Vom heftigen Ausbruch überrascht, versuchte Helga zu besänftigen. «Du bist zu streng mit ihnen, die dachten, wir seien im Bild, wie unsere Tochter die letzte Nacht verbracht hat, mit wem sie unterwegs gewesen ist. Beruhige dich. Erika wird uns sicher alles erzählen.»
Zu Hause angekommen, stieg Helga die Treppe hoch zu ihrer Tochter. Sachte klopfte sie an der Tür und öffnete leise, als keine Antwort zu hören war. Erika schlief. Langsam zog sie die Tür zu und begab sich in die Küche, wo Klaus wartete.
«Erika schläft, ich will sie nicht wecken, es ist bald zehn Uhr und morgen hat sie die wichtige Prüfung», sagte Helga, während sie sich an den Tisch setzte.
Klaus wollte aufbegehren, wollte seine Tochter jetzt zur Rede stellen, wollte wissen, was sie mit dem Roma getrieben hatte. Seine Frau erinnerte ihn daran, dass Erika ihren achtzehnten Geburtstag hinter sich hatte und damit für sich selbst verantwortlich war. Und dass sie beide ihr Kind in einer offenen und zwanglosen Weise erzogen hatten. Dass sie nicht alles, was in der vergangenen Nacht geschehen war, erzählt habe, sei ja keine Lüge, allenfalls ein unvollständiger Bericht. Etwas, das sie als mündige Frau auch für sich behalten dürfe. Klaus begann, sich langsam zu beruhigen. Er musste seiner Frau zustimmen. Erika war kein Kind mehr und hatte das Recht auf eigenes Handeln. Trotzdem werde er am kommenden Tag mehr wissen wollen und sie offen fragen, was es mit dem Roma auf sich habe. Es komme ihm schon eigenartig vor, weshalb die scheinbar überstürzte Abreise der Roma-Familie in Zusammenhang mit Erika und ihrem nächtlichen Begleiter gebracht werde. Es könne viele andere Gründe für deren Verhalten geben. Das sei es, was ihm zu denken gebe und was er in Erfahrung bringen wolle.
Am Montag früh – die Schule begann bereits um halb acht – war Erika in Eile. Kein guter Moment für ein Gespräch mit seiner Tochter. Klaus hätte alle Zeit der Welt gehabt. Weil es vorgesehen gewesen war, dass sie bis Montag in Oldenburg bleiben, hatte er für diesen Montag um Dispens gebeten. Er hatte «schulfrei». So nahm er sich vor, hinaus zum Standplatz zu fahren.
Nach dem leichten Müesli-Frühstück radelte er über den Weg, den tags zuvor seine Tochter gefahren war. Er fand ein Bild der Unordnung, eine regelrechte Schweinerei vor. Während der Nacht hatten Füchse und andere Tiere die herumliegenden Abfälle durchsucht und noch weiter verstreut. An einer Stelle, an der offensichtlich ein Wohnwagen gestanden hatte, fand er Blut. Ob von Mensch oder Tier konnte er nicht erkennen. Die Füchse hatten hier gewirkt. Ob da etwas geschehen war, was die unplanmässige Abreise der Fahrenden ausgelöst hatte? Er konnte sich keinen Reim auf das Bild, wie es sich darbot, machen. Er setzte sich auf dieselbe Bank, auf der Erika am Sonntagmorgen gesessen hatte.
«Das sieht nicht gut aus, schon die ersten Fahrenden, die den neuen Platz bewohnt haben, hinterliessen diese Unordnung», dachte er. Der Sprecher der Familie hatte bei der Anreise die Nutzungsregeln unterschrieben. Damit kannten sie die Vorschrift: Der Platz wird aufgeräumt verlassen, es werden keine Tiere geschlachtet. Der Platz sieht nach der Weiterreise aus wie zuvor.
Schon hörte er das Rumoren in der Stadt. Er selbst hatte sich hervorgetan mit den Forderungen nach einem Standplatz für die Fahrenden. Hatte argumentiert, dass die Klagen der Landbesitzer, auf deren Grundstücke die Fahrenden früher ihre Wohnwagen aufgestellt hatten, verstummen würden, wenn eine gewisse Infrastruktur vorhanden sei. Die Landbesitzer hatten sich beklagt, dass die Herumziehenden Unordnung hinterliessen, ihre Notdurft in den nahen Feldern verrichteten und Schafe schlachteten.
