Ursula Andreae fragt: „Sie sprachen davon, nach dem Grab Ihres Mannes zu suchen. Wie wollen Sie in die Sowjetunion kommen und nach ihrem Mann forschen?“
„Sowjetunion? Nicht da, er ist bei Breslau umgekommen.“ Frau Gresshage hat zwei Tassen auf den Tisch gestellt, sie selbst trinkt aus der, die keinen Henkel mehr hat. „Ja, da gehört Sahne zu und Zucker! Beides gibt’s für uns nicht mehr. Und auf dem Schwarzmarkt – wer kann das bezahlen? Die Friedchen Klosseck nimmt für ein Pfund Kaffee weit über fünfhundert Mark. Und ob der von dieser Qualität ist... Trinken Sie, trinken Sie! Der Ted wird schon für Nachschub sorgen! Er ist ein freundlicher Mensch, der Ted, und etwas Deutsch spricht er auch, ein ulkiges Deutsch! Im nächsten Frühjahr, sagt er, will er sich nach einer besseren Wohnung für mich und die Kinder umsehen. Vielleicht in der Nähe seiner Unterkunft, da ist es leichter für ihn, kurz zu uns herüberzuhuschen.“
Wenn Frau Gresshage von ihrem Ted erzählt, dann glüht es in ihren Augen, wie Ursula es nie bei ihr vermutet hätte. Hin und wieder vergisst sie, dass sie Besuch hat: Ihre Gedanken wandern weit weg, und auf ihrem sonst harten Mund zeigt sich ein glückliches Lächeln. Dann fällt ihr wieder ein, dass sie nicht allein ist, und sofort verschließt sich ihr Gesicht. Müde bläst sie in ihre Tasse; Frau Gresshage ist ein aufgebrauchter und verhärmter Mensch, der vom Leben nichts mehr erwartet, sondern nur noch dafür auf der Welt ist, den fünf Kindern ein paar Annehmlichkeiten zu schaffen und sie großzuziehen. Wenn sie einmal auflebt und Gefühle zulässt, dann in den Armen von Ted. So wie manchmal ein Sonnenfleck über ihren Fußboden huscht, so huscht ab und an ein dünnes Lächeln über Frau Gresshages Gesicht. „Sie wissen, dass es für die Besatzungssoldaten verboten ist, mit deutschen Frauen anzubandeln. Der Ted schert sich nicht darum! Wenn er mit einem unsicheren Kantonisten Patrouille fährt und nicht will, dass ich ihm zuwinke oder an seinen Jeep laufe, dann klemmt er sich eine Zigarette hinters Ohr! Stellen Sie sich das vor: Eine Zigarette im Mundwinkel, die andere klebt wie ein Bleistift hinter seinem Ohr!“
Frau Gresshage findet das so komisch, dass sie laut darüber lachen kann. „Da heißt es für mich: aufpassen, ob die Luft rein ist! Vielleicht haben sie auch schon die Bestimmungen gelockert – ich weiß es nicht. Trinken Sie noch...“
„Ich bin keinen Bohnenkaffee mehr gewohnt, Frau Gresshage, mir wird schwindelig. Ich muss wohl an die Luft gehen. Ihr Kaffee riecht nicht nur gut, er schmeckt auch so, aber mein Kopf streikt oder mein Magen...“ Ursula Andreae drängt nach draußen. In der Tür sagt sie, dass sie sich öfter besuchen sollten. Sie werde wiederkommen, ganz bestimmt!
„Es tut gut, sich jemandem anvertrauen zu können!“, ruft Käthe Gresshage hinter ihr her. „Danke für Ihren Besuch!“
„Weihnachten gehen wir alle in die Kirche!“, bestimmt die Großmutter und klatscht ihren Teig auf den Tisch, dass es im Fußboden dröhnt. „Wenn die Kleinen mitgehen, Bruno, dann gehst auch du einmal mit!“
Der Bruno sitzt vor der kleinen Fensterscheibe. Seit Tagen ist es neblig, und dieses Wetter drückt aufs Gemüt, findet er, es macht müde und reizbar. Und obwohl er einmal sagte, er werde nie mehr das Verlangen nach Schnee verspüren – jetzt wünscht er sich eine kalte und klare, eine freundliche weiße Welt. Hinter seinem Rücken walkt und knetet die Mutter den zähen dunklen Teig, aus dem sie Weihnachtsgebäck herstellen will. Bis jetzt hat er geschwiegen, aber er mag sich ihr Gerede nicht mehr anhören. Wäre das Wetter besser, dann wäre er schon lange nach draußen gelaufen. Wenn sie wieder anfängt, dann wird er gehen. Er möchte es ihr sagen, aber schweigt.
