Angesichts einer Quote von 1.000 Toten pro Tag verbietet es sich, von einem militärischen Spaziergang zu sprechen, zumal die Franzosen 100.000 Mann verloren! Im Ersten Weltkrieg fielen in der Schlacht bei Verdun im Schnitt 400 Mann binnen 24 Stunden. An der Somme lag die Todesquote bei 500, an allen Fronten von 1914 bis 1918 bei 1.000 pro Tag. Das Kaiserheer kämpfte eben vier elend lange Jahre mehr oder minder auf der Stelle und unterlag. Im Gegensatz dazu errang die Wehrmacht 1940 einen glänzenden Blitzsieg, dessen Kürze die Schattenseiten überstrahlte. Zudem setzte die neue, revolutionäre Art der Kriegführung andere Schwerpunkte. Nicht alle Verbände kämpften an den Brennpunkten. Ganz vorn und nahezu durchgängig am Feind standen in erster Linie die Panzer- und motorisierten Divisionen, während nicht wenige nachgeordnete Großverbände kaum zum Schuss kamen. Die einen fuhren und fochten, die anderen marschierten und schwitzten mehr.
Bei allen Vergleichen steht eine Wahrheit unumstößlich fest: Der Ostfeldzug stellt alle Statistiken des Grauens in den Schatten. Das Unternehmen „Barbarossa“ steht für das mit Abstand blutigste Kapitel der gesamten Kriegsgeschichte. Bis Mitte 1944 steigt die Todesquote auf 2.000 gefallene Landser pro Tag. Und noch viel schlimmer bluten die Rotarmisten! Nach dem Sieg soll der legendäre Sowjetmarschall Schukow gesagt haben, dass die russischen Soldaten nicht in, sondern zum Schlachten geführt wurden. Davon geben bereits die ersten 24 Stunden einen Vorgeschmack.
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Sonntagmorgen, 3 Uhr 14. Quer durch den Kontinent, auf 1.600 Kilometer Frontbreite, lauern 3,3 Millionen deutsche Soldaten. Zwischen Ostsee und Karpaten. Bereit zum Sprung. Die Infanteristen sehnen das erlösende Feuer der Geschütze herbei. Gerade die letzten Minuten vor dem Angriff sind quälend langsam verstrichen. Immer wieder geht der Blick auf die Uhr. Auch beim Unteroffizier Franz Josef Strauß 8von der Heeresflak-Abteilung 277, nach dem Krieg legendärer bayerischer Ministerpräsident. Noch einmal umrundet der Sekundenzeiger das Leuchtziffernblatt der Uhr. Punkt 3 Uhr 15 fegt die Euphorie der Schlachteröffnung die ganze Anspannung mit einem Schlag beiseite. Der 25-jährige Strauß sieht die ganze Front brennen, „ein schauriges Bild“. In vielen Dokumenten wird das Trommelfeuer auf die russischen Linien als „beeindruckendes Schauspiel” geschildert – als sei alles gar kein blutiger Ernst, der sich Krieg nennt. Aber während sich die Waffenbrüder von der Flak und Infanterie an dem überwältigenden Anblick, der Demonstration der eigenen Macht, berauschen, haben die Artilleristen kaum ein Auge für das Spektakel. Die Männer an den insgesamt 7.184 Geschützen müssen vielerorts Schwerstarbeit leisten.
Da steht der Artillerist Gerhart Frey 9hinter seiner Kanone 18, Kaliber 17 Zentimeter. Rechts und links von der Feuerstellung sieht der Brillenträger die Mündungsfeuer der anderen Geschütze blitzen. Frey hört den ohrenbetäubenden Donner gen Osten rollen, spürt das unheimliche Zittern der Erde. Die Munitionskanoniere schuften wie die Pferde – eine Granate wiegt 62,8 Kilo. Und die gut 17,5 Tonnen wiegende Kanone muss laufend mit den schweren Geschossen, die sich fast 30 Kilometer weit feuern lassen, nachgeladen werden. Unter der Last der Granaten stellt sich bald ein Gefühl der Taubheit in den Armen ein. Aber die Männer arbeiten wie in Trance. Dafür sind sie Soldaten, dafür wurden sie trainiert, gedrillt – gehorchen, funktionieren, auch und gerade unter Dauerstress. Freys Geschütz schießt stundenlang auf die russischen Stellungen am anderen Ufer des Grenzflusses Bug. Erst gegen Mittag wird eine Feuerpause eingelegt. Vor lauter Erschöpfung sinken die Kanoniere auf der Stelle in den Sand und schlafen sofort ein. Gerhard Frey nimmt noch wahr, wie sich der Himmel im Osten mit Rauch bewölkt …
An den meisten Angriffsabschnitten der Ostfront schießt die Artillerie allerdings nur kurzes Vorbereitungsfeuer, eher minuten- als stundenlang. Aber was heißt schon kurz! Wer unter heftigem Beschuss liegt und sich hilflos in die Erde krallt, der erlebt bereits eine Minute Trommelfeuer wie eine Ewigkeit. Auf russischer Seite sinkt jedenfalls niemand vor Müdigkeit zu Boden. Die Angst wiegt schwerer als die Erschöpfung, hält wach. Nur die Toten können ruhen. Über rund 4,5 Millionen Rotarmisten, die im Grenzgebiet auf zehn Armeen verteilt sind, kommt die Hölle.
