Als Frau Probst den Kaffee eingeschenkt hat, komme ich ohne Umschweife auf den Grund meines Besuches zu sprechen: „Also liebe Frau Probst, Sie sagten gestern am Telefon, Sie hätten mir etwas über Frau Vogel zu erzählen. Was genau ist denn passiert?“
Jetzt kommt sie wieder in Fahrt: „Stellen Sie sich mal vor, die wollte doch glatt meine Wohnung kaufen. Die war hinter mir her, wie der Teufel hinter der Seele. Da ich ja keine Kinder habe und mein Mann ja schon lange tot ist, dachte die sie könnte mich irgendwie einlullen und mir die Wohnung für ein Trinkgeld abluchsen. Dauernd kam sie vorbei und ging mir schon reichlich auf die Nerven, die dachte ich wäre eine alte senile Schachtel und sie hätte ein leichtes Spiel mit mir. Als sie dann irgendwann begriff, dass das nicht funktioniert, hat sie mir gedroht. Plötzlich kam sie mit überhöhten Nebenkostenabrechnungen und wollte eine Sonderzahlung bei der nächsten Versammlung durchsetzen, für irgendwelche Reparaturen die es gar nicht gebraucht hat. Das mit der Sonderzahlung hätte mich dann schon getroffen, so einfach habe ich keine 5000 Euro.
Soviel wollte die nämlich als Sonderumlage durchsetzen, für was aber genau habe ich nicht verstanden. Aber dass sie die Macht dazu gehabt hätte, steht für mich außer Frage. Das hat die genau gewusst und darauf spekuliert, dass ich dann doch verkaufen muss. So eine war das und unser Beirat hat ihr immer schön die Stange gehalten. Außerdem wäre das erst der Anfang gewesen, die wäre mit immer neuen Forderungen angekommen. Heute wäre es ein neuer Aufzug und morgen die Dachsanierung und so weiter. Also ich weine ihr keine Träne nach.“
Ich hörte ihr aufmerksam zu und lasse sie erst mal ausreden. „Sie meinen also, Frau Vogel wollte sie über den Tisch ziehen, um es mal auf den Punkt zu bringen?“
„Darauf können Sie Gift nehmen! Die war alles, nur keine nette Person. Die hatte mehr als nur zwei Gesichter und machte nichts ohne persönlichen Vorteil.“, kam von Frau Probst als Antwort.
Nachdem ich mir noch ein zweites Stück Kuchen genommen hatte, fragte ich Frau Probst: „Haben Sie über die Sache irgendwelche Schriftstücke? Vielleicht ein schriftliches Kaufangebot oder irgendwas Ähnliches?“
Jetzt strahlte meine Frau Probst förmlich. „Natürlich, die wollte doch sogar gleich zum Notar mit mir. Stellen Sie sich nur vor, die wollte nur 50.000 Euro für die Wohnung bezahlen. Das ist kein Angebot gewesen, das war eine Frechheit. Ich habe gleich mal bei der Frau Schindler vom dritten Stock angerufen. Wissens, die Tochter von der Frau Schindler ist doch Immobilienmaklerin und die hat mir dann gesagt dass unter 150.000 Euro da gar nichts geht.“ Gerade jetzt, wo doch sowieso die Immobilienpreise richtiggehend explodieren. Jetzt redet sich Frau Probst schon etwas in Rage und ich versuchte sie wieder zu beruhigen. „Könnten Sie mir die Unterlagen bitte mal zeigen?“, fragte ich vorsichtig nach.
Sofort geht sie zu ihrem Massivholzmonsterschrank und holt einen Vorvertrag aus der Schublade. Daraus geht eindeutig hervor, dass Frau Vogel die 4 Zimmer Wohnung zum Preis für 50.000 € kaufen wollte. Zum Glück hatte sich Frau Probst nicht kleinkriegen lassen und hat nicht unterschrieben.
„Ja wie hat denn Frau Vogel reagiert, als sie merkte, dass das wohl nichts werden würde mit dem Kauf?“, wollte ich noch wissen.
„Also das war ja das allerschärfste, kann ich Ihnen sagen. Bis dahin war unser Hausmeisterdienst ja immer freundlich, auf einmal aber war da ein neuer Mitarbeiter von denen und der hat mich immer ganz komisch angeredet wenn er mich sah. Ich hatte schon den Eindruck dass der auf mich wartet und mir Angst machen wollte“, erzählte Frau Probst weiter.
Jetzt wird es auf einmal spannend und vor allem hat das schon eine ganz spezielle Qualität. „Was hat denn der Mitarbeiter von ihrem Hausmeisterdienst zu Ihnen gesagt, dass Sie verängstigt hat?“, hakte ich nochmal nach.