„Wir haben endlich Frieden“, hört der Bruno sie murmeln. „Wir haben überlebt und sind heil geblieben – sollten wir da nicht in die Kirche gehen? Ja, ich bin selbst sehr nachlässig darin geworden. Früher hat keiner von der braunen Horde mich vom Kirchgang abhalten können, ich bin immer gegangen! Gütiger Himmel, was habe ich für Umwege gemacht! Und jetzt kann ich alle Tage gehen, und ich gehe nicht! Möge Gott mir verzeihen... Dass wir unser Leben behalten haben, dass uns kein Arm oder Bein weggeschossen wurde, das ist nicht unser Verdienst, nein...“ Wieder klatscht sie den Teig auf den Tisch, dass der Bruno den Verdacht hat, sie lasse ihren Ärger, der ihn treffen sollte, an diesem Klumpen aus. „Ja, ja, auch wenn wir Not leiden – aber wir haben doch endlich Frieden. Seit gut einem halben Jahr Frieden! In die Kirche wird gegangen, da gibt es kein Wenn und Aber! Haben wir nicht alle gelobt: Wenn wir überleben, dann werden wir uns ändern, werden uns an den erinnern, der uns bewahrt hat.
Die einen saßen im Bunker oder im Luftschutzkeller und hatten die Bomben über sich, die anderen lagen im Schützengraben und über ihren Köpfen dröhnten die Geschütze – hat denn keiner so etwas versprochen?“ Durch ihr Erzählen ist manche schlimme Begebenheit wieder lebendig geworden, so dass ihr Kinn zu zittern beginnt; die Hände im Teig, sieht sie zu ihrem Sohn hin: „Bruno, könntest du mir diesen Gefallen tun?“
„Was hast du davon?“, knurrt er. „Ob ich nun da sitze oder hier in der warmen Stube... Was hast du davon? Nichts! Du willst nur wieder einmal deinen Willen durchsetzen!“ Er dreht sich jäh zu ihr um. „Du weißt, dass ich nie dahin gegangen bin. Mir reichte ein für alle Mal der Konfirmandenunterricht mit den Gottesdienstbesuchen! Das reicht bis ans Ende meiner Tage! Und was du da eben von einem Versprechen gesagt hast: Ich, Mutter, habe nie so etwas versprochen. Niemandem. Auch nicht dem da oben!“ Er deutet gegen die Zimmerdecke.
„Bruno, du bist hart!“, ruft sie. „Ja, hart bist du, undankbar und kaltherzig! Du erträgst es nicht mehr, bei uns zu sein. Wochenlang bekommt man dich nicht zu Gesicht. Wenn ich doch wüsste, was in dich gefahren ist, Bruno!“
Der Bruno ist wütend aufgesprungen und hat den Stuhl umgestoßen. „Mutter, wenn du nicht willst, dass ich davonlaufe, dann sei still, bitte. Ich habe auch meine Schwierigkeiten: Arbeit ist nicht zu bekommen, und dann...“
Die Mutter kommt an seine Seite und hebt den Stuhl auf. „Was ist: und dann, Bruno?“
Bockig wendet er sich ab und vergräbt seine Hände in den Hosentaschen und schweigt. Die Mutter will ihm ins Gesicht sehen, und wieder fragt sie: „Bruno, was heißt: und dann?“
„Ihr Frauensleute könnt einem ganz schön auf die Nerven gehen.“
„Frauensleute?“, fragt die Mutter. Über ihr Gesicht huscht ein verstehendes Lächeln; das ist es also, sie weiß Bescheid. „Weißt du, Junge: Auch wenn es einmal nicht so kommt, wie wir es uns wünschen – davon, Bruno, stürzt nicht gleich der Himmel ein!“
Beinahe fluchtartig rennt er aus dem Zimmer. „Mutter, du immer mit deinen Sprüchen!“, hört sie ihn schimpfen. Im Flur springt er mehrere Stufen gleichzeitig hinunter; vom Balkon sieht sie, dass er immer noch rennend die Joppe überzieht und in Richtung Luisenpark läuft.
Zu seinem Ärger mit der Arbeit hat der Junge auch noch Kummer mit seinem Mädchen, denkt die Großmutter. Er sollte sie einmal mitbringen und uns vorstellen, das festigt die Beziehung. Beim Vater und mir war es nicht anders. Ja, ich werde sie einladen, vielleicht an einem Weihnachtstag. Huhn oder Kaninchen können wir nicht mehr bieten, die wurden von anderen gefressen. Aber es wird mir schon etwas einfallen! Obwohl Teig an ihren Händen klebt, hat die Mutter wegen der Kälte beide Arme um ihren Körper geschlungen. Sie sieht dem Bruno nach, bis er hinter den Ruinen verschwunden ist; erst jetzt geht sie in die Stube und an ihre Arbeit zurück. Neben dem Herd hat der Vater einen Arm voll Holz abgelegt, damit sie ordentlich feuern kann. Ein Blech wird sie mit Brezeln backen, ein zweites mit Fladen, die sie mit einer Tasse aus dem ausgerollten Teig stechen wird. Im Herbst hat sie Kürbiskerne gesammelt, damit wird sie das zweite Blech mit den kreisrunden Fladen verzieren, dass es aussieht, als wäre es Mandelgebäck. Und als der Vater durch den Türspalt späht, meint sie, dass zu Weihnachten Tannenduft gehöre, zumal zu diesem ersten nach dem Kriege, das sie in Friedenszeit feiern können.
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