Ein Paar blickte sich verwirrt nach ihr um, doch ansonsten reagierte niemand. Penny rückte sich ihre Jacke zurecht. Sie biss ein Stück von dem alten Brötchen. Sofort landeten mehrere Möwen vor ihren Füßen.
„Gut, wo kann sie hin sein?“, fragte Penny sich selbst.
Es gab einige Orte, die Francine regelmäßig aufsuchte. Vielleicht war ihre Schwester irgendwie dorthin geraten und hatte ihre Sachen einfach zu Hause vergessen.
*
„Tut mir leid, Miss Morgan“, entschuldigte sich der Mitarbeiter des kleinen Restaurants am Stadtrand bei Penny.
Diese winkte ab.
„Ist in Ordnung. Wenn Sie meine Schwester sehen, sagen Sie mir bitte sofort Bescheid.“
„Natürlich.“
Er verbeugte sich kurz, ehe er wieder im Laden verschwand. Penny ließ sich auf die Kante des Bürgersteigs sinken.
Das Restaurant war ihre letzte Hoffnung gewesen, Francine zu finden. Weder bei ihren Freunden, auf der Arbeit, noch in einer ihrer Kneipe oder Bars war sie aufzufinden gewesen. Mittlerweile war es Mittag geworden. Die Sorge um ihre Schwester und die Enttäuschung hatte bei Penny jedes Gefühl von Hunger und Erschöpfung unterdrückt. Doch nun, wo ihre Möglichkeiten erschöpft waren, schlug beides mit voller Wucht zu. Ihre Beine trugen sie nicht mehr, ihre Magen schmerzte und die Augen ließen sich nur schwer offenhalten. Penny rieb sich das Gesicht.
„Francine, wo steckst du nur?“, murmelte sie.
Eine Kutsche raste an ihr vorbei. Eines der Räder durchquerte dabei eine Pfütze, was eine Welle Wasser in Pennys Richtung schickte. Eine Sekunde später war sie von oben bis unten durchnässt. Die Wut über den gedankenlosen Kutscher verlieh ihr neue Kräfte. Sie sprang auf.
„Hey, kannst du nicht aufpassen!“, brüllte sie mit Kutscher mit erhobener Faust hinterher.
Zu ihrer Überraschung hielt die Kutsche an. Normalerweise interessierten sich Kutscher nicht für das Gefluche von Fußgängern. Die Kutschentür glitt auf und ein junger Mann stieg aus. Mittelgroß im feinen Anzug mit Rock, hellbraune Augen und lange, pechschwarze Locken.
„Rohan?“, fragte Penny überrascht.
Er betrachtete sie von oben bis unten und grinste.
„Du siehst aus wie ein begossener Warkhase.“
„Wäre mir nicht aufgefallen.“
Sie zupfte am tropfenden Ärmel ihrer Jacke. Rohan hielt weiterhin grinsend die Tür der Kutsche auf.
„Komm rein.“
So saßen einander gegenüber, als die Kutsche wieder rumpelnd losfuhr. Penny legte die rechte Hand auf ihren linken Arm und begann ihre Kleidung zu trocknen.
„Was machst du hier draußen?“, fragte Rohan.
Das Lächeln war verschwunden und er sah besorgt aus.
„Ich suche meine Schwester“, erklärte Penny.
Er war einer ihrer ältesten Freunde, ihm gegenüber konnte sie ehrlich sein. Also erzählte sie ihm die ganze Geschichte. Rohan hörte schweigend zu, doch sein Gesicht verdüsterte sich mit jedem Wort. Am Ende fuhr er sich mit seiner Hand an das Kinn.
„Penny, wir müssen zum kaiserlichen Ministerium. Die Gesetzeshüter müssen davon erfahren.“
Penny verzog das Gesicht. Als Rohan das sah, verdrehte er mit einem tiefen Seufzer die Augen.
„Ich weiß, die magst sie nicht, aber sie sind deine beste Chance. Du hast es selber gesagt: Es ist nicht normal für Francine, einfach so zu verschwinden.“
„Du hast ja Recht.“
„Erzähl mir etwas Neues.“
Kurz grinste Rohan wieder frech, dann klopfte er mit seiner golden schimmernden, mechanischen Hand an das Dach der Kutsche.
„Fahren Sie uns zum kaiserlichen Ministerium!“, wies er den Kutscher an.
Dieser zeigte mit einem Klopfen, dass er verstanden hatte. Die Kutsche wendete und fuhr weiter ins Innere der Stadt.
