Sie verweigerte dem Showmaster den gewohnten Applaus. Er war gerade dabei, sich zu rasieren, als es an der Tür klingelte. Den Rest des Rasierschaums mit einem Handtuch wegwischend ging er im Bademantel zur Tür.
Draußen stand der Briefträger. Mit einem Einschreiben.
»Guten Morgen Herr Borsum. Ein Einschreiben für Sie. Bitte unterschreiben Sie hier.« Ohne zu zögern, unterschrieb Jan die Bescheinigung und warf den Brief auf den Küchentisch. Ging zurück ins Badezimmer und setzte seine Morgentoilette mit besonderer Ausführlichkeit fort. Als könnte er drohendes Unheil dadurch aufhalten.
Er konzentrierte seine Gedanken ausschließlich auf die nächstliegende banale Tätigkeit. Blauweiß kariertes Hemd aus dem Wandschrank holen. Socken und Unterhose aus der Kommode. Jeans vom Badewannenrand. Er zog alles an. Ohne Eile. Dann ging er in die Küche. Machte sich einen Milchkaffee. Toastete ein tiefgefrorenes Brötchen. Butterte sorgfältig beide Hälften. Bestrich eine mit Honig und die andere mit Camembert. Setzte sich an den Tisch und begann, zu frühstücken. Langsam kauend und den gezuckerten Kaffee mechanisch umrührend zögerte er immer noch, das Einschreiben zu öffnen.
Was konnte das sein?
Er konnte sich nicht erinnern, in letzter Zeit zu schnell gefahren zu sein. Es gab auch keine Mahnung, die er nicht bezahlt hätte. Nicht einmal auf den Absender hatte er beim Empfang des Schreibens geachtet.
Als könnte er es dadurch zu einem gewöhnlich Brief runterdimmen. Aber eigentlich ahnte er, wer der Absender sein könnte. Er hatte nur nicht damit gerechnet, dass es so weit kommen könnte. Endlich nahm er das Einschreiben in die Hand und las murmelnd: »Therapiezentrum der Sucht- und Jugendhilfe«. Also doch. Er riss das Schreiben auf. Unterschrieben war es von Hartke. Seinem Vorgesetzten. Was bildete der sich ein? Dieser bebrillte kleine Pykniker, der im Gegensatz zu ihm seine Frau schon seit Jahren nicht mehr gevögelt hat. Wütend wählte er seine Nummer.
»Komm bitte nachher in mein Büro. Dann reden wir darüber!« Der kleine Angeber. Sein Chef.
Er war doch nur Geschäftsführer des Vereins geworden, weil Jan keine Lust dazu hatte. Oft genug hatte man es ihm angeboten.
»Das ist eine formelle Abmahnung«, tönte Hartke triumphierend ins Telefon. Was für ein Quatsch. Schließlich hatte er den neuen Computer nur zum Nutzen der Einrichtung gekauft.
Wieso hätte er ihn deswegen vorher fragen sollen? Die Notwendigkeit hatte Klaus Hartke bei ihrem langen Streitgespräch vor zwei Wochen sogar bestätigt. Dennoch wurde in dem Schreiben etwas von »Kompetenzüberschreitung« geschwafelt.
»Sollte sich eine derartige oder gleichartige Pflichtverletzung wiederholen, sehen wir uns veranlasst, weitere arbeitsrechtliche Konsequenzen zu ziehen. Bis hin zur Beendigung Ihres Vertragsverhältnisses«.
Plötzlich war man beim »Sie«. Lächerlich.
Natürlich mussten sich alle an die Regeln halten. Aber wenn er in den letzten 25 Jahren diese Regeln nicht manchmal fantasievoll interpretiert hätte, gäbe es Hartke als Geschäftsführer schon längst nicht mehr.
»Abmahnung?«, lachte er dröhnend ins Telefon. »Bürokratenformeln geilen dich also auf.«
Die kurze Pause am anderen Ende der Leitung zeigte ihm, dass Hartke die Anspielung auf das nicht mehr vorhandene sexuelle Verhältnis zu seiner Frau ärgerte.»Wenn du deine Kompetenzen noch einmal überschreitest, bist du dran!«, drohte Hartke.
»Ach duzen wir uns wieder?«
»In offiziellen Schreiben nicht. Damit du es begreifst. Das Ganze ist keine Lappalie!«
* * *
4.
Der Wind hatte schon einen großen Teil der dunkelbraunen Schoten von den Johannisbrotbäumen geweht.
Die Schatten ihrer noch saftig grünen Kronen flossen auf den beigegrauen Hügeln ineinander.
Blätterlos glitzernde Mandelbäume schimmerten wie Drahtplastiken in der Mittagssonne.
Die Feigenbäume zierte noch ein Rüschensaum aus hellgrünen Blättern.
Endlose Reihen abstrakter Flamencoskulpturen.
