Sie waren eben auch nur normale Teenager, die ihre Grenzen austesteten.
Schon damals waren die beiden Mädchen sehr kreativ gewesen. Mit vierzehn, sahen sie eine Sommersendung für Kinder im Fernsehen, die dazu aufforderte, eine Kurzgeschichte zu schreiben und diese dann einzusenden. Charlotte und Emily schrieben eine lustige Geschichte über einen Ritter Kunibert und schickten sie voller Vorfreude ans Fernsehen. Leider bekamen sie nie eine Antwort.
Aber sie liebten das Schreiben, besonders Charlotte, und so schrieben sie etwas später eine ganze andere Geschichte.
Nachdem sie die Realschule abschlossen hatten, besuchten Emily und Charlotte gemeinsam die Berufsfachschule für Wirtschaftsassistentinnen. In der Zeit schrieben sie zusammen eine Geschichte über eine Untergrundorganisation, die gegen eine korrupte Regierung rebellierte, in dem sie auch Anschläge auf strategisch wichtige Ziele verübte.
Sie erdachten eine kleine Stadt unter der Erde, in der die Menschen, die sich der UGO (Untergrundorganisation) angeschlossen hatten, lebten. Hierbei ging es nicht nur um Einzelpersonen, die in der unterirdischen Stadt Zuflucht suchten, sondern es waren zum Teil auch ganze Familien, die von der Regierung verfolgt wurden und hierher kamen. Die Verbrechen, die man den Männer und Frauen vorwarfen, waren zu einem Großteil frei erfunden. Die Menschen waren unbequem, stellten zu viele Fragen und stellten auch zu viel in Frage. Deshalb wurden sie gejagt. In dieser Geschichte ging es aber im Besonderen um zwei junge Frauen, die sich dieser UGO angeschlossen hatten und sich dann in zwei Männer verliebten, die ebenfalls dieser Organisation angehörten.
Jedwede Ähnlichkeit mit lebenden Personen war natürlich rein zufällig. Aber die beiden jungen Frauen waren natürlich Charlotte und Emily und die beiden Männer zwei Jungs aus den höheren Klassen, für die sie schwärmten.
Nun, diese beiden Männer in der Geschichte waren so etwas wie Doppelagenten. Was anfänglich für Verwirrung sorgte und schlussendlich dazu führte, dass die beiden jungen Frauen, die beiden Männer festgenommen hatten. Woraus sich dann neben der Geschichte um die UGO auch eine kleine romantische Liebesgeschichte spannte.
Charlotte und Emily verbrachten Stunden damit, die Geschichte immer weiter auszubauen, sich neue Charaktere auszudenken und ließen die beiden Heldinnen der Geschichte immer wieder neue Fälle lösen.
Eingeschickt hatten sie ihre kleinen Geschichten jedoch nie. Sie schrieben sie nur für sich, einfach zum Zeitvertreib.
Als sie die Berufsfachschule erfolgreich beendet und jede ihre Ausbildung angetreten hatte, hatten sie plötzlich nicht mehr so viel Zeit für sich wie früher. Als dann beide auch noch einen festen Freund hatten, trafen sie sich nicht mehr so oft, aber eben so oft sie eben konnten. Außerdem gab es ja noch das Telefon und wenn die beiden erst mal ins quatschen kamen, dann konnten schon mal ein oder zwei Stunden ins Land gehen.
Emily bekam nach der Ausbildung einen Job in Hamburg und zog zusammen mit ihrem Freund dahin. Charlotte blieb in Kiel und kaufte sich Jahre später mit ihrem gemeinsamen Lebensgefährten ein kleines Reihenhäuschen. Nun konnten sich die beiden Freundinnen erst Recht nicht mehr so oft sehen aber sie besuchten sich oft und telefonierten zuweilen mehrmals in der Woche.
„Ich geh´ dann jetzt“ rief Charlotte, die wusste, dass ihr Lebensgefährte nach der Arbeit mal wieder im Keller verschwunden war und an irgendetwas herumbastelte.
„Wo willst du denn hin?“ verlangte er brummig zu wissen.
„Ich gehe mit Andreas ins Kino… das hab´ ich dir doch erzählt… ich hatte dich letzte Woche gefragt ob du mit willst, aber du wolltest ja nicht.“ Charlotte spürte wie sich bei ihr schon wieder Ärger breit machte, weil er sich nie merken konnte oder wollte, wenn sie mal etwas vorhatte.
„Und was ist mit Essen?“ fragte ungehalten.
„Was soll damit sein?“
„Ich habe noch nicht gegessen…“ kam es pampig zurück.