Es goss wie aus Kübeln. Nur wenige Leute gingen durch die Straßen von Narat. Es mussten sehr wichtige Dinge sein, die sie heraustrieben. Die Kutsche, die durch die Pflastersteinstraßen preschte, fiel daher besonders auf. Einige Leute, die sich tief in ihren Mänteln vergraben hatten, drehten sich verwirrt um, als die Kutsche sie passierte.
Der Kutscher trieb die mechanischen Pferde immer weiter an. Dampf stieg aus jeder Ritze der silbern glitzernden Körper.
Im Inneren blickte Dr. Cabber immer wieder auf seine Taschenuhr. Die kleine Schatulle, der auf seinem Schoß lag, schien mehrere Brocken schwer zu sein. Cabber knurrte leise. Ihm lief die Zeit davon. Mit dem Lauf seiner Flinte schlug er gegen das Dach der Kutsche.
„Schneller, verdammte Axt!“
„Schneller geht nicht, sonst explodieren die Pferde!“, brüllte der Kutscher zurück.
„Hören Sie, Sie Kreatin, Sie ...“
Weiter kam Cabber nicht. Etwas stieß gegen die Kutsche, die sofort mit zwei Rädern den Kontakt zur Straße verlor. Cabber wurde gegen die Kutschenwand gedrückt. Seine Flinte rutschte unter die Sitze, außerhalb seiner Reichweite. Die Kutsche stürzte auf die Seite, schlitterte gegen den Bürgersteig. Die Beine der Pferde strampeln hilflos, in der Luft, ehe die Bewegungen erstarben.
Cabber rieb sich den dröhnenden Kopf. Sein Unterleib schmerzte furchtbar. Er spürte seine Beine nicht mehr. Verschwommen erkannte er über sich die Kutschentür. Gerade als er darüber nachdachte, wie er ohne seine Beine die Tür erreichen sollte, wurde diese aufgerissen.
Im Regen stand eine vermummte Gestalt und blickte auf Cabber herab. Dieser streckte ihr zitternd die Hand entgegen.
„Bitte ... helfen ... Sie ... mir ...“
Die Gestalt ließ sich in die Kutsche fallen. Sie betrachtete Cabber nicht, sondern bückte sich und hob die Schatulle auf. Interessiert drehte die Gestalt sie vor ihrem Gesicht.
„Nein“, hauchte Cabber.
Die Gestalt ließ die Schatulle in ihrer Kleidung verschwinden. Ohne hinzusehen, richtete sie die andere Hand auf Cabber. Bevor der Mann etwas sagen konnte, schossen grelle Blitze, die die gesamte Kutsche erhellten, aus der Hand. Cabber zuckte und sackte leblos in sich zusammen.
Die Gestalt zog sich wieder aus der Kutsche. Sie lag unter einer erloschenen Straßenlaterne am Rande einer Kreuzung. Der Leiche des Kutschers, der schräg auf seinem Sitz hing, schenkte die Gestalt keine Beachtung. Stattdessen sprang sie auf das nasse Kopfsteinpflaster. Der Regen machte einen Bogen um sie.
„Hey!“
Jemand kam aus einer Gasse auf die Gestalt zu. Die Person war ebenfalls vermummt, jedoch klitschnass. Die Gestalt lächelte und hielt mitten auf der Kreuzung inne.
Und löste sich in schwarzem Nebel auf.
Prof. Bitterfield schritt vor seinem Pult auf und ab. Sein Blick wanderte über die etwas höher gelegenen Sitzreihen seiner Schüler.
„Magie“, begann er mit dröhnender Stimme, „kann in unterschiedlichen Arten genutzt werden. Dies ist abhängig von den Fähigkeiten des jeweiligen Anwenders.“
Er schnipste und hinter ihm veränderte sich das Tafelbild. Darauf war eine Person inmitten eines Feuersturms zu sehen.
„Die einfachste Form der Magieanwendung“, erklärte er. „Die Kontrolle der Außenwelt. Jeder von euch sollte dazu in der Lage sein.“
Chris hörte Getuschel in einigen Reihen. Er legte wieder den Kopf auf die Arme und beobachtete weiter den Professor. Dieser schnipste wieder und das Bild eines Golems tauchte auf.
„Die Formwandlung. Schwieriger als die Stufe zuvor. Die Außenwelt wird nicht mehr nur kontrolliert, sondern in eine vom Magieanwender gewünschte Form gezwungen. Meistens sind dies Golems.“
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