«Wie kommt es, dass du deutsch sprichst, mit einem mir unbekannten Akzent?», wunderte sich Erika.
«Nun, in der Siedlung, in der wir in Ungarn überwintern, gibt es auch deutschstämmige Leute, die seit Generationen dort ansässig sind. Wie wir werden auch sie von der Regierung vernachlässigt und oft von Staatsstellen diskriminiert. Das hat dazu geführt, dass wir uns oft zusammentun, um uns zu wehren. Von denen lernte ich deren Deutsch, auch auf unseren Reisen durch Europa sind wir vorwiegend in deutschsprachigen Ländern unterwegs», antwortete Elös. «Doch jetzt bist du dran, erzähle von dir.»
Erika legte ihre Hand in die von Elös. Dieser ergriff die Gelegenheit und rutsche näher zu ihr. «Ich lebe mit meinen Eltern, die beide an hiesigen Schulen unterrichten. Leider habe ich keine Geschwister und nur wenige Freundinnen. Noch ein knappes Jahr, dann habe ich mein Abitur, das ich schon schaffen werde. Ausser im Fach Musik sind meine Noten gut bis ausgezeichnet. Aber eben die Violine …», seufze sie.
«Dann spiel mir doch etwas vor», bat Elös und schaute in ihr jetzt eher blasses Gesicht.
«So wie ich dich heute Abend spielen sah und hörte, schäme ich mich. Das ist kein Spiel, das ich mit meiner Violine mache, es ist Missbrauch an einem Instrument, das zu anderem fähig ist.»
Elös insistierte: «Bitte spiele, vielleicht kann ich dir einige Tricks zeigen, die dein Verhältnis zur Geige lockern.»
Erika rang mit sich, es ging ihr gar nicht mehr ums Musizieren. Sie wollte die Nähe dieses Mannes, es war Verliebtheit, und auf keinen Fall sollte er jetzt weggehen.
«Also gut, ich spiele dir etwas vor, komm, wir gehen in mein Zimmer, das ist gegen den Hof gerichtet, sodass sich keiner an meinem Gekratze stören wird.»
Sie nahm ihn bei der Hand und zog ihn die Treppe hoch in ihr Zimmer. Die Blätter, nach denen sie am Vormittag geübt hatte, lagen noch auf dem Notenständer. Sie entnahm ihre Geige dem Kasten und forderte Elös auf, sich auf ihr Bett zu setzen. So wie sie es im Unterricht gelernt hatte, nahm sie die Geige und den Bogen und begann, die vor ihr liegenden Noten zu spielen. Sie fühlte es gleich; das war Welten entfernt von dem, wie Elös am gleichen Abend gespielt hatte. Schon nach einer knappen Minute hörte sie auf, schaute zu ihrem Besucher. Dieser lächelte und sagte: «Du triffst die Töne, aber du bist verklemmt, du musst lockerer mit deinem Instrument umgehen. Vergiss, was dein Musiklehrer mit dir übt, als Anfängerin solltest du leichte Melodien spielen. Melodien, die so eingängig sind, dass du ohne Noten spielen kannst. Brahms zu spielen ist eine Herausforderung, an die du dich wagen kannst, wenn sich bei dir die Freude am Violinspielen eingestellt hat. Weiche auch mal vom Notenblatt ab und gib den Tönen deine momentane Empfindung, deine Stimmung.»
Er stand auf, trat neben Erika, umfasste ihre Hand, in der der Bogen lag, und sagte, dass sie sich lockern und von ihm führen lassen solle. Nach einigen Takten fand Erika, dass das Vibrieren der Saiten in ihren Fingern anders, freudiger wurde. Später nahm Elös seine Hand weg und überliess Erika ihrem Spiel, das von Takt zu Takt gelöster den Noten folgte. Die Freude am eigenen Spiel liess Erikas Gesicht von der aus ihrem Inneren kommenden Wärme erröten. Abrupt legte sie die Geige zur Seite und umarmte Elös. Sie küsste ihn stürmisch. Obwohl ihn ein warnendes Gefühl zur Zurückhaltung ermahnte, begann auch er, das in seinen Armen liegende Mädchen zu küssen. Erika zog ihm sein Hemd über den Kopf und schmiegte sich an seine behaarte Brust. Dann begann auch sie, sich auszuziehen. Bald lagen beide nackt im Bett und Erika schenkte dem Mann, den sie nur kurz kannte, ihre Jungfräulichkeit.
Er blieb, bis es draussen dämmerte. Dann zog er sich an und ging, ohne dass Erika dies bemerkte. Leise verliess er das Haus und kehrte leichten Schrittes aus der Stadt zum Standplatz zurück. Das wie jeden Abend entzündete Feuer mitten im Rondell der aufgestellten Wagen war erloschen. Kurz bevor er sich in seinen Camper schleichen konnte, trat ihm sein Onkel in den Weg.
