„Ja, aber das Schaf…“, stammelte Elisa. Doch sie hörte ihre Mutter nur noch hastig sagen: „Es tut dem Schaf überhaupt nicht weh. Es wird der Rose nur den Kopf und die Blätter abreißen. Den Stiel mit den Dornen lässt es stehen. Mach’s gut, meine Kleine.“
Es knackte im Hörer. Dann tutete es nur noch.
„Hallo“, grüßte Elisa den Schäfer und stieg vom Fahrrad. „Verzeihung, ich hätte eine Frage.“
„Hektor, lauf!“, befahl der Schäfer seinem Hund, damit er die Herde enger zusammentrieb. Er zündete sich eine Zigarette an und erklärte: „Ich hab’ viel zu tun. Schafe müssen intensiv gehalten werden. Sonst bringen sie nämlich nichts ein.“
„Sagen Sie bitte, fressen Schafe auch solche Rosen, die Dornen haben?“, kam Elisa sogleich zur Sache.
„Rosen?“, vergewisserte sich der Schäfer ungläubig. Elisa nickte.
„Aber es lohnt nicht, wenn Schafe Rosen fressen“, antwortete er und sog hastig an der Zigarette. „So eine Rose kostet im Geschäft ungefähr einen Euro. Damit ein Schaf satt wird, brauchst du davon mindestens hundert Stück.“
Der Schäfer holte einen Taschenrechner hervor und gab die Zahlen ein.
„Das macht genau hundert Euro für eine Mahlzeit. Drei Mahlzeiten am Tag, das macht summa summarum dreihundert Euro pro Stück Vieh. Das ist absolut unrentabel.“
Elisa fragte weiter: „Wenn man aber nicht will, dass ein Schaf eine Rose frisst…?“
„…füttert man es mit Heu“, ergänzte der Schäfer fachkundig.
„Aber“, wandte Elisa ein, „man könnte dem Schaf doch auch einen Maulkorb umbinden, oder?“,
Der Schäfer rieb sich die Nase.
„Ich habe vierhundertachtunddreißig Stück Vieh in meiner Herde“, erklärte er. „Und so ein Maulkorb kostet im Geschäft – na sagen wir mal – ungefähr fünf Euro. Das wären ja…“
Schnell tippte er die Zahlen in den Rechner.
„Das wären ja zweitausendeinhundertneunzig Euro. Das ist viel zu teuer.“
Elisa versuchte zu erklären: „Es ist aber nur ein einziges Schaf auf einem kleinen Planeten, der nicht viel größer ist, als ein Haus.“
Der Schäfer schüttelte lächelnd den Kopf.
„Es lohnt nicht, ein einzelnes Schaf zu halten“, meinte er. „Da wäre ja ein ausgebildeter Hütehund teurer als die ganze Herde, wenn sie nur aus einem einzigen Schaf besteht.“
Elisa ließ nicht locker: „So ist es aber. Weit und breit gibt es nur ein Schaf und eine Rose.“
„Ja, wenn das so ist“, überlegte der Schäfer, „lass mich nachrechnen: Wenn also eine Rose einen Euro kostet…“
„Es ist eine ganz besondere Rose“, bemerkte Elisa nachdrücklich.
„Dann kostet sie meinetwegen zwei Euro“, korrigierte sich der Schäfer. „Und wenn ich für einen Maulkorb fünf Euro ausgeben müsste, dann habe ich…“
Wieder wurde der Taschenrechner zu Hilfe genommen.
„…dann habe ich summa summarum immerhin drei Euro gespart, wenn ich den Maulkorb nicht kaufe und das Schaf die Rose einfach fressen lasse. Der finanzielle Verlust lässt sich verschmerzen.“
Der Schäfer trat seine Zigarette aus und zündete sich gleich eine neue an. Dabei erklärte er: „Schafe müssen intensiv gehalten werden. Man muss genau kalkulieren, damit sich das Geschäft lohnt. Die Arbeit nimmt mich stark in Anspruch. Ich muss ständig aufpassen, dass mir die Tiere nicht über die Autobahn laufen. Hektor, bei Fuß!“
Ziemlich enttäuscht stieg Elisa wieder aufs Fahrrad.
8. Das geheimnisvolle Laboratorium
Anderntags saß Elisa auf den Treppenstufen vor der Haustür und strickte an einem Schal aus gelber Wolle. Aristoteles, Professor Heuretes’ schwarzer Kater, schmiegte sich schnurrend an ihre Beine, nachdem er das Milchschälchen ausgeschleckt hatte, das sie ihm täglich vor die Tür stellte.
