„Müssen es aber nicht“, flüsterte Rohan Chris zu.
Er zog nur fragend eine Augenbraue hoch.
„Ich habe in letzter Zeit mit Schneegestalten experimentiert“, erklärte er.
Ein Psst aus der Reihe hinter ihnen ließ ihn verstummen. Vorne hatte Prof. Bitterfield das Tafelbild wieder geändert.
Es zeigte einen bewaffneten Mawe. Seine Waffen umgab ein schimmernder Mantel aus Magie.
„Das Verzaubern von Waffen und Munition zählt zum Basiswissen eines jeden Magieanwenders. Dies könnt ihr je nach Bedarf anders aussehen lassen.“
Er schnippte mit den Fingern und änderte von Neuem das Tafelbild
Nun zeigte es eine Person, halb Mawe, halb Tier, mitten in der Verwandlung.
Chris hob den Kopf. So etwas hatte er noch nie gesehen. Damit schien er nicht alleine zu sein, denn um ihn herum verstummten die Gespräche. Prof. Bitterfield lächelte geheimnisvoll.
„Die letzte Stufe. So viel schwieriger zu erreichen als die vorherigen. Die Eigentransformation. Der Magieanwender verwandelt seinen gesamten Körper mit der Magie in etwas anderes. Es ist keine zweite Haut, es ist eine ganzkörperliche Verwandlung. Manchmal wird auch der Geist verändert.“
Er lehnte sich an sein Pult.
„Ich möchte bei niemandem zusätzlichen Druck aufbauen, jedoch hatte ich in meinen Jahrgängen bis jetzt nur vier Personen, denen es möglich war diese Form der Magieanwendung zu meistern.“
„Wer?“, fragte jemand aus der vorderen Reihe.
Darauf lächelte der Professor nur.
„Das kann ich leider nicht verraten. Aber jeder von ihnen war auf seine eigene Art und Weise etwas Besonderes und hat Großes vollbracht.“
Beim letzten Satz blickte er Chris lange und durchdringend an. Etwas Wissendes lag in diesem Blick.
Dann schlug er die Hände zusammen.
„Genug der Theorie. Ich möchte, dass sich jeder von euch an einer der drei Formen versucht. Welche ist mir egal, doch seid gewarnt. Selbstüberschätzung hat schon so manch talentierten Magieanwender in den Tod gerissen.“
Er öffnete die Seitentür zum Innenhof und ließ die Schüler nach draußen treten.
Chris, Penny und Rohan zogen sich in eine Ecke zurück und probierten sich an Magieformen der ersten und zweiten Stufe aus.
Gerade, als Rohan es geschafft hatte sich einen Panzer aus Gestein zu verpassen, hörten sie einen lauten Knall neben sich. Erschrocken fuhren sie herum.
Ralf stolperte ein paar Schritte zur Seite, ehe er im Gesicht blutend zu Boden fiel.
„Ich habe es doch erklärt“, meinte Prof. Bitterfield kalt. „Selbstüberschätzung bringt den Tod.“
Ein leichtes Lachen konnte Chris sich nicht verkneifen. Sofort funkelte Ralf ihn böse an.
„Immerhin probiere ich etwas“, polterte er. „Ich verkrieche mich nicht hinter einfachen Dingen wie gewisse Feiglinge hier.“
Sein Lächeln war bösartig und herablassend. Chris merkte, wie sein Blut zu kochen begann. Er ballte eine Hand zur Faust. Hitze durchschoss seinen Körper. Sein Atem ging tiefer, schwerer, gleichmäßiger.
Dann löste er die Faust wieder.
Die Kneipe ‚Am Schwarzen Meer‘ lag in einem der verschlagenen Viertel von Narat. Wenige ehrbare Bürger verschlug es hierher.
Chris störte das nicht. Er stapfte durch die regennasse Straße und überquerte eine alte, knarrende Holzbrücke. Aus dem Kanal unter ihm stiegen dicke Blasen hervor, die leise blubbernd platzten. An der Böschung lagen mehrere tote Fische. Chris warf einem Mann in zerrissener Kleidung, der an einem Brückenpfeiler lehnte, einige Münzen in den Hut. Danach betrat er die Kneipe am Kanalrand.
Wie üblich war es laut und stickig. Leichter Qualm lag in der Luft. An vielen Tischen wurde Karten gespielt, wobei sich die Spieler lauthals anschrien. Auf anderen Tischen tanzten leicht bekleidete Frauen und Männer.