«Woher kommst du? Wo hast du dich herumgetrieben? Es war vereinbart, dass du mit den anderen nach dem Auftritt zurückkommst. Du weisst, warum. Erstens will ich keinen Ärger mit den Bewohnern der Stadt und zweitens gehe ich davon aus, dass du es wieder mit einem Weib getrieben hast», schnaubte er. «Und vergiss nicht, in zwei Wochen wirst du in Dänemark mit der dreizehnjährigen Tochter unserer Freunde verlobt, das hatte ich vor einem Jahr bei dem Treffen mit ihrem Vater besiegelt. Nochmals, wo warst du?»
Elös hatte die Strafpredigt erwartet. All das, was sein nur wenig älterer Onkel, der seit dem Tod seines Vaters das Oberhaupt der Grossfamilie geworden war, sagte, war ihm bekannt. Es gab diese Verpflichtung, die sein Onkel ohne Rücksprache mit ihm eingegangen war. Eine Cousine dritten Grades aus der Familie seiner Mutter war für ihn bestimmt, ob er wollte oder nicht. Ungewöhnlich, wurde diese Regel doch kaum noch angewandt. In der heutigen Zeit war es gang und gäbe, auf die Wünsche und Gefühle der Brautleute Rücksicht zu nehmen.
«Ich war mit Jungs von der Stadt zusammen, wir haben uns amüsiert, waren am Strand und haben uns Geschichten erzählt. Ja, es waren Mädchen dabei, doch es gab nichts, was nicht sein darf», log Elös.
Sein Onkel glaubte ihm nicht, denn die Musikanten hatten gesehen, wie Elös zusammen mit einem Mädchen vom Binnenhafen weggegangen war.
«Wir haben uns gestern Abend beraten und entschieden, heute früh von hier wegzufahren und direkt bis Dänemark zu reisen. Wir tun das, obwohl wir zugesagt hatten, heute Abend am Hafenfest noch einmal aufzutreten. Lieber verzichte ich auf die Gage, als dass wir von weiblichen Stadtbewohnern belästigt werden. Schau, dass du deinen Wagen zum Aufbruch rüstest, gegen acht Uhr fahren wir los.» Er drehte sich um, ging den Wagen entlang und weckte die Schlafenden.
Emsiges Treiben begann, jeder und jede hatte seine Aufgabe. Das Reisen von einem Standplatz zum nächsten lag den Leuten im Blut, Aufbruch und Ankunft waren Routine. Elös schalt sich selbst, er hatte sich vorgenommen, die Finger von jungen Frauen zu lassen. Keine Flirts, keine Zärtlichkeiten, und doch hatte er es in der vergangenen Nacht nicht lassen können. Zugegeben, auch für ihn war das Erlebnis mit Erika kein flüchtiger, oberflächlicher Flirt gewesen. Er empfand Zuneigung, Gefühle, die weiter gingen als eine gemeinsame Nacht. Doch schon als Jugendlicher hatte man ihm beigebracht, dass Techtelmechtel mit sesshaften Frauen gefährlich seien. Dass er sich fernhalten solle von jungen Frauen. Ein kurzer Bettbesuch bei einer einsamen reifen Frau durfte sein. Und daran hatte er sich bisher auch gehalten.
Erika erwachte vom Schrillen des Telefons. Noch bevor sie den Hörer abhob, bemerkte sie: Elös war weg.
«Hallo Erika, wir haben alles mit Oma erledigt und kommen noch heute zurück. Wir denken, dass wir am frühen Nachmittag zurück sein werden. Tschüss.»
Ohne Erika zu Wort kommen lassen, beendete ihre Mutter den Anruf. Schlaftrunken tappte Erika durchs Haus. Keine Nachricht vom nächtlichen Besucher, kein Zeichen vom Geliebten. Traurig setzte sie sich an den Küchentisch und starrte aus dem Fenster, das langsam von der aufsteigenden Sonne erhellt wurde.
«Warum nur ist er gegangen, ohne mich zu wecken? Weshalb keine Nachricht, wann wir uns wieder sehen werden? Und am Nachmittag kommen die Eltern zurück. Sicher kommen die schon heute, weil sie zum Hafenfest gehen wollen. Sie haben Oma so schnell wie möglich abgefertigt, um hier ja nichts zu verpassen.»
Erika beschloss, Elös in seinem Wohnwagen aufzusuchen. Sie wollte sehen, wie er lebte, seine Familie – das, was sie unter Familie verstand – kennenlernen. Sie räumte die Küche auf und verwischte die wenigen Spuren, die er hinterlassen hatte, nahm eine Dusche und frühstückte. Gegen zehn Uhr verliess sie das Haus und fuhr mit dem Fahrrad direkt zum Standplatz.
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