Vielleicht war es Orlandos Schuld; und doch, recht bedacht – dürfen wir Orlando darum tadeln? Es war das Elisabethanische Zeitalter; ihre Sitten glichen nicht den unseren; ihre Dichter auch nicht; ebensowenig das Klima; ja, nicht einmal das Gemüse. Alles war anders. Sogar das Wetter, die Hitze und die Kälte im Sommer und im Winter, war, das dürfen wir getrost glauben, von ganz anderer Art. Der strahlende, liebeglühende Tag war von der Nacht so klar getrennt wie das Land vom Wasser. Die Sonnenuntergänge waren röter und kräftiger; die Morgendämmerung war heller, ihr Morgenrot glänzender. Von unserem dämmernden Halblicht und zögerndem Zwielicht wußten sie damals nichts. Der Regen fiel heftig, oder er fiel überhaupt nicht. Die Sonne loderte, oder es war finster. Die Poeten übertrugen das, wie es ihre Art ist, in die geistigen Bezirke und sangen schöne Verse über welkende Rosen und fallende Blütenblätter. Der Augenblick ist kurz, so sangen sie; der Augenblick ist schon dahin; und dann kommt eine lange Nacht, da alle schlafen müssen. Sie benutzten nicht Treib- und Gewächshäuser, um diesen frischen Nelken und Rosen Leben und Blüte zu verlängern; mit solchen Kunstkniffen mochten sie nichts zu schaffen haben. Die welken Spitzfindigkeiten und Doppeldeutigkeiten unseres umständlicher stufenden und zweifelsüchtigeren Zeitalters waren ihnen unbekannt. Alles war Heftigkeit und Leidenschaftlichkeit. Die Blume blühte und verdorrte. Die Sonne ging auf und sank. Der Liebhaber liebte und ging von dannen. Und was die Dichter in Reimen sagten, das machte die Jugend zur Tat. Mädchen waren Rosen, und ihre Zeit war kurz wie die der Blumen. Man mußte sie pflücken vorm Abendrot; denn der Tag war kurz, und die Nacht war der Tod. Also: wenn Orlando dem Vorbild des Wetters, der Dichter, ja des ganzen Zeitalters folgte und die Blume in der Fensternische pflückte, mochte draußen auch Schnee liegen und drinnen die Königin über den Korridor spähen, so werden wir es kaum übers Herz bringen, ihn darob zu tadeln. Er war jung; er war jungenhaft; er tat nur das, was die Natur ihn trieb zu tun. Was nun das Mädchen angeht, so wissen wir seinen Namen so wenig, wie Königin Elisabeth ihn wußte. Es mag Doris, Chloris, Delia oder Diana gewesen sein, denn er dichtete Verse auf sie alle, immer umschichtig; es mag eine Hofdame gewesen sein oder auch irgendeine Magd. Denn Orlandos Geschmack hatte weite Grenzen; er liebte durchaus nicht nur Gartenblumen, auch die Feldblumen, sogar die Unkräuter hatten immer ihren großen Reiz für ihn.
Hier legen wir mit jener rücksichtslosen Offenheit, wie sie einem Biographen verstattet ist, einen wunderlichen Zug seines Wesens bloß, der vielleicht durch die Tatsache zu erklären ist, daß eine seiner Ahnfrauen im groben Linnenhemd gegangen war und Milcheimer getragen hatte. Ein paar Körner der Erde von Kent oder Sussex waren dem dünnen, feinen Blute beigemengt, das als normannisches Erbe in ihm floß. Er hielt dafür, daß braune Erde und blaues Blut eine gute Mischung gäben. Jedenfalls ist gewiß, daß er immer eine Vorliebe für niederen Umgang hatte, insbesondere für den Umgang mit studiertem und schreibendem Volk, dem so oft der eigene Witz den Aufstieg im Leben verdirbt; das war wie eine Zuneigung aus Blutsverbundenheit. In dieser Zeit seines Lebens, da ihm der Kopf von Versen überging und er sich niemals schlafen legte, ohne noch schnell einen Einfall niederzuschreiben, schien ihm die Wange einer Schenkwirtstochter frischer und der Witz einer Wildhütersnichte flinker als die der Damen am Hofe. Deshalb ging er nun oft bei Nacht nach Wapping Old Stairs und in die Biergärten, in einen grauen Mantel gehüllt, damit man den Ordensstern auf der Brust und den Hosenbandorden am Knie nicht sah. Dort, einen Bierkrug vor sich, inmitten der Sandwege und der Rasenplätze und all der kargen Schmucklosigkeit solcher Umgebung, saß er und lauschte den Geschichten der Seeleute von Mühsal und Grauen und Grausamkeit an der Küste Südamerikas, die man ›Spanish Main‹ nannte; und wie dieser seine Zehen und jener seine Nase verloren hatte – denn die erzählte Geschichte war niemals so sorgsam ausgerundet und säuberlich farbgetönt wie die geschriebene. Besonders liebte er's, sie ihre Lieder von den Azoren brüllen zu hören, indessen die Papageien, die sie von diesen Fahrten mitgebracht hatten, nach den Ringen in ihren Ohren pickten, mit ihren harten gierigen Schnäbeln nach den Rubinen an ihren Fingern hackten und genauso greulich fluchten wie ihre Herren. Kaum weniger verwegen in ihren Reden und weniger keck in ihrem Tun als die Vögel aber waren die Mädchen. Sie setzten sich ihm aufs Knie und schlangen die Arme um seinen Hals; und da sie ahnten, daß sich unter seinem Düffelmantel ein nicht alltäglicher Gast verbarg, waren sie beinahe ebenso versessen darauf, die Wahrheit zu ergründen, wie Orlando selbst es war.