Chris nahm seinen Zylinder ab und blieb kurz in der Tür stehen. Eine der Bedienungen, eine Dame namens Mitsch, winkte ihm von einer Ecke aus zu. Sofort steuerte Chris sie an. Auf dem Tisch, an dem sie wartete, standen schon eine Tasse Kaffee und ein Kännchen mit Milch. Chris nickte Mitsch zu.
„Danke.“
„Der Meister hatte dich schon gesehen, als du über die Brücke gegangen bist.“
„Es hat durchaus seine Vorteile zur Stammkundschaft zu gehören.“
„Wenn du noch etwas möchtest, melde dich.“
Mitsch schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter, ehe sie zurück zur Theke ging. Chris schlüpfte aus seinem Mantel und legte ihn über einen der freien Stühle. Danach setzte er sich auf den anderen. Seinen Zylinder platzierte er in greifbare Nähe auf dem Tisch.
Bevor er seinen Kaffee trank, goss er sich einen großen Schluck Milch in die Tasse. Entspannt lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück. Seine Beine waren lang genug, damit er seine Füße auf dem freien Stuhl ablegen konnte. Während er seinen Kaffee trank, beobachtete er das Treiben in der Kneipe.
Weiter hinten gab es kleine, durch bewegbare Wände abgetrennte, Abteile. Einige davon sogar auf kleinen Podesten. An den Tischen hier saßen gedrungen wirkenden Gestalten zumeist in feinen Anzügen oder besonders auffälliger Kleidung. Bei einem saß sogar ein kunterbunter Vogel auf der Schulter. Das Licht dort war etwas schummeriger und dunkler als im Rest der Kneipe.
Aus der Menge kam eine vollkommen vermummte Gestalt auf Chris zu. Sie zog sich von einem der nicht besetzten Tische einen Stuhl heran und stellte ihn direkt neben dem, auf dem Chris´ Füße lagen. Danach ließ sie sich selber darauf sinken. Chris zog hinter seiner Kaffeetasse fragend eine Augenbraue hoch.
„Was ist los, Naf?“
Naf, der Arak, wickelte den dicken Schal ab, den er sich um seinen Kopf geschlungen hatte. Es folgte eine Gesichtsmaske aus Wolle. Darunter kam das gräuliche Gesicht mit vier Augen zum Vorschein. Erleichtert atmete Arak auf.
„Endlich, Luft.“
„Was packst du dich auch immer so ein“, meinte Chris.
„Wir Arak frieren halt leichter als ihr Mawe.“
Naf hob seinen dünnen Arm und winkte in Richtung eines Kellners.
„Ein heißes Wasser!“, rief er dazu.
Der Kellner nickte nur. Chris beobachtete, wie Naf sein Wasser bekam, einen großen Schluck nahm und sich etwas bequemer hinsetzte.
„Hast du das Ding?“, fragte er schließlich.
Chris atmete tief durch und schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Was?“
Fast wäre Naf die Tasse Wasser aus der Hand gefallen. Seine Hände zitterten. Chris blieb ruhig. So war dieses Geschäft halt.
„Mir ist jemand zuvorgekommen“, erklärte er.
„Wer?“
Naf versuchte ärgerlich zu klingen, doch seine Stimme zitterte. Chris zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung, irgendein Kerl. Maskiert. Hat sich danach einfach in Rauch aufgelöst, wortwörtlich.“
Chris nahm einen großen Schluck Kaffee. Er konnte beobachten, wie Naf leicht panisch wurde. Seine zwei oberen Augen zuckten wild von links nach rechts und seine Beine gaben ein schierpendes Geräusch von sich, da sie aneinander rieben.
Chris atmete tief durch. Er stellte seine Kaffeetasse zur Seite und lehnte sich über den Tisch.
„Hey, Naf, ganz ruhig. Das ist nicht so schlimm.“
„Nicht schlimm? Das sagst gerade du. Du liegst mir doch die ganze Zeit in den Ohren, dass du dringend Geld brauchst.“
Dagegen konnte Chris nichts sagen. Es stimmte, er war in stetiger Geldnot. Trotzdem brachte es nichts, sich über einen gescheiterten Auftrag aufzuregen.
„Was ist mit dem Auftraggeber?“, warf Naf ein. „Das sind gefährliche Leute, die ...“
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