1 ...7 8 9 11 12 13 ...40 »Ich beherberge keinen Dämon in der Nähe meiner Kinder!«
»Jetzt sind es wieder deine?«, stellte Lugrain fest. Um die geschwungene Form seiner halbvollen Lippen spielte ein belustigtes Lächeln. »Nun denn, Weib, ich habe andere Betten, wo ich ihn unterbringen kann. Aber es ist immer gut zu wissen, wie sehr du hinter dem Mann stehst, der dich über den Winter bringt.«
»Ja, dann bring ihn doch zu deiner Hure!«, rief sie ihm tobend nach. »Sie kümmert sich ja auch um all deine anderen Bedürfnisse!«
Der Gefallene verstand nicht, wieso diese beiden sich vereinigt hatten, wo sie doch so gar keine netten Worte für einander fanden. Draußen, am großen Lagerfeuer, wo alle Mitglieder des Stammes zusammenkamen, hatte er nur Zuneigung und Liebe untereinander erkennen können, nur in diesem Raum hing eine düstere Atmosphäre über den beiden Vereinigten.
Lugrain stampfte hinaus. Der Gefallene blickte ihm nach, doch er drehte sich noch einmal zu der Schwangeren um und warf ihr einen entschuldigenden Blick zu, den sie angewidert abwinkte. Er folgte Lugrain nach draußen.
»Störrisches Weibsbild«, fluchte dieser. »Meine Brüder haben mich gewarnt, sie beim Frühlingsfest anzurühren! Aber nein, ich musste ja dem Rat meines Vaters nachgeben, das habe ich nun davon.«
Der Gefallene öffnete den Mund, um nachzufragen, was eigentlich vor sich ging, entschied sich aber anders, um nicht aufdringlich zu wirken.
»Keine Sorge, ich weiß, wo du warme Decken findest.« Vor einer anderen Hütte mit Strohdach, so weit von der Hütte der Schwangeren entfernt, dass es fast an Absicht grenzte, drehte sich Lugrain um und schmunzelte entschuldigend. »Vermutlich verstehst du kein Wort von dem, was ich sage, oder?«
Der Gefallene blickte Lugrain nur stumm in die Augen. Was sollte er auch sagen?
Lugrain nickte. »Dachte ich mir.« Belustigt musterte er den Gefallenen und hob eine Hand.
Versteinert stand der Gefallene da, als der andere Mann ohne Zögern oder der Spur von Zurückhaltung den Umhang beiseiteschob und trotz eiskaltem Nieselregel einen Blick auf die nackte Haut darunter warf.
Schmunzelnd sagte Lugrain: »Du hast ja immer noch nichts an.«
Der Gefallene wusste nicht, was er anziehen sollte, und woher er es bekam.
Als hätte er seine Gedanken gelesen, lächelte Lugrain milde und nickte zur Hütte hin. »Na komm, wir besorgen dir ein Lendenleibchen und etwas Warmes zu trinken.« Er schlug den Vorhang auf und ging voran.
»Lugrain«, surrte eine weiche Stimme, die sofort Geborgenheit und Zuflucht aufkommen ließ, ebenso wie das warme und einsame Innere der bescheidenen Behausung.
Liebevoll umarmten sich die beiden Männer, Lugrain so groß und stark, die Haut noch gebräunt vom Sommer, der andere dürr und drahtig mit blasser Haut und hellem Haar. Zwei Gegensätze, die unterschiedlicher nicht sein konnten.
Über Lugrains Schulter lächelte der Jüngling, der bei der Versammlung dabei gewesen war, dem Gefallenen munter zu.
Als Lugrain sich löste, wandte er sich halb zu dem Gefallenen um, richtete seine Worte aber an den anderen Mann. »Surrath, ist es möglich ... Würdest du mir den Gefallen tun und ihn hier bei dir aufnehmen?«
Surrath lächelte sofort. »Das ist keine ernst gemeinte Frage, oder?« Auffordernd winkte er den Gefallenen zu sich. »Ich dachte mir schon, dass es darauf hinausläuft.«
Als der Gefallene sich nicht bewegte, legten ihm Surrath und Lugrain die Arme um – Surrath um die Schultern, Lugrain um die Taille – und brachten ihn zu dem kleinen Feuer, dessen Rauch durch eine kleine Öffnung der Behausung abzog. Durch das Loch konnte der Gefallene bereits den Sternenhimmel erkennen, den es im Reich der Götter nicht gab. Die beiden Welten, die Dimensionen, waren so unterschiedlich. Er hatte etwas Heimweh, doch die Schönheit dieser Welt ließ es ihn vergessen.
