Zartblasse Wolken zogen träge vor einem unbeschreiblich blauen Hintergrund dahin. Klein und nahezu durchscheinend waren sie nicht in der Lage, diesen wunderschönen Sommertag zu beeinträchtigen. Während ihrer Wanderung veränderten sie ständig ihr Aussehen und ein Beobachter mit ein wenig Fantasie war ohne weiteres in der Lage, bekannte Gestalten oder auch Gesichter in den ätherischen Konturen zu erkennen. Zog dort nicht ein riesiges Schiff seine Bahnen? Deutlich konnte man die Masten und Segel sehen, welche im nächsten Augenblick unter einer starken Windböe ihre Form verloren und nun Ähnlichkeit mit den Türmen einer Burg aufwiesen. Und diese kleine Wolke, südlich der Burg, ähnelte sie nicht dem Gesicht eines alten Mannes, bärtig und voller Falten. Die tief liegenden dunklen Augen starrten zornig herab bevor sie, einer plötzlichen Laune des Windes folgend, aufrissen und scheinbar zu Leuchten begannen. Der alte Mann fügte den zahllosen Falten auf seiner Stirn noch einige Ebenbilder hinzu. Er öffnete seinen Mund und plötzlich war deutlich seine Stimme zu hören.
„Du musst dich konzentrieren, Hexenkind. Wenn deine Gedanken abschweifen, verlieren die Illusionen an Kraft.“
Der blaue Himmel riss auseinander und verschlang die flüchtigen Wolkengebilde. An seiner Statt erschien nun ein wolkenverhangenes, von Regen und Unwetter kündendes Firmament. Freya war enttäuscht. Wieder einmal war es ihr nicht gelungen, eine Illusion lange genug aufrecht zu erhalten. Thoralf sah sie schmunzelnd an, während Hilda einen Arm um ihre Schultern legte.
„Den Wächter hast du bezwungen. Du kannst in die Gedanken anderer eindringen, und sie Dinge sehen lassen, die nicht existieren. Doch ein Trugbild zu erschaffen, das in der Lage ist, alle zu täuschen, die es sehen, ist um ein Vielfaches komplizierter.“
Hilda nahm Freyas Gesicht in ihre Hände und sah ihr tief in die Augen.
„Du darfst nicht verzweifeln. Es ist schwierig, doch nicht unmöglich.“
„Vielleicht sind wir ja doch nicht zur Ausbildung der Kleinen vorgesehen.“
Thoralf blickte nachdenklich in den bedrohlich aussehenden Himmel hinauf.
„Glaubst du nicht auch, dass wir Freya alles gezeigt haben, was es zu zeigen gab, sie alles gelehrt haben, was des Lehrens würdig war“
Ein blendender Blitz riss die Wolken auseinander, dicht gefolgt vom dumpfen Grollen des Donners. Erste Regentropfen bahnten sich einen Weg zur Erde. Geboren in Schwindel erregender Höhe begann ihr kurzes Dasein in Form eines Wassertropfens der, wäre er in der Lage sich zu wundern, sich fragen würde, warum alle Dinge rasend schnell größer wurden, bevor er mit einem leisen Klatschen auf der Erde aufschlug.
Dieser Regen war anders! Zwar fielen gewaltige Wassermassen der Schwerkraft folgend auf die Erde zu, doch kam nicht einer dieser unzähligen Tropfen unten an. Sie verschwanden spurlos noch bevor sie den Boden erreichten.
Verblüfft betrachtete Freya dieses Schauspiel und plötzlich begann sie zu verstehen. Dieses Gewitter war nichts weiter, als eine perfekte Illusion.
Aufgeregt wandte sie sich an Hilda.
„Das ist großartig! Ich denke schon, dass du mich weiter ausbilden sollst. Ich möchte auch irgendwann so eine perfekte Illusion hervorbringen können.“
„Das ist mitnichten mein Werk!“
Ratlos sah sich die alte Hexe um.
Auch Thoralf schien verblüfft, doch nur für einen Moment. Dann zogen plötzlich feine Lachfältchen in seine Augenwinkel und schmunzelnd sagte er:
“Ich glaube, wir waren Alle etwas unvorsichtig. Fragen wir den jungen Simon, wer für dieses Wunder verantwortlich ist“
Während Freya und Hilda verständnislos zu Thoralf blickten, trat ein blondgelockter Junge schüchtern hinter der Hütte hervor.
„Nun, Simon, hast auch du neuerdings Kräfte entwickelt? Kräfte, die jene unseres kleinen Hexenkindes übertreffen?“
Jetzt breitete sich auch auf Hildas Zügen ein Lächeln aus.
