Eine weitere Folge war übrigens, dass sich unsere musikalischen Bemühungen belebten. Jan und ich musizierten miteinander, und es gelang uns sogar, Kniri dahin zu bringen, den Kampf mit dem Violincello aufzunehmen. Großvater war als Lehrer nicht mehr recht zu gebrauchen, aus Zeitmangel gab er es auf, mir weiter Violinunterricht zu erteilen. Ich partizipierte nunmehr vom Können des Korrepetitors, der nicht eingezogen worden war, ging regelmäßig zum Violinunterricht und machte auch Fortschritte in Harmonielehre, wagte mich unter Anleitung des Fachmannes an Violinkonzerte Beethovens, spielte die eine der beiden Romanzen recht gut, und ließ auf Anraten des Lehrers die schwierige Kadenz weg; cosi van tutte ...
Um mir als Erzähler eines wahren Lebensberichtes treu zu bleiben, am Abend des 1. Februar 1943 war ich abermals erkrankt, allerdings nur leicht und vorübergehend. Waren früher alle an mein Schmerzenslager gekommen, so war jetzt nur noch mein Wahlvater Fabian bei mir, steckte mir das Thermometer unter die Zunge, und las eine fromme Epistel aus der Bibel. Großmutter brachte heißen Tee, den ich willig schluckte, denn es ging mir schlecht. Großmutter sagte beiläufig zu ihrem Großneffen: »Eben ist die Nachricht durch das Radio gekommen; sie haben kapituliert.« Sie setzte sich aufs Bett und blickte mir ins Gesicht. Ihre Vogelaugen waren ernst, ihre Haltung feierlich. Ob er eine Erklärung dafür habe, fragte sie; er fragte zurück, wofür. »Für diesen Wahn, mein lieber Herr, oder glauben Sie, dass der Krieg zu Ende ist?« Ich horchte auf, sie sprach sozusagen privat mit ihm, aber was für Sorgen könnte sie haben? »Hören Sie! Unser Geschäft ist ein Warenhaus geworden. Wir werden immer reicher, und das Geld ist immer weniger wert«. Mein Wahlvater schwieg. »Verstehen wir uns richtig, nicht dass ich Angst vor der Zukunft habe, alles hat seinen Preis, mir passt nur das Ungewisse bei der Sache nicht. Vielleicht haben wir zur Stunde unseren Sturz schon hinter uns, ohne es zu wissen. Ich will mir das Geschäft übertragen lassen, was halten Sie davon?«
»Weshalb? Ihnen fehlt doch der Meisterbrief? Und wie wollen Sie das schaffen«, fragte er verblüfft. »Oh, mit der Innung stehe ich gut, Meisterbrief hin, Meisterbrief her!« Er schlug vor: »Lassen Sie uns in Ruhe darüber sprechen.«
Großvater reiste im Auftrage der Partei unseres Gaues nach Berlin, um den totalen Krieg auszurufen, also um unseren Sieg näher rücken zu lassen. Er blieb ein paar Tage in der Stadt und schilderte uns eindringlich die von Briten und Amerikanern angerichteten Verwüstungen. Wir waren auch durch Mama über die Lage unterrichtet; neu aber war etwas anderes. »Nun sag, was du willst, Alte, aber ich musste unsere Tochter besuchen, wollte wissen, ob sie überhaupt noch lebt«, sagte er im kleinen Kreis unserer Familie beim Kaffee im Erkerzimmer. Ich horchte auf; von einer Tochter, also meiner Tante, in Berlin hörte ich zwar nicht zum ersten Mal, diese Berlinerin war eine handfeste und unangenehme Tatsache, wegen ihrer Verfehlungen. Namentlich Mama vermied es, überhaupt ihren Namen auszusprechen, und so kommt es, dass ich bis heute nicht weiß, wie meine Frau Schwiegermutter mit Vornamen eigentlich geheißen hat, Zeit und Umstände haben es auch nicht mehr wichtig sein lassen. Allerdings glaube ich mich daran zu erinnern, dass meine Frau Helene, meine Base, das heißt, ihre Tochter anlässlich unserer Trauung vor dem Standesamt erklärt hat, urkundlich nichts über den Tod ihrer Mutter beibringen könne. Indessen fand sich der Eintrag ihrer Geburt in unserem Katasteramt und Hochwürden Fabian gedachte ihrer als sein Firmkind. Sie wohnte bei uns in Müllhaeusen, bis sie ihren Mann kennenlernte, einen Werkmeister und Atheisten, mit dem sie durchbrannte und für uns verloren war.
Mein Wahlvater tadelte Großvaters Handlungsweise nicht. Er lobte: »Das haben Sie gut gemacht, Joseph, menschlich gesprochen. Und wie geht es ihr?«
»Ihr Haus steht zwar noch inmitten von Ruinen, sie selbst ist dienstverpflichtet, von ihrem Mann hat sie gar nichts gehört; er war zuletzt als Dolmetscher in Griechenland.«
»Was dieser Kerl bei den Griechen macht, möchte ich wissen«, bemerkte Großmutter trocken, um überhaupt etwas Negatives beizubringen. Der Alte erzählte weiter, dass sie ein Kind, eine Tochter hätten, irgendwohin kinderlandverschickt, die jammervolle Briefe nach Hause schreibe. »Ach, was! Wie alt ist denn die Kleine?« fragte Hochwürden interessiert.
