„Wir könnten uns auf das Rennfeld setzen“, schlug Penny vor, während sie sich ihre Schuhe anzogen.
Doch Rohan schüttelte den Kopf. Er deutete auf das Teufelsmoor.
„Lasst uns dort hingehen. Da sind keine Lichter, die uns stören und wir können nicht sofort entdeckt werden.“
Er holte seine Taschenuhr mit den sich ruhig drehenden Zahnrädern an der Unterseite heraus.
„Und wir müssen uns beeilen.“
Mit schnellen Schritten lief der die Stufen hinab. Chris und Penny folgten ihm. Über einen Schotterpfad zwischen zwei der Sportfelder gelangten sie direkt zum Teufelsmoor.
Die alten, teilweise blattlosen Bäume wiegten sich im Wind. Die Äste erinnerten an lange, dünne Finger. In der Ferne blubberten einige Stellen im Moor.
„Im Dunkeln ist das irgendwie unheimlich“, murmelte Chris.
Penny tätschelte ihm sanft die Schulter.
„Wir sind ja zu dritt.“
„Das beruhigt etwas.“
„Hey, hierher!“
Rohan saß auf einem umgestürzten Baum. Chris und Penny schlossen zu ihm auf und setzten sich links und rechts neben ihm. Ihre Blicke wanderten gen Himmel, an dem die Sterne ruhig funkelten. Aber keiner bewegte sich.
Die Freunde warteten.
Nach einer Weile tauchte der erste sich bewegende Stern auf. Als heller Streifen schoss er über den Himmel. Rohan riss eine Hand nach oben.
„Da!“
Auf den ersten folgte der zweite. Und der dritte. Schon bald war der Himmel voller heller Streifen. Das Licht fiel bis auf die Spitzen der Bäume, was diese noch seltsamer und beängstigender aussehen ließ.
„Wow“, entfuhr es Chris und Penny synchron.
„Ich habe doch gesagt, das wird interessant“, hauchte Rohan.
Der Schauer wurde größer und größer. Er füllte den gesamten Himmel aus. Chris ließ sich vom Baum gleiten, den Blick weiterhin nach oben gerichtet. Etwas kam ihm komisch vor; es fühlte sich nicht richtig an. Das Licht wurde heller. Chris kniff die Augen zusammen.
„Rohan, soll das so aussehen?“
„Ich … weiß nicht.“
Er und Penny traten an Chris’ Seite. Sie sahen mittlerweile genauso beunruhigt aus wie er sich fühlte.
„Mir gefällt das nicht“, murmelte Penny.
Da explodierte etwas mitten im Teufelsmoor. Eine Druckwelle fegte über die Köpfe der Freunde hinweg.
“WEG!“, brüllte Chris.
Die nächste Explosion riss ihn von den Füßen.
Als Chris wieder zu sich kam, klingelten ihm die Ohren und sein Kopf dröhnte. Mit geschlossenen Augen richtete er sich auf. Als er sie öffnete, war das Bild vor ihm verschwommen. Sofort tastete er nach seiner Brille. Diese war am Nasenteil gebrochen, sodass die beiden Gläser nach unten baumelten und die Bügel an seinen Ohren zogen. So gut er konnte, drückte er sie wieder zusammen, legte von jeder Seite einen Daumen daran und konzentrierte sich. Das Material unter seinen Fingern wurde warm, fast schon heiß. Als er sich die Brille wieder aufsetze, fühlte sie sich enger an, aber sie hielt.
„Chris!“
Erschrocken wandte sich der Angesprochene um. Penny kam auf ihn zugerannt. Ihre Kleidung war völlig verdreckt, sie musste ebenso wie er im Dreck gelandet sein.
„Bist du in Ordnung?“, fragte sie besorgt nach. Gleichzeitig hielt sie ihm helfend eine Hand hin.
„Wird schon gehen.“
Er ließ sich von ihr aufhelfen.
„Wo ist Rohan?“
„Keine Ahnung. Ich bin da hinten zu mir gekommen.“
Sie deutete in Richtung Schule. Auch Chris stellte fest, dass er einige Schritt vom umgestürzten Baum entfernt gelegen hatte. Von Rohan fehlte jede Spur. Penny warf Chris einen nervösen Blick zu.