Charlotte hätte jetzt einfach sagen sollen, dann mach dir dein Essen doch selbst . Aber nein, stattdessen holte sie wütend ein Paket mit Fischstäbchen aus dem Gefrierfach und einen Beutel für Kartoffelpüree aus dem Küchenschrank.
Binnen weniger Minuten hatte sie beides auf dem Herd. Als das Wasser für das Püree kochte rührte sie die Milch und die Flocken hinein. Sie wendete die Fischstäbchen und rief dann in den Keller „Essen ist fertig!“
Dann nahm sie ihre Sachen und ging. Es war ihr egal, ob er rechtzeitig aus dem Keller kommen würde, bevor die Fischstäbchen in der Pfanne zu schwarzen kleinen Rechtecken verbrannten waren und das Kartoffelpüree im Topf angesetzt hatte.
Sie war so wütend, dass sie froh war, dass sie noch einige Schritte zu gehen hatte, so hatte sie wenigstens Zeit sich wieder etwas zu beruhigen.
Als sie an der Wohnung ihres besten Freundes angekommen war, wartete er schon draußen auf sie.
„Entschuldige, dass ich etwas zu spät bin…“ sagte sie und sie umarmten sich freundschaftlich.
Andreas lächelte und winkte ab „Wir haben noch genug Zeit.“
Sie setzten sich in sein Auto und fuhren in die Stadt.
„Ehrlich“ begann sie, immer noch wütend auf ihren Lebensgefährten, „ich war eben kurz davor meine Koffer zu packen!“
„Was war denn diesmal?“ wollte Andreas wissen und Charlotte erzählte es ihm.
Andreas war seit der Schulzeit, neben Emily, Charlottes bester Freund. Sie konnte mit ihm über alles reden und er war immer hilfsbereit und für sie da, wenn sie ihn brauchte. Und das wir uns hier gleich richtig verstehen: Andreas war weder schwul noch hatten er und Charlotte mal etwas miteinander. Sie waren einfach nur beste Freunde. Auch wenn Zweifler meinen, so eine Freundschaft würde es zwischen Mann und Frau nicht geben. Es gibt sie!
Als Charlotte am gleichen Abend in ihrem Bett lag, konnte sie einfach nicht zur Ruhe kommen, während ihr Lebensgefährte neben ihr mal wieder laut schnarchte.
Sie machte sich nichts mehr vor, die Beziehung mit ihrem Lebensgefährten war schon vor langer Zeit zur Routine abgeflacht. Sex empfand sie nur noch als Pflichtübung und Liebe war praktisch nicht mehr vorhanden. Jedenfalls liebte sie ihn nicht mehr. Sie hatten glücklicher Weise nie geheiratet und Kinder hatten beide nie gewollt. Oftmals dachte sie darüber nach, dass sie es begrüßen würde, wenn er sie betrügen würde. Denn dann hätte sie einen Grund gehabt ihn zu verlassen. Aber das tat er nicht. Jedenfalls nicht das sie davon gewusst hätte.
Sie wusste aber eines, sie wollte diese Beziehung nicht mehr. Brachte aber nicht den Mut auf um endlich einen Schlussstrich zu ziehen. Über 10 Jahre waren sie jetzt zusammen und die ersten fünf Jahre waren sehr schön gewesen. Aber nach einem gemeinsamen Urlaub im Ausland hatte sich etwas in Charlotte verändert. Sie hatte sich verändert. Sie wollte mehr vom Leben, wollte mehr aus sich machen und fühlte sich zusehend eingeengt in der Beziehung mit ihm.
Anfänglich hatte sie das alles einfach abgetan, ihre Wünsche hinten angestellt.
Ja selbst eine damalige Freundin, mit der sie über ihre Gefühle und Gedanken gesprochen hatte, hatte zu ihr gesagt, dass im Urlaub nun mal eben alles besser aussieht als zuhause und das sie jetzt wieder im „richtigen“ Leben wäre und nicht mehr darüber nachdenken sollte. Im richtigen Leben? Charlotte hatte eine Weile darüber nachgedacht und obwohl sie tief in sich drin wusste, dass diese Freundin im Unrecht war, sprach sie nie wieder mit ihr über ihre persönlichen Gefühle.
Was ist denn schon das richtige Leben? Und wer bestimmt das?
Sollte nicht jeder so leben können, wie er möchte? So wie er am glücklichsten ist?
Das Leben dauert ja schließlich nicht ewig. Sollte man da nicht versuchen, das Beste draus zu machen? Und zwar das Beste für einen Selbst?
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