„Was meinst du? Das du ihn verlässt oder das du ihm das mit einem Brief sagst?“
„Das mit dem Brief.“ Sagte Charlotte, denn bezüglich der Tatsache, dass sie ihn verlassen wollte, bestanden für sie keine Zweifel.
„Ich glaube, dass es fürs Schlussmachen kein Patentrezept gibt oder Regeln… jeder macht es auf seine Art… du hast ihm jetzt alles geschrieben… alles was dir auf der Seele liegt. Jetzt hat er eine Nacht um darüber nachzudenken und sich damit auseinander zu setzen.“
Charlotte nickte nur, war sich aber noch immer nicht sicher.
In der Nacht schlief Charlotte schlecht. Sie hatte einen Traum, den sie in den letzten Jahren schon ein paar Mal geträumt hatte.
Es war Nacht und sie stand auf einer Düne. Am dunklen Himmel waren viele Sterne zu sehen und nur eine dünne Sichel des Mondes. Von da wo sie stand hatte sie einen weiten Blick über den Strand der vor ihr lag und das dunkle, tiefschwarze Meer. Sie wusste dass unter dem Sand etwas verborgen lag, wusste aber nicht was es war. Und jedes Mal, wenn sie versuchte an den Strand zu kommen um das Geheimnis freizulegen, war sie aufgewacht.
In dieser Nacht stand sie in ihrem Traum wieder auf der gleichen Düne. Nur diesmal war es nicht Nacht. Die Sonne war noch nicht aufgegangen aber der Himmel schimmerte schon in seidenen Rosa- und Orangetönen. Ihr Blick fiel wieder auf den Strand und diesmal konnte sie sehen was unter dem Sand verborgen lag, denn der Sand war verschwunden. Weggefegt, wie mit einem übergroßen Besen. Und dort vor ihr lang nun ein riesiger Ammonit, eine große versteinerte Schnecke. Sie musste mindestens sechs Meter im Durchmesser haben. Fasziniert starrte Charlotte auf die Windungen des Ammoniten.
Einen Augenblick später fand sie sich in der Mitte des Ammoniten wieder. Langsam, einen Fuß vor den anderen setzend, ging sie die Windungen des Ammoniten entlang, bis sie zu seinem Ende kam. Sie stand direkt am Wasser und die Sonne blendete sie, als sie hinter dem Horizont hervor kam. Dann war sie aufgewacht.
Petra, die sich viel mit Esoterik, Traumdeutung, Horoskopen, Handlesen und all diesen Dingen beschäftigte, fragte Charlotte am nächsten Morgen wie sie geschlafen hatte und Charlotte erzählte ihr von dem Traum, den sie in der Nacht gehabt hatte und auch davon, dass sie den selben Traum schon des Öfteren gehabt hatte, das er diese Nacht aber vollkommen anders gewesen war.
Petra lächelte und sagte „Das ist doch ganz klar. Bisher lang dein Weg im Dunkeln. Doch jetzt, wo du dich entschieden hast, liegt er hell und klar vor dir. Ich würde sagen, damit, dass du ihn verlässt, hast du definitiv die richtige Entscheidung getroffen.“
Charlotte dachte darüber nach und musste zugeben, dass ihre Erklärung tatsächlich Sinn ergab. Sie glaubte zwar nicht wirklich an diese Dinge, aber… na ja, vielleicht doch ein bisschen.
Nachdem Petra wenigstens einen Kaffee getrunken hatte, sie hatten nicht gefrühstückt, weil Charlotte einfach nichts essen konnte, hatte Petra sie zurück nach Hause gefahren. Sie drückte Charlotte zum Abschied und wünschte ihr Glück, bevor sie sie allein zurück ließ.
Charlotte stand vor ihrer Haustür und hatte das Gefühl als hätte sie einen großen, schweren Stein im Magen. Kaum das sie im Haus war, kam er ihr auch schon entgegen.
Er war völlig aufgelöst und stand weinend vor ihr.
Charlotte, die schon immer nah am Wasser gebaut war, hatte gleich mit angefangen zu weinen und dann hatten sie sich zusammengesetzt und geredet und geredet.
Er hatte versucht sie zu überreden, es sich doch noch anders zu überlegen. Hatte ihr immer wieder gesagt wie sehr er sie doch lieben würde. Dass er nicht verstehen würde, warum sie ihn verlassen wollte und das sie ihn doch nicht einfach so, ohne ihm eine zweite Chance zu geben, verlassen konnte.
Sie sprachen stundenlang. Hatten sich in den Armen gelegen und sich gestreichelt. Und irgendwann war sie weich geworden und hatte tatsächlich eingelenkt und ihm gesagt, dass sie ihn nicht verlassen würde und es noch mal versuchen wollte.