Dunkle Wolkenfetzen verschatteten kurz die Hügellandschaft und gestatteten der Sonne gleich darauf, wieder alles in einem silbrigen Glanz erstrahlen zu lassen.
Oktober auf Mallorca.
Jan Borsum war im Begriff, ein neues Leben zu beginnen. Mit fünfundfünfzig.
In den letzten Monaten hatte er sich selbst dabei wie einem Fremden zugeschaut. Mit Interesse, sogar mit Neugier, aber ohne wirkliche Anteilnahme.
Zunächst war er plötzlich aus einer sicheren Stellung herausgefallen wie eine Skatkarte beim Mischen aus den Händen eines ungeübten Spielers. Seine arroganten Ignoranz hatte ihn unfähig dazu gemacht, die Situation richtig einzuschätzen. Als er Hartkes Frau Caroline erklärt hatte, dass es wegen der momentanen Spannungen für sie beide keine Chance mehr für eine Fortsetzung ihrer nicht ganz heimlichen Beziehung geben könnte, war er sich sogar noch besonders strategisch vorgekommen. Aber er hatte die vernichtungswütige Energie der plötzlich zurückgewiesenen Frau unterschätzt. Sie ließ ihn fallen. Für Hartke war endlich der Moment gekommen, den Rivalen zu kastrieren. In Bezug auf taktisches Verhalten war er Jan weit überlegen. Er musste nicht lange warten, bis dieser wieder seine Kompetenzen überschritt.
Hartke war im Urlaub gewesen und Jan hatte für kurze Zeit eine Sozialarbeiterin eingestellt, ohne ihn vorher zu fragen. Das war zwar vernünftig im Sinne der Einrichtung, formal aber zweifellos wieder eine Kompetenzüberschreitung.
Als er aus dem Urlaub zurück war, konfrontierte er Jan damit und hatte dessen mögliche Reaktion völlig richtig eingeschätzt. Ungeübt in solchen Situationen, nach Androhung seiner fristlosen Kündigung, hatte er sofort einen Aufhebungsvertrag unterschrieben. Mit einer Galgenfrist von einem Jahr, das nun abgelaufen war. Zunächst hatte er überhaupt nicht gewusst, was er machen könnte.
Nie zuvor war er in eine vergleichbare Lage geraten. Nie zuvor hatte er sich so etwas auch nur vorstellen müssen. Obwohl er ein Jahr Zeit gehabt hatte, sich darauf einzustellen, hatte er völlig irrational auf ein Wunder gehofft. Das natürlich nicht eingetreten war.
Der Gedanke, sich in seinem Alter bei Personalchefs bewerben zu müssen. Möglicherweise einem 15 Jahre jüngeren Wichtigtuer erklären zu müssen, warum er nach 25 Jahren ohne Perspektive aus dem Öffentlichen Dienst ausgeschieden wäre. Dieser Gedanke bereitete ihm Übelkeit. Das konnte er nicht. Und er wollte es auch nicht.
Einen Ausweg schien ein Gastronom zu weisen, in dessen Kneipe Jan viele Jahre lang Hof gehalten hatte. Der hatte ihm erzählt, er würde seine Zelte in Deutschland abbrechen und auf Mallorca ein kleines Luxushotel aufmachen. Seit vielen Jahren redete Wilhelm Sievers davon, was Jan stets nur zum Anlass für sarkastische Pointen genommen hatte. »Warte nur ab«, hatte Wilhelm gedroht, »du wirst vielleicht noch einmal auf mich angewiesen sein.« Jans Lachen hatte damals die ganze Kneipe angesteckt. Ihm gefiel die absurde Vorstellung so gut, dass er Wilhelm nur zum Spaß immer wieder ausgefragt hatte. Der musste nicht lange aufgefordert werden.
»Hier kann man auf Dauer nicht leben. Jeder ist bescheuert, der nicht die erstbeste Gelegenheit ergreift, hier abzuhauen. Die Behörden machen dich fertig. Gewerbeaufsicht, Gesundheitsamt, Ordnungsamt und das Finanzamt natürlich. Bei der kleinsten Aussicht, dass du etwas verdienen könntest, sind die Geier da. Dann kriegst du Auflagen, dass es nur so kracht. Oder du kannst gleich zahlen. Nee, in unserem Land sollst du nichts verdienen. Das wird bestraft.«
»Aber du bist doch ganz gut durchgekommen, bis jetzt!«
»Nur mit Blackbox. Anders geht’s nicht. Gerd Ramseck hat das früh kapiert. Erst hat er seine Schwarzkohle in Immobilien auf Mallorca angelegt und vor drei Jahren ist er ganz auf die Insel gezogen. Er hat so was wie ein deutsches Ärztezentrum aufgemacht. Vom Zahnarzt bis zum Orthopäden. Direkt neben meinem Hotel plant er ein zweites. Nächstes Jahr geht es los. Du könntest da vielleicht mit rein. So was wie Lebensberatung. Überleg’ es dir.«
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