Sie zögerten.
„Wie viel wird uns das kosten?“, hakte Chris nach.
Wieder lächelte die alte Dame nur.
„Gar nichts. Meine Dienste sind umsonst.“
Es war etwas in ihrer Stimme, dass beide dazu brachte jeweils die rechte Hand auf den Tisch zu legen. Die Dame ergriff ihre Hände und drehte sie mit den Handinnenflächen gen Decke. Ihre Daumen legte sie genau in die Mitte. Dann senkte sie den Kopf und summte leise vor sich hin.
„Ich spüre … große Macht. Eine starke Verbindung zur Magie bei beiden von euch. Es verbirgt sich in euch, doch ihr werdet die Möglichkeit erhalten, es freizusetzen.“
Sie hob ihren Blick.
„Das Schicksal wird nicht gnädig mit euch sein. Haltet euch bedeckt, fallt nicht zu sehr auf. Dann wird das Schicksal vielleicht überdenken, was es euch antun wird. Kämpft gegen die Magie in euch.“
Von einem Moment auf den anderen änderte sich etwas. Das Zelt schien zu schrumpfen. Alles wurde enger, kleiner. Panik breitete sich unter den Freunden aus. Sie wollten nur noch raus hier.
Gleichzeitig entzogen sie der alten Damen ihre Hände. Chris stand als Erster auf.
„Danke für den Ratschlag.“
„Ja.“
Penny erhob sich ebenfalls. Die alte Dame blickte sie nur an.
„Beachtet meine Worte. Ihr steht abseits von allen anderen auf dem Weg des Schicksals. Fordert es nicht heraus.“
„Danke, aber wir werden jetzt gehen.“
Penny packte Chris bei der Hand und zog ihn mit sich nach draußen. Sie traten ein paar Schritte von dem Zelt weg.
„Was war das denn?“, fragte Chris kopfschüttelnd.
„Was hast du erwartet? Alle Schicksalsseher sind so drauf.“
Penny zog sich ihr leicht verrutschtes Oberteil zurecht. Chris schüttelte nur den Kopf.
„Das meine ich nicht. Hast du es nicht gespürt? Da drin stimmte etwas nicht. Ganz gewaltig nicht.“
„Ja, aber ich kann nicht sagen was es war.“
Bevor sie weiter darüber nachdenken konnten, kam aus der Menge der Besucher Rohan auf sie zu. Er hatte einen großen Teddybären aus Plüsch unter den Arm geklemmt und strahlte breit.
„Da seid ihr ja. Ihr ahnt nicht, was ich gerade erfahren habe.“
„Dann sag es uns“, meinte Chris. Er war kein Freund von Ratespielen.
Rohan verdrehte die Augen.
„Du nimmst einem auch aus allem den Spaß, Chris. Also, an einem der Stände hat ein Mann mir erzählt, dass morgen Nacht der größte Sternenschauer des Jahrhunderts zu sehen sein soll. Das müssen wir uns anschauen.“
„Du möchtest also, dass wir uns zur Sperrstunde aus der Schule schleichen“, schlussfolgerte Penny.
Rohan winkte den Kopf hin und her.
„Es ist ein Ereignis, das sich erst in vielen hundert Jahren vielleicht wiederholen wird. Das sollten wir nicht verpassen.“
„Und wenn wir nicht kommen, gehst du ohne uns.“
Penny blickte Rohan fragend an. Er nickte.
„Ich lasse mir das nicht entgehen. Aber schöner wäre es natürlich, wenn meine zwei besten Freunde dabei wären.“
„Na schön“, brummte Chris. „Wir können nicht zulassen, dass du erwischt wirst.“
„Hey“, setzte Rohan zum Protest an, grinste aber spitzbübisch.
Penny ergab sich mit einem Seufzen. „Na schön.“
Die zwei Monde standen hoch über der Jane-Schule für höhere Magie. Auf den Fluren, die zu den Schlafzimmern führten, herrschte Stille. Die kleinen Schlafzimmer, die sich immer zwei Schülerinnen oder Schüler teilten, waren in tiefe Dunkelheit getaucht. In einem lag Chris auf seinem Einzelbett und starrte an die Zimmerdecke. Er wartete. In der Ferne erklangen leise Glockenschläge. Chris zählte leise von zehn rückwärts. Dann schwang er sich aus dem Bett.