»Hunger? Durst? Bestimmt beides!«, lachte Surrath.
Ohne eine Spur der Ablehnung hieß er den Gefallenen willkommen. Sie umsorgten ihn beide, Surrath und Lugrain zugleich. Sie flößten ihm sein erstes Getränk ein – warmer Kräutertee – und stopften ihn bis obenhin mit Speisen voll. Zum ersten Mal aß er etwas und lernte das Wunder der Nahrungsaufnahme kennen. Endlich verschwand der Schmerz in seinem Magen.
Nachdem er satt und sein Durst gelöscht war, machte Surrath Wasser über dem Feuer heiß und Lugrain begann, sich unter den verwunderten Blicken des Gefallenen zu waschen.
Essen, Trinken, waschen, atmen, all das war so fremd und in der Welt der Götter nicht notwendig gewesen.
Lugrain bemerkte seinen Blick und hielt ihm grinsend den nassen Lappen hin.
Vorsichtig nahm der Gefallene ihn entgegen. Er war schwer und nass, aber wundersam warm. Er drückte sich den nassen Stoff ins Gesicht, roch den herben Schweiß, den Lugrain sich abgewaschen hatte, und spürte so etwas wie Sicherheit. Es war derselbe Geruch, den er in der Nase gehabt hatte, als er aus dem Regen gebracht worden war.
»Komm«, Lugrain lachte über ihn, »ich helfe dir, in Ordnung?«
Der Gefallene senkte den Lappen und starrte ihn nur reglos an.
»Ich fürchte, er versteht kein Wort aus meinem Mund. Aber es ist nett, wie er mich ansieht«, scherzte Lugrain an Surrath gewandt, als er an den Gefallenen heranrückte und nach dem Knoten des Umhangs griff.
»Ich weiß nur nicht, was ich sagen soll.«
Lugrain erschrak so sehr unter der unerwarteten Stimme, dass er zusammenzuckte und die Schüssel mit dem Wasser fast umstieß. Heiße Nässe schwappte über ihre Füße.
Surrath, der etwas Feuerholz auflegte, warf den Kopf in den Nacken und lachte herzlich.
Der Gefallene senkte beschämt aber schmunzelnd den Blick.
»Bei den Göttern ...«, fluchte Lugrain und griff sich an die Brust. »Kannst du mich nicht vorwarnen?«
Der Gefallene schielte entschuldigend zu ihm auf, er zog den Kopf ein.
»Er meint es nicht böse«, sagte Surrath noch immer glucksend. »Lugrain hat sich nur deiner unerwartet rauen Stimme wegen erschrocken.«
Der Gefallene sah unsicher von einem zum anderen. Lugrain schmunzelte und zwinkerte ihm freundlich zu, was eine Bestätigung dafür war, dass er nicht wütend auf den Gefallenen war.
»Also, soll ich dir nun beim Waschen helfen, oder nicht?«
Der Gefallene nickte nur, nicht wissend, welche Intimität die Sterblichen mit diesem Ritual verbanden.
Surrath schien mit einmal unglücklich, er zog sich jedoch ohne Einwand diskret zurück und verließ die Hütte.
Der Umhang fiel und Dreck wurde mit großer Sorgfalt von unberührter Haut abgewaschen.
Stille herrschte währenddessen, die der Gefallene genoss. Es gab genug zu hören, was er im Reich der Götter nicht vernommen hatte. Das Knistern der Holzscheite, an denen Flammen fraßen, peitschender Wind, das Trommel der Regentropfen auf dem Dach, Lugrains Herzschlag, der unerwartet erhöht schien, sein schwerer Atem, als müsste er sich beherrschen.
Neugierig betrachtete der Gefallene ihn. Eine Strähne hatte sich aus dem Zopf gelöst und schwebte vor Lugrains Gesicht, sie weckte den Wunsch, sie zu berühren, um herauszufinden, wie sich sterbliches Haar anfühlte.
»Ich wurde verstoßen«, rutschte es dem Gefallenen raus.
Lugrain, der den Arm des Gefallenen hochhielt, um dessen Achseln auszuwaschen, stockte interessiert. »Weshalb?«
»Das hatte viele Gründe.«
»Hast du etwas angestellt?«
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