Wir kennen uns seit dem Sandkasten, waren praktisch schon da an der Hüfte festgewachsen und wurden scherzhaft die siamesischen Zwillinge genannt. Der erste Kuss, das erste Mal. Das erlebten wir alles gemeinsam - miteinander. Zehn Jahre waren wir glücklich. Zumindest glaubte ich das. Die Abschiedszeilen des mir wichtigsten Menschen belehrten mich eines Besseren.
‚Lieber Jan, es tut mir leid, aber ich bin am Ende. Ich brauche mehr, als du mir gibst. Die Schuld liegt nicht bei dir, es ist einfach nur eine Tatsache. Ich bin auf der Suche nach etwas, das ich nicht benennen kann. Vielleicht finde ich es eines Tages, vielleicht nicht. Ich wollte dich nie verletzen und glaube mir, wenn ich dir versichere, dass du immer mein bester Freund sein wirst. Eines Tages werden wir uns wiedersehen und ich hoffe, dass wir uns dann in die Augen sehen können. Ich wünsche dir nur das Beste, denn das ist es, was du verdienst. Leb wohl. Dein Andreas.‘
Ich verdiene also nur das Beste. Spöttisch schnaube ich und schwinge mich auf meinen Drahtesel. Entspannt radel ich nach Hause, spüre jedoch rasch, wie die Wut wieder in mir hochschwappt. Das Beste. Dass ich nicht lache. Nach einem anstrengenden Arbeitstag in die gemeinsame Wohnung zu kommen und sie leer und verlassen vorzufinden ist Andreas‘ Vorstellung dieses Besten gewesen. Alle seine Sachen waren weg. Kleidung, persönliche Dinge, sogar jedes Foto hat er mitgenommen oder vom Computer gelöscht. Nur die zusammen angeschafften Möbel hat er stehen gelassen. Sie sind somit das Einzige, das mich an unsere Zeit dort erinnert. Den Rest hat er ausgelöscht, unsere Vergangenheit einfach ausradiert als sei sie bedeutungslos.
Zuhause parke ich mein Fahrrad im Hof und flitze die Außentreppe hoch, den Eingangsflur absichtlich vermeidend. Für heute hab ich ausreichend Selbstbemitleidungsstunden auf dem Konto. Ich muss sie nicht noch aufstocken, in dem ich den Briefkasten checke. Samstagmorgen ist früh genug.
In der stillen Wohnung verstaue ich die Einkäufe, springe unter die Dusche, schiebe ein Fertiggericht in die Mikrowelle, das ich vor der Glotze in mich hineinschaufle. Lustlos zappe ich durch die Kanäle, bleibe an der Wiederholung einer amerikanischen Krimiserie hängen und lasse mich über die Abgründe der Menschheit aufklären. Ich lache freudlos, schlurfe in die Küche, um das Geschirr zu spülen. Für die Untiefen der menschlichen Seele brauche ich kein Fernsehen. Die Erkenntnisse darüber bekam ich live und in Farbe nach Andreas‘ Abgang serviert.
Ich gehe noch mal ins Bad, danach lege ich mich hin. Es ist erst kurz vor neun, doch mein Elan für Freizeitbeschäftigung geht Richtung null. Schlafen klingt da wie die bessere Alternative. Es liegt ein langes freies Wochenende vor mir, vor dem mir jetzt schon graut. Andreas und ich gehörten zwar nicht unbedingt zur Fraktion der Freizeitjunkies, aber selbst wenn wir nur auf der Couch rumhingen, zumindest waren wir zusammen. Aufgewühlt wälze ich mich von einer Seite auf die andere. Es bringt nichts. Mein Gehirn produziert Erinnerungen im Sekundentakt, hämmert mir meine Blödheit nachdrücklich ein.
Denn in winzigen klaren Momenten, wo ich es schaffe meinen verletzten Stolz beiseitezuschieben, ich ernsthaft nachdenke, weiß ich, warum mein Mann mich verlassen hat. Wir sind nie wirklich Partner gewesen, kein Liebespaar, wie es in Büchern beschrieben wird - mit rosa Herzchen, die man überall hinmalt. Okay, Scherz beiseite, das muss auch nicht sein. Andreas und ich waren beste Freunde, so eng miteinander verbunden, dass wir die Sätze des anderen beendeten, weil wir immer die Gedanken unseres Gegenübers kannten. Nur bei unseren Gefühlen hatten wir wohl die Scheuklappen auf. Romantik existierte für uns nicht und Sex? Eher lästige Pflicht als Kür. Eine mechanische Übung zum Druckabbau. Wir brachten keinen Vulkan zum Explodieren, bei uns reichte es nicht mal zum Anzünden einer Kerze.
