Die Anwaltskanzlei hat über ihren chilenischen Mandanten neue Mandanten bekommen, was auch mir neue Aufträge eingebracht hat. Ich glaube nicht, dass ich in ein paar Jahren, wenn ich den Beruf erst einmal lange genug ausübe, noch über solche Kleinigkeiten schreibe. Jetzt ist es aber allemal erwähnenswert.
Bisher habe ich immer am Küchentisch gelernt und gearbeitet. Vater hat mir jetzt einen richtigen Schreibtisch geschenkt, mit Schubfächern und mit jeder Menge Platz für Papier und Stifte und meine Bücher. Wir haben in meinem Schlafzimmer etwas aufgeräumt und den Kleiderschrank verschoben. Der Schreibtisch passt gut hinein und steht jetzt vor dem Fenster. Der Arbeitsplatz ist richtig gemütlich. Ich werde mir aber wohl endlich eine Tagesdecke für mein Bett kaufen müssen, gerade jetzt, wo ich mich öfter als sonst in dem Raum aufhalte.
Vieles gibt es über den Krieg in Europa nicht zu berichten. So weit vom Geschehen entfernt ist die Sicht doch recht oberflächlich und unpatriotisch. Ich weiß, dass der Feind noch immer in Frankreich steht. Der Begriff »Stehen« ist hier wohl sehr angebracht, wie auch Vater meint, denn es werden keine neuen Eroberungen gemacht und es sind auch keine weiteren Gebietsverluste hinzunehmen. Dies gilt für alle Kriegsparteien. Wir hoffen natürlich, dass Frankreich und England siegen können. Vater hat nie in einem Krieg für Frankreich gekämpft, obwohl er solange Soldat war. Ich habe den Schrecken des Krieges bislang nur als Unbeteiligte erfahren. Ich kenne nämlich niemanden, keinen Freund, keinen Bekannten, der in Europa gefallen ist. In Brisbane wird es schon Todesanzeigen aus Europa geben, aber ich habe bislang noch nicht darauf geachtet und so soll es auch bleiben.
In den nächsten Wochen muss ich einfach alles ausblenden und nur noch lernen. Die Prüfungstermine wurden jetzt festgelegt. Ich bin in der Woche vom 21. bis zum 25. August dran. In jeder Sprache drei Prüfungen. Grammatik und Sprachverständnis jeweils schriftlich und Konversation mündlich. Ich werde jetzt von montags bis donnerstags nur noch auf Spanisch und Portugiesisch denken und sprechen und am Freitag und Samstag das Ganze auf Holländisch. Der Sonntag ist dann zur Erholung. Tom wird seine Mutter für verrückt halten, aber ich will mich eben gut vorbereiten. Eigentlich bin ich auch gut gerüstet, ganz besonders in Spanisch, wo ich doch schon seit einem Jahr Briefe übersetze.
Ich bin froh, dass Mrs. Lovegrove jetzt ganze Tage kommt und sich mit Tom beschäftigt. Sie spielt mit ihm, geht mit ihm in den Park und sie übt mit ihm sogar an der Schiefertafel. Sie kocht auch für uns. Ich brauche mich um nichts zu kümmern. Es kann nicht ewig so gehen, und in ein paar Wochen habe ich ja hoffentlich wieder mehr Zeit.
Ich habe von Olga ein paar Sätze russisch gelernt. Es interessiert mich einfach. Es ist gar nicht so schwer auszusprechen. Dann hat sie mir allerdings etwas in den russischen Buchstaben aufgeschrieben. Es sind ganz andere Lettern, es nennt sich Kyrillisch, und da wurde die Sache schon komplizierter. Es erinnerte mich ein wenig an die griechischen Buchstaben. Ich muss Olga jetzt bewundern, denn sie beherrscht sowohl das lateinische, als auch das kyrillische Alphabet. Ich möchte mir später unbedingt ein paar russische Redewendungen einprägen.
Vater hat mir aus Darwin einige holländische Zeitungen besorgt. Es ist eine schöne Abwechslung, weil ich bisher nur Bücher auf Holländisch gelesen habe, vor allem Romane. Die Sprache in der Zeitung ist natürlich ganz anders und es ist eine sehr gute Prüfungsvorbereitung.