Und jetzt diese Bescherung! Die Zigeuner waren weg und niemand war da, der zur Verantwortung gezogen werden konnte. Es war klar, was ihm die Leute der Stadt alles an den Kopf werfen würden. Peinlich, wenn die eigene Tochter in den Schlamassel hineingezogen werden würde. Hätte er geahnt, wohin die Leute gefahren waren, er wäre ihnen gefolgt und hätte sie zur Rede gestellt. Noch einmal fuhr er mit dem Rad auf dem Platz umher. Da fielen ihm blutverschmierte Bettlaken und Tücher auf, die offensichtlich in der Nacht von Wildtieren neben den Platz verschleppt worden waren. Was war geschehen, woher das Blut? Er beschloss, Jens, der sich als Volkskundler und Mitstreiter für den Standplatz starkgemacht hatte, aufzusuchen.
Klaus kannte Jens Gewohnheiten. Während der Mittagspause ging er oft am Damm entlang und erholte sich dabei vom Unterricht am Gymnasium.
«Hallo Jens», rief Klaus dem gemächlich in seine Gedanken versunkenen Spazierenden zu. «Ich habe einiges mir dir zu bereden, vielleicht kannst du dir aus meinen Beobachtungen von heute früh einen Reim zum Geschehenen machen.»
Er erzählte von der unerklärlichen, überhasteten Abreise der Roma. Von dem, was er auf dem Standplatz vorgefunden hatte.
«Klaus», sagte Jens, «wir haben in der Vergangenheit oft über die für uns seltsamen Bräuche der Fahrenden gesprochen. Je nach Herkunft dieser Leute gelten andere Regeln und Verhaltensweisen. Das ist es ja, was uns fasziniert. Gebräuche, die sich über Jahrhunderte gehalten haben, bei den Roma aus der Zeit vor mehr als fünfhundert Jahren, als sie aus Indien wegzogen und ihr Heil in Europa suchten. Die Blutspuren, die du gefunden hast, könnten tatsächlich ein Hinweis auf die offenbar Hals über Kopf beschlossene Abreise sein.»
«Denkst du an ein Verbrechen, an eine Untat, die in unserer Gesellschaft bestraft wird?», fragte Klaus.
«Nein, es scheint, dass eine Frau der Familie ein Kind geboren hat. Frauen, besonders wenn sie bluten, gelten bei den Roma als unrein. Während der Monatsblutungen darf ihnen kein Mann nahe kommen. Macht er es trotzdem, gilt auch er als unrein, wird für einige Wochen oder Monate von der Grossfamilie verbannt und muss dieser für eine bestimmte Zeit fernbleiben. Kommt ein Kind zur Welt, hat die Gebärende ihre Wohnstätte oder den Wohnwagen zu verlassen. Gebiert sie im Haus oder im Wagen, gelten alle im Raum befindlichen Gegenstände als unrein und müssen vernichtet werden. Geschirr, Kochutensilien, Kleider, Schuhe … Selbst ein nagelneuer Fernseher fliegt aus dem Raum und wird zerstört. Um solches Unheil zu vermeiden, wird die vor der Geburt stehende Frau aus dem Wagen gebracht. Ihr Kind bringt sie auf dem Feld oder wenigstens neben dem Wohnwagen zur Welt. Alles, was dabei mit ihrem Blut in Berührung kommt, ist unrein und wird in der Regel verbrannt.»
Klaus wirkte verwirrt. «Das ist doch unmenschlich, das ist hässlich, was diesen Frauen angetan wird.»
«Ja», gab ihm Jens recht, «für unser Verständnis ist das unmenschlich und archaisch. Doch du hast dich für den neuen Standplatz eingesetzt, auch mit dem Argument, dass andere Völker das Recht haben, ihre Kultur zu leben. Unter den Fahrenden gibt es noch viele für uns befremdliche Bräuche und Verhaltensweisen. Das zu akzeptieren hast auch du immer gefordert, nimm es hin und drücke beide Augen zu, wenn du weiteres, für dich unfassbares Gebaren bemerkst. Und das mögliche Fazit: Bei dieser Geburt könnte irgendetwas schiefgelaufen sein. Mit dem Kind oder mit der Mutter. Diese Leute würden nur im äussersten Notfall einen hiesigen Arzt oder ein Krankenhaus aufsuchen. Sie haben eigene Frauen, die sich solcher Probleme annehmen. Sogar wenn das Leben eines Menschen auf dem Spiel steht, suchen sie jemanden aus ihren Kreisen, der Hilfe anbieten kann. Damit, lieber Klaus, möchte ich nicht behaupten, die Gründe der übereilten Abreise zu kennen, eine Erklärung wäre dies aber allemal.»
Klaus wusste aus einem Gespräch, das er eine Woche zuvor mit dem Oberhaupt der Grossfamilie geführt hatte, dass die Absicht bestand, von Husum weiter nach Norden zu fahren, um sich in einem Monat in Dänemark mit weiteren Roma-Familien aus dem gleichen Clan zu treffen. Auf der Rückreise wollten sie wieder eine bis zwei Wochen auf dem neuen Standplatz hausen.
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