Und dennoch: Ich vermisse ihn. Er gehörte so lange zu meinem Leben, ist untrennbar mit den wichtigsten Meilensteinen verbunden, sodass sein Verlust eine klaffende Wunde hinterlassen hat. Eine Wunde, die auch sechs Monate später unverändert blutet und keine Anzeichen von Heilung zeigt. Denn bei allem Verständnis, warum er gegangen ist - die Art und Weise, wie er es getan hat, sich weggeschlichen wie ein Dieb in der Nacht, das kann ich ihm nicht verzeihen. Das unentwegte Grübeln erschöpft mich schließlich doch und ich drifte ins Traumland.
***
Samstagmorgen bin ich wie gerädert. Die Nacht war unheimlich ereignisreich, lebhafte Szenarien, was ich alles mit meinem Ex anstellen würde, wenn ich ihn denn mal in die Finger bekäme. Schnaufend trotte ich ins Bad. Eine heiße Dusche und eine Tasse schwarzer Kaffee später fühle ich mich zwar längst nicht ganz der Lebendfraktion zugehörig, aber der Pegel zeigt nach oben. Halleluja!
Ich beschließe, mal wieder etwas für die Fitness zu tun und schlüpfe in Joggingklamotten. Die Sonne lacht vom Himmel, es ist noch angenehm kühl, also perfekt für ein bisschen Outdoorsport. Beschwingt tänzel ich die Treppen hinunter, ignoriere entschlossen die Briefkästen und strecke draußen erst mal mein Gesicht den wärmenden Sonnenstrahlen entgegen. Dann laufe ich los.
Eine Stunde später bin ich verschwitzt und außer Puste, hab meine Energie wohl etwas überschätzt. Ist mir aber egal, denn ich fühle mich energiegeladener und zuversichtlicher als in den letzten Wochen. Endlich sehe ich einen kleinen Silberstreifen am Horizont, wo bis gestern nur unheildrohende Wolken hingen. Deshalb fällt es mir auch relativ leicht, den Briefkasten zu öffnen und die Post herauszunehmen. Der schmerzhafte Stich der Enttäuschung bleibt diesmal aus, als es wieder nur Rechnungen und Werbung sind. Ein schlichter weißer Umschlag nur mit meinem Namen beschriftet lässt mein dummes Herz dann doch unvernünftig loshämmern. Hastig reiße ich den Brief auf, mir rutscht eine Visitenkarte in die Hände. Mehr steckt nicht in dem Briefumschlag drin. Verwirrt drehe ich die Karte hin und her, lese die Aufschrift.
‚The key‘. Ein exklusives Gay-Resort in einem märchenhaften Schloss an der wildromantischen Küste Cornwalls, wo wir Ihre Sehnsüchte und Träume erfüllen. Vergessen Sie, wer Sie im Alltag sind und seien Sie, wer Sie sein möchten. Lassen Sie sich verzaubern und verbringen Sie einen unvergesslichen Urlaub in unserem Hause.
Verwirrt starre ich auf die bronzefarbenen Buchstaben, auf das Logo mit einem altmodischen Schlüssel. Soll das eine neue Art von Werbung sein? Oder ein dummer Scherz? Hm, es ist eine Internetadresse angegeben, ich könnte theoretisch mal nachschauen, was dahintersteckt. Ach Quatsch, das werde ich nicht tun. Wer weiß, was dahinter steckt. Es schadet nicht, vorsichtig zu sein.
Oben in der Wohnung werfe ich die Karte jedoch nicht weg, lege sie mit der anderen Post im Flur auf die Ablage. Wieso ich sie nicht sofort entsorge? Keinen Schimmer, vielleicht bin ich ein Narr. Egal jetzt erst mal eine ausgiebige heiße Dusche und dann mal schauen, was ich mit meinem freien Wochenende anfange. Die Zeit des Verkriechens ist jedenfalls vorbei. Heute ist Tag eins meines neuen Lebens. Ich schüttel über mich selbst den Kopf, aber was soll’s. Wenn dieses Mantra hilft, nehme ich, was ich kriegen kann.
***
Nachdem mich die Visitenkarte den ganzen Tag gefoppt hat, wie sie da so unschuldig herumlag, knicke ich am Abend ein. Die Neugier siegt und es ist ja nichts dabei, mal im Netz zu googeln. Irritiert schaue ich auf die Website und noch mal auf die Karte. ‚The key’ ist tatsächlich ein Hotel. Ein umgebautes Schloss in Cornwall genauer gesagt. Ziemlich ansprechend sogar. Ich bin ein riesiger Großbritannienfan und besonders die romantischen Küstengebiete Cornwalls haben es mir angetan. Ich ziehe eine Grimasse. Da ist schon wieder dieses Wort. Romantik. Das ist doch wie verhext heute. Zuerst meine Erkenntnis, wieso Andreas und ich keine Chance hatten, es zu schaffen und jetzt das.
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