Seit Montag habe ich nicht gelernt. Vater wollte diese Pause und ich darf auch vor Freitag nicht mehr an meine Bücher denken. Ich habe jetzt jeden Tag lange ausgeschlafen, wir waren mit Tom am Meer, im Park. Ich war auch alleine einkaufen, ich habe alles getan, um nicht ans Lernen zu denken. Ich habe morgen noch frei und dann darf ich mich wieder hineinstürzen.
Brisbane, 14. August 1916
Ich habe mich heute mit meinen Kommilitonen getroffen. Sie fiebern wie ich den Prüfungen entgegen. Es war sehr gut, mit einigen Leidensgefährten zu sprechen. Wir sind natürlich gleich auf den Lernstoff gekommen und darauf, wie jeder lernt. Ich habe festgestellt, dass ich schon sehr fleißig war. Ich habe dann auch nicht weiter über mein wöchentliches Pensum gesprochen. Vielleicht war es später dann doch zu viel und es schadet mir am Ende mehr als es genutzt hat.
Brisbane, 20. August 1916
An diesem Sonntag wurde ich verwöhnt. Ich habe lange geschlafen, mir wurde das Frühstück gemacht und später auch ein schönes Mittagessen. Mrs. Lovergrove ist abends gekommen und hat auf Tom aufgepasst, während Vater mich ins Kino eingeladen hat. Wir sind mit Bedacht etwas später gegangen, um die Nachrichtenfilme nicht sehen zu müssen. Ich wollte heute Abend nur fröhliche Dinge anschauen. Es lief dann auch ein lustiger Film, mit Wettrennen, Tortenschlachten und komischen Verwechselungen. Ich habe das heute Abend gebraucht, denn morgen früh um acht sitze ich in einem Klassenzimmer und schreibe an meiner ersten Prüfung.
Brisbane, 23. August 1916
Ich bin guter Dinge. Die schriftlichen Prüfungen liegen hinter mir. Das Mündliche wurde noch kurzfristig von heute auf morgen verschoben, was auch ganz gut ist. Ich muss durchschnaufen, kurz meine Kräfte sammeln, aber ich darf meine Hochform nicht verlieren, meine Spannung. Bis morgen wird es halten und dann werde ich auch die letzte Hürde genommen haben.
Brisbane, 6. September 1916
Vater und ich haben wieder einmal über die Landkarten geschaut. Wir haben uns die Orte angesehen, an denen Australier und natürlich auch Neuseeländer kämpfen, in Frankreich und in Palästina. Schon lange sind die Kämpfe auf Neuguinea vorüber. In Ozeanien haben wir die Deutschen schon besiegt, es wird Zeit, dass die Alliierten jetzt auch in Europa gewinnen und den Krieg beenden.
Brisbane, 23. September 1916
Ich habe einen Brief vom College erhalten, es war ganz spannend. Ich habe die Prüfungen bestanden, alle. In wenigen Tagen gibt es die Zeugnisse, dann stehen auch die Zensuren fest. Mit der Urkunde kann ich dann auch offiziell als Übersetzerin arbeiten. Zu einer richtigen Dolmetscherin, die auch im Staatsdienst arbeiten kann, fehlen mir allerdings noch ein paar weitere Prüfungen, aber ich hatte mich ja ohnehin nicht für diesen Beruf entschieden.
Brisbane, 6. Oktober 1916
Ich möchte jetzt gerne mit meinem Beruf Geld verdienen. Bisher habe ich ja eigentlich nur ein Taschengeld bekommen, für die Übersetzungen, die ich für die Anwaltskanzlei gemacht habe. Ich muss wohl auch meine Preise erhöhen, zumindest ein wenig, denn ich bin jetzt ja eine geprüfte Übersetzerin. Einige meiner Kommilitonen haben Anzeigen aufgegeben und ihre Dienste angeboten. Vater meinte aber, die beste Werbung sei die Empfehlung, nur dazu muss ich erst einmal jemanden haben, der mich weiterempfiehlt. Ich werde wohl doch auch eine Anzeige aufgeben.
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