An Gelegenheit fehlte es ihm nicht. Der Fluß war früh und spät bedeckt von einem Gewimmel von Fährschiffen und Seglern und Fahrzeugen aller Art und Größe. Jeden Tag segelte irgendein schmuckes Segelschiff hinaus, das nach Indien bestimmt war; dann und wann schlich sich ein anderes, geschwärzt und übel zugerichtet und mit haarigem fremdem Volk an Bord, mühsam zu seinem Ankerplatz. Niemand fragte danach, ob ein Bursche oder ein Mädel nach Sonnenuntergang sich ein bißchen auf dem Wasser herumtrieb; niemand rümpfte die Nase, wenn das Geschwätz ging, man hätte sie eng umschlungen in tiefem Schlafe zwischen den Schatzsäcken liegen sehen. Von solcher Art nämlich war das Abenteuer, das Orlando, Sukey und dem Grafen von Cumberland widerfuhr. Der Tag war heiß; sie hatten ausgiebig der Liebe gehuldigt; sie waren inmitten der Rubinen in Schlaf gesunken. Spät in der Nacht kam der Graf, dessen Reichtum erheblich mit diesen ›spanischen‹ Beutezügen verknüpft war, allein mit einer Laterne, um die Beute zu zählen. Er ließ den Lichtstrahl auf eine Tonne fallen. Er prallte mit einem Fluch zurück. Da lagen, um das Fäßchen geschlungen, zwei Gespenster und schliefen. Der Graf, der von Natur abergläubisch war, dazu die Last manchen Verbrechens auf dem Gewissen hatte, hielt das Paar – die beiden waren in einen roten Mantel gehüllt, und Sukeys Brüste waren beinahe so weiß wie der ewige Schnee in Orlandos Dichtwerken – für ein Spukbild, dem Grabe ertrunkener Seefahrer entstiegen, um ihn strafend zu schrecken. Er bekreuzigte sich. Er gelobte Buße. Die Reihe von Armenhäusern, die noch heute in der Sheen Road stehen, ist die sichtbare Frucht, die der grausame Schrecken jenes Augenblicks trug. Zwölf arme alte Frauen jenes Kirchspiels sitzen darin, trinken tags ihren Tee und segnen nachts Seine Lordschaft dafür, daß sie ein Dach über dem Kopfe haben; so daß also sündhafte Liebe in einem Beutefahrerschiff – aber lassen wir die Moral der Geschichte ungepredigt.
Bald aber bekam Orlando das alles satt – nicht nur die Unbequemlichkeiten dieser Lebensführung und das holprige Gassengewirr der Gegend, sondern auch die ungehobelten Umgangsformen der Leute. Man darf nämlich nicht vergessen, daß Verbrechen und Armut für die Menschen des Elisabethanischen Zeitalters nicht dieselbe Anziehungskraft hatten wie für uns. Sie schämten sich nicht, wie wir Heutigen, des aus Büchern erlesenen Wissens; sie glaubten nicht, wie wir, daß es ein Geschenk des Himmels sei, als Sohn eines Fleischers geboren zu sein, und eine Tugend, nicht lesen zu können; sie bildeten sich nicht ein, wie wir, daß alles, was wir ›Leben‹ und ›Wirklichkeit‹ nennen, irgendwie mit Unwissenheit und Roheit zu tun haben müsse; ja, sie hatten überhaupt keine Entsprechung für diese beiden Worte. Es geschah nicht, um ›Leben‹ zu suchen, daß Orlando sich unter sie mischte; noch verließ er sie, um nach ›Wirklichkeit‹ zu fahnden. Aber wenn er ein paarmal die Geschichten vernommen hatte, wie Jakes dereinst seiner Nase und Sukey ihrer Ehre verlustig gegangen war (und sie erzählten das bewunderungswürdig, das muß man ihnen lassen) – so begann er der Wiederholungen ein bißchen überdrüssig zu werden; denn eine Nase kann schließlich nur auf eine Art heruntergehauen und eine Jungfernschaft nur auf eine Art verloren werden – so schien es ihm wenigstens – während man an den Künsten und Wissenschaften Mannigfaltigkeit fand, die seine Neugier tief erregte. So besuchte er denn, wenn er ihnen auch immer ein glückliches Erinnern bewahrte, die Biergärten und Kegelbahnen nicht mehr, hängte seinen grauen Mantel in den Kleiderschrank, ließ den Ordensstern an seinem Halse strahlen und das Hosenband an seinem Knie blitzen und erschien wieder einmal am Hofe des Königs Jakob. Er war sehr jung, er war reich, er war hübsch. Niemand hätte mit größerem Wohlgefallen aufgenommen werden können als er.
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