des Jagdgeschwader 27, Wolfgang Schellmann 14. Der Flugzeugführer einer Me 109 bekommt einen I-16-Jäger, genannt Rata, in sein Visier. Da Schellmann das Feuer aus nächster Nähe eröffnet und das russische Flugzeug sofort zur Explosion bringt, nimmt das Verhängnis seinen Lauf: Die abmontierten Einzelteile der Rata treffen die Me 109. Schellmann muss sich aus der schwer beschädigten Maschine per Fallschirmsprung retten. Doch der Luftsieger wird zu einem der vielen tragischen Verlierer an diesem Schicksalstag. Er schwebt zwar unversehrt zu Boden, setzt allerdings hinter den russischen Linien auf. Und zu Beginn des Krieges kommt das fast einem Todesurteil gleich. Denn Gefangene machen die Sowjets in den ersten Kriegsmonaten kaum. Wer in russische Hände fällt, wird oft sofort erschossen, teils brutal massakriert. Was genau Schellmann erleidet, lässt sich nicht mit Gewissheit feststellen. Offiziell wird er als „vermisst” erklärt. So bekommen es auch seine Angehörigen zu hören. Kameraden vom Jagdgeschwader 27 wollen allerdings wissen, dass Schellmann vom berüchtigten sowjetischen Geheimdienst NKWD am 24. Juni erschossen worden ist. Selbst totale Siege fordern Opfer – und weiß Gott nicht nur die Kugeln, Granaten oder eben Wrackteile des Gegners! „Friendly Fire“, direkt und indirekt eröffnet, das gibt es auch am 22. Juni 1941 schon ...
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