„Du bist größer als ich. Siehst du ihn?“
„Nein …. Moment, warte mal.“
Chris schob sich die Brille wieder zurecht. Auf der anderen Seite des umgestürzten Baumes, nahe dem dichter bewachsenen Teil des Teufelsmoors, glaubte Chris eine Bewegung zu sehen. Sofort rannte er los, Penny war direkt hinter ihm. Tatsächlich erhob sich aus dem weichen, feuchten Gras Rohan. Er wankte hin und her, hielt sich dabei den Kopf und murmelte leise Flüche vor sich.
„Rohan, alles in Ordnung?“, fragte Chris, als er neben seinem Freund stand.
Rohan zuckte mit den Schultern.
„Glaube schon, keine Ahnung. Was ist passiert?“
„Sehen wir aus, als wüssten wir das?“, meinte Penny.
Rohan zuckte nur mit den Schultern. Währenddessen blickte Chris zur Schule hinauf. Diese lag immer noch still da, niemand schien bemerkt zu haben, was hier passiert war. Er atmete erleichtert auf. Rohan und Penny waren immer noch darüber am diskutieren, was mit ihnen geschehen war.
„Fühlte sich an wie eine Explosion“, stellte Penny fest.
„Ja. Aber dann hätten wir etwas abbekommen müssen. Zumindest einen Kratzer.“
Rohan schob die Ärmel seiner Jacke hoch und warf einen Blick unter seinen Rock.
„Leute“, warf Chris ein. Er musste lauter gewesen sein, als geplant, den beide schauten ihn erschrocken an. Also senkte er seine Stimme wieder.
„Lasst uns das bitte auf später verschieben. Es scheint zwar so zu sein, als hätte niemand etwas bemerkt, aber ich für meinen Teil möchte nicht hier sitzen und abwarten, bis wir doch erwischt werden. Wir sollten zurück.“
„Guter Punkt“, stimmte Penny zu.
Rohan nickte. „Dann los.“
So schnell wie möglich liefen sie den Weg zurück in die Schule. Hinter ihnen stieg aus dem Teufelsmoor Rauch hervor.
*
Als Chris am nächsten Morgen die Terrasse betrat, war alles ganz normal. Seine Mitschüler saßen zusammen an den Tischen, einige lernten, andere waren über Brettspiele gebeugt. Die zwei Sonnen hatten es geschafft, die Luft so weit anzuwärmen, dass man im ärmelfreien Shirt draußen sitzen konnte. Wenn man wollte. Chris gehörte aus gutem Grund zu denen, die nicht wollten. Er öffnete den obersten Knopf seines Hemdes und trat nach draußen. Sein Blick wanderte in Richtung des Teufelsmoors.
Eine leicht schimmernde, magische Barriere umgab es. Davor standen mehrere vollkommen schwarze Kutschen, um die Gestalten in dunklen Anzügen herumliefen. Chris war beunruhigt. Er überquerte die Terrasse und setzte sich zu Penny und Rohan an einen Tisch etwas abseits.
„Sie haben doch etwas bemerkt“, meinte Rohan nur.
„Keine Panik“, beruhigte Penny ihn. „Bis jetzt hat noch niemand mit uns darüber gesprochen. Sie werden den Rauch bemerkt haben und daraufhin das kaiserliche Ministerium herangezogen haben. Ich kann meinen Vater fragen.“
„Und dein Vater würde auch gar nicht nachfragen, warum uns das interessiert“, brummte Chris. Er legte seine Sachen auf den Tisch und beugte sich vor.
„Anderes Thema. Schaut euch das mal an.“
Er schlug den Ärmel seines Hemdes zurück und enthüllte ein Symbol an der Unterseite seines Unterarms. Es erinnerte an ein verschnörkeltes Sechseck mit Runen in der Mitte. Anstatt zu antworten, zog Penny den Ärmel ihrer Bluse hoch und offenbarte ebenfalls ein Symbol. Genauso wie Rohan. Die drei Freunde warfen sich fragende Blicke zu.
„Meine Theorie: Das hat etwas mit dem zu tun, was die Nacht passiert ist“, warf Rohan in den Raum.
“Alles spricht dafür“, stimmte Penny zu. “Aber was bedeutet das? Ich habe die Zeichen noch nie gesehen.“
„Vielleicht finden wir in der Bibliothek ein paar Informationen dazu.“
„Zuerst einmal“, mischte Chris sich ein. „Sollten wir keine Aufmerksamkeit auf uns ziehen. Sind wir uns einig, dass wir in der Nacht nichts mitbekommen haben?“
Seine beiden Freunde nickten.
„Ivy gibt mir ein Alibi, wenn ich ihr eins gebe“, erklärte Penny.
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