„Ja der hat mir immer gesagt, dass ich in meinem Alter doch schon besser im Heim aufgehoben wäre, wenn mir z.B. im Waschkeller was passieren würde, dann wäre es doch schon schade um mich“, so zitierte Frau Probst den Hausmeistergehilfen.
Jetzt wollte ich es aber schon genau wissen: „Können Sie mir den Mann beschreiben und würden Sie ihn wiedererkennen?“
Leicht beleidigt hält sie mir eine kleine Standpauke: „Lieber Herr Bosch, ich bin zwar schon etwas älter aber kann noch sehr gut sehen und hören. Natürlich kann ich Ihnen den Mann beschreiben und ich würde ihn jederzeit wiedererkennen. Der ist aber seit dem Unfall von Frau Vogel nicht mehr in unserer Anlage aufgetaucht.“
Jetzt erhalte ich eine astreine Beschreibung eines ca. 30 jährigen Osteuropäers, oder wie Frau Probst ihn nannte: „Ein Russe halt„.
Eigentlich sollte so ein Typ gut zu finden sein: Tätowiertes Spinnennetz am Hals und große Narbe an der Wange.
Ich habe mir alles notiert und stecke mir das Schreiben über den Vorvertrag noch ein. So verabschiede ich mich ganz herzlich von Frau Probst und verspreche, mich wieder bei ihr zu melden und sie natürlich auch auf dem Laufenden zu halten.
Langsam wird meine Liste derer, die ich auf dem Laufenden halten soll, immer größer.
So wie sich der Fall im Moment darstellt, steckt also doch mehr hinter der Sache und die Unfalltheorie mit Fahrerflucht könnte sich auch noch als etwas ganz anderes herausstellen. Ich nehme mir vor, morgen meine neuen Erkenntnisse mit dem Kollegen Köster vom Morddezernat zu teilen und ebenso mit der Presse zu sprechen. Zwar will ich noch nicht zu viel verraten, jedoch für einen Aufschub mit Aussicht auf eine größere Story würde es auf jeden Fall reichen.
Mir reicht es auch für heute, also mache ich Feierabend.
Da mir der Apfelkuchen noch im Magen liegt, bin ich froh, dass meine Frau etwas Leichtes zum Abendessen vorbereitet hat. Es gibt Fisch mit Risotto und Feldsalat, einfach ein Traum. Außerdem ist heute wieder mal Krav Maga Training angesagt und das mit meinem Kumpel Dominik.
Da ich seit der Geburt meines Sohnes nicht mehr regelmäßig trainiere, freue ich mich auf den Abend. Sich mal wieder richtig auspowern und mal sehen was man noch drauf hat ist nicht nur gut für die Figur, sondern auch fürs Ego. Krav Maga ist eine israelische Selbstverteidigungskunst und mit keiner Kampfsportart zu vergleichen. Das Training ist nicht nur härter, es ist auch vielseitiger und auf alle möglichen Angriffe hin ausgerichtet. Es gibt keine vorgeschriebenen Formen die zu beherrschen sind, sondern es geht nur darum, sich mit Härte und Hirn jedem erdenklichen Angriff entgegen zu stellen bzw. diesen abwehren zu können.
Das Training findet im Sport Centrum in der Schüblerstraße, hinter dem Business Tower statt und als ich auf den Parkplatz fahre weiß ich sofort, dass Dominik schon da ist. In ganz Nürnberg gibt es keinen zweiten knallroten 65er Mustang.
Nach knapp zwei Stunden Schinderei und einer ausgiebigen Dusche setze ich mich mit Dominik an die Bar und wir kommen natürlich auch auf meinen Fall zu sprechen. „Verstehe ich das jetzt richtig“, fängt er an, „Du bist zwar immer noch unser Polizeisprecher, ermittelst aber trotzdem?“
Da er ebenfalls bei der Polizei ist, kennt er natürlich auch die Strukturen und weiß, dass das eigentlich so nie und nimmer gehandhabt wird. „Du scheinst ja bei einigen Leuten einen großen Stein im Brett zu haben“, meinte er.
So ganz kann ich ihm da gar nicht widersprechen, denn ich weiß genau, dass ich eine ganze Menge mehr Freiraum habe, als es eigentlich üblich ist. Nachdem ich ihm meine Erkenntnisse erzählt habe und er mir aufmerksam zuhörte, meint er nur, „Ich werde mal sehen, ob ich deinen Russen nicht auftreiben kann. „
Jetzt könnte man denken er schaut sich eben ein bisschen mehr um wenn er auf Streife ist. Aber jeder der Dominik kennt weiß, sollte der Verdächtige sich in unserem Viertel noch rumtreiben, dann findet er ihn auch. So ein kleines Mauseloch gibt es gar nicht, dass sich unser Mann vor Dominik darin verstecken könnte. Da bin ich mir sicher.
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