„Rohan“, zischte er. „Es geht los.“
Genau wie er hatte auch Rohan seine normale Kleidung anbehalten. Sie schlichen zusammen zur Tür. Chris öffnete sie einen Spalt breit und wagte einen vorsichtigen Blick nach draußen. Es war niemand zu sehen. Durch den Spalt huschten die beiden Jungen nach draußen. Leise schloss Rohan die Tür. Auf leisen Sohlen – ihre Schuhe trugen sie in den Händen – bewegten sie sich durch den Flur. Plötzlich bemerkte Chris einen kurzen Lichtschein einige Meter vor ihnen. Er gab Rohan ein Zeichen, stehen zu bleiben und sich zu verstecken. Sie waren in eingespieltes Team. Jeder von ihnen drückte sich in einen Türrahmen. Das Licht kam näher.
Im Schein einer fliegenden Lichtkugel kam ein Lehrer den Flur herunter. Er schlenderte bedächtig und ließ den Blick hin und her schweifen. Die kleine Lichtkugel hüpfte über seinem Kopf umher. Chris presste sich gegen die Tür. Er stellte sich sogar auf die Zehenspitzen, wobei sein Kopf unangenehm gegen den oberen Rand des Türrahmens stieß. Als der Lehrer mit ihm auf einer Höhe war, blieb er stehen. Chris krallte die Hände in die Tür. Der Lehrer blickte sich um.
Und ging weiter.
Chris erlaubte sich erst tief durchzuatmen, als das Licht nicht mehr zu sehen war. Rohan tauchte vor ihm auf und packte ihn am Arm.
„Komm“, zischte er.
Nun bewegten sie sich etwas schneller über den Flur. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Lehrer den Rückweg antrat. Und dann wollte sie nicht mehr hier sein. Durch eine große Holztür am Ende des Flurs ging es raus in das große, breite Treppenhaus.
Dieses erstreckte sich einmal schräg durch das Gebäude, um so alle Etagen mit den Schlafzimmern und Klassenräumen miteinander zu verbinden. In der Mitte wurde sie von einem goldenen Geländer geteilt, darüber hingen prächtige Kronleuchter an der Decke. Blumenkübel mit exotischen Pflanzen standen schier willkürlich verteilt herum. Rohan und Chris schlossen leise die Tür zum Flur wieder und sahen sich um.
„Wir sollten sie doch hier treffen“, murmelte Rohan.
„Keine Panik, das klappt schon“, versuchte Chris ihn zu beruhigen.
Doch er war ebenso nervös wie Rohan. Verzögerungen im Zeitplan kamen einer Katastrophe gleich. Da entdeckte er einen blonden Haarschopf hinter einer Pflanze.
„Penny“, zischte die beiden Jungen synchron.
Sie tauchte hinter der Pflanze auf. Gut sichtbar atmete sie erleichtert durch.
„Da seid ihr ja“, flüsterte sie ihnen zu, als ihre Freunde vor ihr standen.
„Wir sind fast Professor Ramu in die Arme gelaufen“, erklärte Rohan. „Und du weißt genau, was passiert, wenn er uns während der Sperrstunde in die Finger kriegt. Dann möchte ich nicht in unserer Haut stecken.“
Penny verzog erschrocken das Gesicht, doch Chris winkte nur ab.
„Los, weiter.“
Er schlich vorneweg die Treppe runter. Dabei blieb er auf dem Teppich in der Hoffnung, so möglich wenige Geräusche zu machen. Am Ende der Treppe standen zwei Lehrer mit den Rücken zu ihnen. Über ihnen schwebten wieder zwei kleine Lichtkugeln. Die Lehrer unterhielten sich flüsternd. Chris, Rohan und Penny hielten inne. Sie sahen sich nach einem weiteren Weg nach unten um. Chris deutete auf das Geländer an der rechten Seite. Mit einem Satz schwang er sich darüber. Er löste durch eine kleine Handbewegung einen Zauber aus, der seinen Fall abfederte. Trotzdem verharrte er ein paar Minuten ohne sich zu rühren. Von den Lehrern kam keine Reaktion.
Chris trat einen Schritt von der Treppe weg und wandte sich um. Penny und Rohan beugten sich über das Geländer. Im schwachen Licht glaubte Chris ihre fragenden Gesichter auszumachen. Durch einen erhobenen Daumen zeigte er ihnen, dass alles in Ordnung war. Schon landeten sie neben ihm auf dem alten, leicht staubigen Teppich. Hinter der Treppe führte eine kleine Tür in den Hof der Schule.
Die drei Freunde standen in der kühlen Luft der Nacht auf einer steinernen Terrasse. Stühle und Tische waren an die Seite geräumt worden. Jemand hatte seine Bücher über Astrologie auf der kleinen Mauer liegen gelassen. Eine Steintreppe führte den Hügel hinab zu den Sportfeldern. Dahinter lag das Teufelsmoor.
Читать дальше