Auch Stalins Nachtruhe wird an diesem Sonntag in aller Herrgottsfrühe jäh unterbrochen. Im Morgengrauen verlangt Generaloberst Schukow telefonisch mit dem Kreml-Führer verbunden zu werden. Der sowjetische Generalstabschef meldet:
„Die Deutschen bombardieren unsere Städte.“
Derweil lässt Hitler seinem italienischen Bundesgenossen Mussolini ein Schreiben zustellen. Anlässlich des Überfalls teilt der Führer dem Duce mit:
„Ich fühle mich innerlich wieder frei.“
Dass Napoleon 1812 ebenfalls an einem 22. Juni gegen Russland angetreten war, scheint Hitler 129 Jahre später kein böses Omen zu sein.
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Am heftigsten ist der Beschuss im Zentrum der Front, gegenüber der alten polnischen Festung Brest Litowsk. Hier liegt der Schwerpunkt des deutschen Angriffs mit zwei Panzergruppen der Heeresgruppe Mitte, die umfassend über Minsk und Smolensk auf Moskau vorstoßen sollen. So plant es jedenfalls der Chef des Generalstabs im OKH (Oberkommando des Heeres), Generaloberst Franz Halder. Hitler dagegen hält sich, gemäß der Aufmarschanweisung Nr. 21, „Fall Barbarossa“, die Option für „das Eindrehen von starken Teilen der schnellen Truppen nach Norden” offen. Das heißt, zur Unterstützung der Heeresgruppe Nord, die Leningrad als operatives Ziel gesteckt bekommt. Die dritte Säule des deutschen Angriffs bildet die Heeresgruppe Süd. Ihr Stoß zielt über die Etappenziele Lemberg und Kiew auf die Krim sowie in die Ostukraine – Fernziel ist der Kaukasus. Insgesamt stehen sieben deutsche Armeen und vier Panzergruppen mit 117 Kampfdivisionen in der ersten Staffel zur Verfügung. Dazu kommen noch zurückgehaltene OKH-Reserven und Sicherungsverbände sowie finnische Truppen im Norden und rumänische im Süden.
An der Front kommt der Leutnant Möllhoff 10, Zugführer bei der 3. Kompanie/Panzerpionierbataillon 39, seinem Befehl durchaus exakt nach, als er um 3 Uhr 10, fünf Minuten vor dem allgemeinen Angriffsbeginn, seinen Arm in den Himmel reckt und brüllt: „Los!” Denn das Ziel seiner Einheit, die zur 3. Panzerdivision gehört, ist die Steinbrücke über den Grenzfluss Bug. Der Übergang bei Koden soll im Handstreich genommen werden. Eine Sprengung der Brücke muss unter allen Umständen verhindert werden, damit die Panzer von Generaloberst Guderians Panzergruppe 2, die Träger der Blitzkriegstrategie am Südflügel der Heeresgruppe Mitte, ohne Verzögerung rollen können. Dem Leutnant ist die Anspannung anzusehen. Zumal vor fünf Minuten die Bomber der Luftflotte 2 laut dröhnend nach Osten geflogen sind, um ihre todbringende Last abzuwerfen. Möllhoff schwant Böses. Mit dem Überflug scheint den Pionieren auf der Erde das Überraschungsmoment genommen. Aber es nützt nichts, Befehl ist Befehl. Die Panzermänner müssen über die Brücke. Das Räderwerk der Kriegsmaschine steht nicht still wegen einem Zug Pioniere. Was Möllhoff allerdings nicht ahnt: Der Angriff der Luftwaffe ist keineswegs zu früh erfolgt. Alle Bewegungen am Himmel und auf dem Boden folgen einem eiskalt ausgeklügelten Plan, der in den ersten 24 Stunden wie ein Uhrwerk abläuft …
Über den Hügeln im Osten, am jenseitigen Ostufer des Bug, bricht gerade das erste Licht des Tages durch das Dunkel der kurzen Sommernacht. Da erheben sich die Männer aus der Deckung im Schilf, stürmen Richtung Brücke. Eine Salve aus Leutnants Möllhoffs Maschinenpistole – es sind wahrscheinlich die ersten Schüsse des Feldzuges – lässt den Gesang der Vögel schlagartig verstummen. Das Zwitschern haben die Männer heute morgen, in der Ruhe vor dem Sturm, besonders intensiv vernommen.
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