Aristoteles war ein sehr stattliches Tier. Er hatte einen weißen Kragen, der ihm eine geradezu vornehme Erscheinung verlieh, und bräunliche Augen, die außerordentlich klug blickten. Wenn Elisa mit ihm sprach oder ihm aus ihren Büchern vorlas, hatte sie den Eindruck, als würde er jedes Wort verstehen. Der Kater war aber gelegentlich ein wenig undankbar und frech. Weil Elisa nicht gleich auf ihn reagierte, schnappte er sich das Wollknäuel aus dem Strickkörbchen und lief davon.
„Aristoteles! Gib das her!“, rief Elisa und rannte ihm nach.
Der Kater huschte in das kratzige Gebüsch, das an der Ziegelwand von Professor Heuretes’ Laboratorium wucherte. Elisa bog die Zweige auseinander, doch der Kater war nicht mehr zu sehen. An der Mauer lag ein Haufen lehmiger Erde, der mit Pfotenabdrücken übersät war. Vermutlich benutzte Aristoteles ihn als Katzenklo. Da bemerkte Elisa eine kleine Holzluke, die sich dicht über dem Boden in der Mauer befand. Tief geduckt kroch sie in das Gestrüpp hinein, wobei sie aufpassen musste, sich keine Löcher in die Kleidung zu reißen. Vorsichtig öffnete sie die Luke und schaute hindurch. Sie konnte den Fußboden des Innenraumes sehen. Auf den welligen Dielenbrettern lag Staub. Drinnen war das Brummen, Tackern und Pfeifen von irgendwelchen elektronischen Geräten zu hören. Hinter einem Tischbein lag das Wollknäuel. Daneben erblickte Elisa ein Paar ausgetretener Halbschuhe aus brüchigem Leder. Die Schuhe tappten auf der Stelle hin und her, so als wäre ihr Träger oberhalb des Tisches emsig mit etwas beschäftigt. Leise schloss sie die Luke wieder.
Das verwahrloste Grundstück des Professors lag genau neben dem von Elisas Großmutter. Es wurde hinten durch die hohe Mauer der Tütensuppenfabrik und auf der anderen Seite durch das lang gestreckte Stallgebäude der Geflügelfarm begrenzt. Was diese Farm betraf, so munkelte man, dass darin Tausende von Hühnern ihr ganzes Leben in engen Käfigen verbringen mussten. Keiner der Anwohner hatte je einen Blick hineinwerfen dürfen. Die Anlage wurde von finster dreinblickenden Sicherheitsleuten bewacht. Es gab keine Fenster, sondern nur Lüftungsöffnungen. Gelegentlich sah man LKWs hinein- und hinausfahren. An ihren Aufschriften erkannte man, dass die einen Tierfutter und die anderen Eier transportierten. Manchmal kamen auch Lastwagen heraus, unter deren Planen das laute Spektakeln von Hühnern zu hören war. Die verschwanden dann direkt durch das Tor der Tütensuppenfabrik.
Schon vor etlichen Jahren hatte sich Professor Heuretes ein Forschungslaboratorium im Anbau seines alten Hauses eingerichtet, der in früheren Zeiten einmal als Pferdestall gedient hatte. An der Außenwand zum Hof hing noch immer ein von Schwalben bekleckertes Zaumzeug, und weiter hinten wurden die verrottenden Überreste eines Kutschwagens von Unkraut und Sträuchern überwuchert. Der Professor hatte die Fenster vergittern lassen und die Tür und das große Tor mit schweren Eisenbeschlägen und Schlössern versehen wie man es mit Gebäuden tut, in denen sich besonders wertvolle oder geheime Dinge befinden. Die Gitter und Beschläge waren inzwischen arg verrostet, das bemooste Dach war an mehreren Stellen undicht und von den rissigen Mauerwänden bröckelte der Putz.
„Was mag der Professor dort nur treiben?“, tuschelten die Leute in der Siedlung. „Ob er wohl mit gefährlichen Sachen experimentiert?“
Einige prophezeiten hinter vorgehaltener Hand: „Möglicherweise gibt es da irgendwann früher oder später bald ganz bestimmt vielleicht eine große Explosion!“
Zunächst zaghaft, dann mit einem kräftigen Ruck schob Elisa die klemmende Eingangstür, die nur angelehnt war, ein Stück weiter auf. Und obwohl die rostigen Scharniere laut quietschten, schien der Professor sie zu überhören. Hoch konzentriert drehte er an den Schaltknöpfen eines Gerätes, das ein auf- und abschwellendes Pfeifen ertönen ließ. Auf einem kreisrunden Bildschirm waren wabernde Wellenlinien zu sehen. Mehrere Bandspulen einer an die Wand montierten Apparatur drehten sich. Der Professor schob sich eine Schutzbrille mit dunklen Gläsern von der Stirn über die Augen und griff nach einem Mikrofon, in das er mit seiner verschnupften Stimme sagte: „Versuch sieben-neun-sechs. Stromstärke eintausendeinhundertfünfzig. Spannung dreihundertachtzig. Test läuft.“
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