„Oder hast du uns vielleicht noch einen Besucher mitgebracht?“
Wie aus dem Nichts erschien direkt neben Hilda eine junge Frau. Ein glockenhelles Lachen ertönte, als die Alte zurückschreckte.
„Ich freue mich, dich lebend anzutreffen, Hilda. Die letzten Informationen, die ich erhielt, schienen das Gegenteil anzudeuten.“
Sie beugte sich zu Freya herab und das Mädchen war fasziniert von der Schönheit dieser Fremden.
„Du bist also Gerdas Tochter, Baldurs Schwester, die Hoffnung der Welt“
Es war eine Feststellung, keine Frage.
„Du siehst sowohl deiner Mutter, als auch deinem Bruder ähnlich. Ja, ohne Zweifel, du bist Freya.“
Die Frau wendete sich ab und setzte sich zwischen Hilda und Thoralf auf die Bank. Das Lächeln auf ihrem Gesicht wurde undeutlicher.
„Nun Thoralf, die Dinge entwickeln sich anders als geplant. Ich sollte die Ausbildung Freyas übernehmen, während du dich um Baldur kümmern solltest.“
Das Gesicht der Fremden nahm einen bekümmerten Ausdruck an.
„Leider hat das Schicksal anders entschieden. Das Mädchen befindet sich in deiner Obhut, während ihr Bruder den Weg in unser Dorf fand.“
Freya sprang erregt auf
„Baldur ist in Sicherheit? Wo ist er?“
Die Augen der Frau wurden noch ein wenig trauriger. Sie legte Freya ihre Hände auf die Schultern.
„Mein Sohn Simon wird dir berichten, was geschah. Ich muss mit Thoralf und Hilda beraten, wie es weitergehen soll.“
Der blonde Junge kam näher. Schüchtern nahm er Freya an der Hand und führte sie ein Stück von den Erwachsenen weg.
„Du bist also Baldurs Schwester! Er ist mein bester Freund, musst du wissen und außerdem hat er mich vor den grässlichen Traumfängern gerettet.“
Freya blickte erstaunt zu dem Jungen.
„Dein bester Freund? Wie lange kennt ihr euch denn schon? Zwei Tage, eine Woche?“
Simon deutete den Spott in Freyas Stimme richtig.
„Eigentlich kannten wir uns nur einen halben Tag und eine halbe Nacht. Trotzdem ist er mein Freund. Er hat mein Leben gerettet!“
„Ich finde, du solltest mir alles erzählen, und zwar von Anfang an!“
Die beiden Kinder setzten sich auf die Wiese und Simon erzählte Freya alles, was er wusste. Nachdem er seine Geschichte beendet hatte, herrschte einen Moment lang Schweigen. Dann entschloss sich Freya dem Jungen aus ihrem Leben zu berichten. So vergingen die Stunden und die Nacht brach herein, ohne dass die Unterhaltungen unterbrochen wurden. Auf der einen Seite saßen die Kinder im Gras und erzählten einander sämtliche Abenteuer, die sie bisher erlebt hatten, auf der anderen Seite lauschten Hilda und Thoralf ungläubig Maries Worten.
„Du sagst, Baldur hat den Traumfänger mit Worten festgehalten. Das ist unglaublich. Wenn das wahr ist, dann ist er bei Weitem stärker, als ich geglaubt hätte. Stärker als ich, stärker als seine Mutter. Eigentlich kenne ich nur eine Person, die dazu in der Lage wäre. Thoralf!“
„Da hast du Recht, Hilda. Die Geschichte, die uns Marie Niemandskind erzählt hat, klingt wirklich unglaublich. Und ich würde mich auch freuen, besäße der Junge wirklich bereits solche Kräfte. Doch sehe ich momentan keinen Grund zur Freude. Baldur ist verschwunden!“
Schweigen breitete seine Flügel über den Menschen aus. Schwermut begann in die Herzen der Erwachsenen einzuziehen und ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit schien von der gesamten Wiese Besitz zu ergreifen. Selbst das Gras zu ihren Füßen schien zu verdorren. Marie erhob sich und ging zu den Kindern. Vorsichtig nahm sie Freya in die Arme.
„Du solltest vorsichtiger mit deinen Fähigkeiten umgehen, Kleine. Deine Trauer erfüllt im Moment alles Lebende im Umkreis. Du hast die Macht, den Menschen die Hoffnung zu nehmen, nur durch deine eigene Hoffnungslosigkeit. Dein Bruder lebt, da bin ich mir ganz sicher. Er ist auf dem Weg, seine Ausbildung zu beginnen und du wirst ihn ganz bestimmt bald wieder sehen. Wenn du möchtest, werde ich deine Ausbildung übernehmen. In deiner freien Zeit kannst du mit meinem Sohn spielen, denn du sollst ein Kind bleiben, solange das möglich ist.“
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