»So um zwölf«, meinte Großvater. »Ich habe Briefe von ihr gelesen. Also, wir sind schließlich die Großeltern und keine Unmenschen.«
»Doch«, sagte Großmutter mit Nachdruck, »ich schon. Ich will gar nicht anders sein, als ein Unmensch. Überhaupt, mein Alter, habe ich Verschiedenes mit dir zu besprechen; hier wird sich manches ändern.« Die Besprechung zog sich ein wenig in die Länge, es kamen Dinge zur Sprache, die mich nichts angingen und bald darauf wurde Großmutter Hausbesitzerin, Ladeninhaberin und meine Base zu uns geholt. Sie kam ins Haus, allerdings in der Hauptsache, weil wir ein Dienstmädchen brauchten. Es gab längst keine mehr, nicht einmal mehr beim Arbeitsamt; alle waren dienstverpflichtet. Großmutter schaffte es jedoch, sich eine solche Kraft zuteilen zu lassen. Helene Buder, so ihr Familienname, wurde als Hilfe erlaubt, was man seinerzeit als ein Pflichtjahr bezeichnete und der Erziehung wie dem Glück junger nationalsozialistischer Mädchen diente. Ehe ich auf den Eintritt Helenes als einem wichtigen Einschnitt in mein Leben näher eingehe, ist von einer Gefahr zu berichten, die eine drohende Gestalt annehmen konnte, und die jedenfalls alle bezüglich meiner Zukunft gehegten Pläne zunichtemachen würde, falls sich kein Wunder ereignete.
Hierzu ist weiter auszuholen; meine Familie bekannte sich nach Herkommen zum edlen Volksstamm der Thüringer. Thüringen war unsere Heimat in einem großen deutschen Vaterland. Historiker nennen dieses Vaterland Reich und den Staat die Reichsidee; ganz früher waren wir sozusagen Römer im Heiligen Römischen Reich. Nach ungenannt vielen Wenden lebten wir zu meiner Zeit, weil das Römerreich längst untergegangen war und das zweite Reich nach dem Ersten Weltkrieg beendet werden musste, im Dritten Reich Adolf Hitlers. Indessen können wir noch von Glück sagen; denn die Franzosen haben sogar fünf Republiken hinter sich gelassen, zu meiner Zeit waren sie erst in der Vierten Republik. Überdies aber lebten wir auch in Gauen; einst hatten die Thüringer dem Reich die wilden Ungarn ferngehalten, Kraft der Heiligen Lanze Kaiser Ottos des Ersten. Mein Lehrer Fabian in Sachen Geschichte zeigte mir die Abbildung dieser Reliquie, die in einem Wiener Museum ausgestellt wurde; ich sah zwar nur ein Stück rostigen Eisens, war aber immerhin stark bewegt bei dem Gedanken, dass wir vermittels dieses Dinges ein Reich geworden waren. Durch unser thüringisches Land zog sich eine Kette von Burgen, die ich nach und nach mit Großvater oder meinem lieben Vater Hochwürden besucht hatte, in der Mehrzahl arge Ruinen und Trümmer einstiger Größe. Auch ohne lange Erklärungen sah ich, von einem höheren Punkt hinabgeblickt, dass sie alle an der großen Straße lagen, um den Handel zu schützen oder um die Kaufleute ihrer Habe zu berauben.
Thüringer waren hart, zäh, aber auch mildtätig, wenigstens manchmal, vor allem waren sie Christen. An die Wartburg habe ich besondere Erinnerungen bewahrt. Nicht nur dass der Landgraf dort Liederfestivals abzuhalten pflegte, auf denen sich die Minnesänger des Reiches mit der Harfe, statt mit dem Degen bekämpfen; auf ihr hatte auch der Ketzer Luther mit dem Teufel gerungen. Man zeigte mir bei einem Besuch den dunklen Fleck an der Wand seines Zimmers, das von dem Tintenfass herrührte, welches er als Junker Jörg, Satan entgegen geschleudert, und ich überlegte, ob Tintenflecke vierhundert Jahre lang sichtbar bleiben. Mein Vater, der es von Amts wegen nicht mit Luther hielt, meinte, man werde die Tinte gelegentlich erneuern, wenn sie verblasse. Er besaß aber genügend geschichtliches Verständnis, um mir die Gründe für die Reformation als einen Konflikt der Deutschen mit der römischen Kurie zu deuten; gleichwohl galt ihm Doktor Luther als ein Ketzer, dem er als Philologe denn doch manches nachsah. Dies alles und unsere Dickschädel hatte die Rebellion der Deutschen gegen das Papsttum begünstigt, mit großen Folgen für die Thüringer nach sich gezogen und nicht nur für sie. Meine Familie war freilich standhaft im alten Glauben geblieben. Aus der Hand meines geistlichen Lehrers bekam ich die Reime des Dichters Walther von der Vogelweide, las sie in Klausur und machte ihn dank der Verse „ Ich saß auf einem Steine und legte Bein auf Beine“ zu meinem Lieblingssänger .
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