Er war erleichtert gewesen, hatte sie in den Arm genommen und geküsst.
Aber schon im nächsten Augenblick, hatte er seine zweite Chance sofort wieder zunichte gemacht.
Denn wirklich unmittelbar nachdem sie eingelenkt hatte, doch bei ihm zu bleiben, hatte er einen kurzen Blick auf seine Uhr geworfen und dann gesagt „Ich muss dann jetzt auch schnell zum Training“, zog sich an, gab ihr noch einen flüchtigen Kuss und war auch schon raus aus der Tür.
Wo sie gedacht hatte, das sie noch etwas zusammen sitzen und über ihre Probleme und die weitere gemeinsame Zukunft sprechen würden, war er zufrieden mit sich, sie überredet zu haben zu bleiben und war wieder, als wenn nichts gewesen wäre, zur Tagesordnung übergegangen.
Als er die gemeinsame Wohnung verlassen hatte, war Charlotte vollkommen sprachlos zurück geblieben. Sie war beinah geschockt, von seinem schnellen Abgang. Er war einfach gegangen, als wenn nichts gewesen wäre.
Sie ließ das lange Gespräch mit ihm noch einmal Revue passieren und ihr wurde plötzlich bewusst, der er überhaupt nicht auf das eingegangen war, was sie ihm alles geschrieben hatte. Dass er auch mal ihre Meinung akzeptieren musste und nicht mehr diese Erwartungshaltung von dem „Heimchen“ am Herd haben sollte. Das sie unglücklich in ihrer Beziehung war und auch in ihrem Beruf. Das sie erwartete, dass er sie auch mal unterstützen würde. Nein, er hatte alles nur darauf reduziert, dass sie ihn verlassen wollte. Alles andere war ihm offensichtlich egal gewesen.
Sie war so wütend über sich selbst geworden, weil sie sich so dermaßen hatte von ihm einseifen lassen, dass es für sie nun keinen Zweifel mehr darüber gab, dass diese Beziehung tot war. Und zwar mausetot. Hier gab es keine Rettung mehr. Der Kadaver dieser Beziehung gehörte in ihren Augen verbrannt und in alle Winde zerstreut.
Sie rief Petra an und erzählte ihr, wie sie sich hatte einseifen lassen und hatte ihrem Ärger ordentlich Luft gemacht.
Petra hatte ihr ruhig zugehört und gar nichts Großartiges dazu gesagt. Charlotte wusste selbst, was nun zu tun war.
Als er erst spät am Abend nach Hause gekommen war, hatte sie schon im Bett gelegen und so getan als würde sie tief und fest schlafen. Sie war noch viel zu wütend auf ihn, um jetzt noch mit ihm sprechen zu können.
Am nächsten Tag, sagte sie ihm, dass es so nicht weitergehen würde und dass es aus war. Er wollte sie in den Arm nehmen, aber sie machte einen Schritt zurück und sagte leise aber bestimmt „Fass mich nicht an…“
Er reagiert geradezu aufbrausend. Lief im Esszimmer auf und ab und wollte gleich damit anfangen alles aufzuteilen und festlegen, wem was gehörte. Sie stand einfach nur da und hatte nichts gesagt. Sie hatte ihn sich erst mal wieder beruhigen lassen und dann hatte sie wieder vernünftig mit ihm reden können.
Sie waren übereingekommen, dass Charlotte ausziehen würde. Er hatte ihr großzügig angeboten, dass sie sich ruhig Zeit lassen konnte. Sie sollte nicht gleich das erste beste nehmen. Zweifelsohne hatte er immer noch die Hoffnung, dass sie es sich doch noch anders überlegen würde.
Charlotte hatte sich jedoch gleich tags darauf auf die Suche nach einer kleinen Wohnung gemacht. Als sie Petra von ihrer Wohnungssuche erzählt hatte, lächelte diese „Wenn es dir nichts ausmacht im dritten Stock zu wohnen, dann könntest du bei uns im Haus einziehen. Auf meiner Etage ist gerade eine Wohnung frei geworden.“
Charlotte war begeistert gewesen und hatte sich gleich die Kontaktdaten geben lassen. Bereits zwei Tage später hatte sie die Wohnung besichtigen können. Die Wohnung war klein, hatte gerade mal 46 m² und war etwas eigentümlich geschnitten aber das war Charlotte egal, denn sie würde ihr allein gehören. Sie nahm sie. Einige Tage später erhielt sie den Mietvertrag und die Schlüssel zur Wohnung.
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