Nun, weit entfernt waren sie von diesem Zustand nicht mehr. Gerda behielt den Gedanken aber lieber für sich. Sie würde diesen Leuten gerne helfen, doch spürte sie, dass ihnen nicht mehr zu helfen war. Ihr Hochmut würde ihr Verhängnis sein. Die Männer waren wahrscheinlich in irgendeinem Kampf gefallen, vielleicht hatten sie dabei sogar auf verschiedenen Seiten des Schlachtfeldes gestanden. Oder sie hatten irgendwo, fernab mit anderen, jüngeren Frauen ein neues Dorf gegründet, wer konnte das sagen?
Dieses Volk würde bald wirklich nur noch eine Legende sein. Und Gerda wusste, dass sie es bis zum Schluss nicht begreifen würden, dass sie selbst die Schuld daran trugen.
Angewidert wendete sie sich ab.
„Ich fürchte, ich muss auf eure Gastfreundschaft verzichten. Ihr seid so sehr damit beschäftigt, euch selbst leid zu tun, dass ich befürchte, eine Nacht in eurer Mitte könnte aus mir eine ebenso wehleidige Jammerfigur machen.“
„ Ich glaube nicht, dass du uns so schnell verlassen wirst. Über die Jammerfigur reden wir später noch, doch zunächst sollst du die Heiligtümer kennen lernen.“
Gerda begriff, dass sie in die Falle getappt war. Das Tor in ihrem Rücken war mittlerweile verschlossen, die Kinder hatten ihr Spiel beendet und standen neben ihren Müttern, ebenfalls mit Pfeil und Bogen bewaffnet und die Anführerin der Gemeinschaft setzte ein falsches Lächeln auf.
„Seid ihr Schwestern nicht auch Diener der alten Götter? Wie kommt es dann, dass du gehen willst, ohne den Eingang zu ihrem Reich gesehen zu haben?“
„Ich habe nichts, was ich als Opfer anbieten könnte.“
Gerda hatte jetzt Angst!
Sie war unvorsichtig gewesen, überheblich war sie den vermeintlich hilflosen Frauen gefolgt. Nun stand sie hier. Ihre Kräfte waren beileibe nicht groß genug, um es mit der gesamten Dorfgemeinschaft aufzunehmen. In den gierigen Blicken der Kinder konnte sie erkennen, welcher Art ihr Opfer sein sollte.
Das Dorf schwelgte im Vorgeschmack des üppigen Festbratens, der da so unerwartet in ihrer Mitte erschienen war. Aus Gerdas Angst wurde Panik.
„Wo befindet sich denn der Eingang zum Reich der Götter. Vielleicht kann ich doch etwas für euch tun, wenn dieser Eingang wirklich existiert.“
„Oh, du wirst etwas für uns tun, das ist sicher.“
Böse lächelte die Kriegerin Gerda an.
„ Folge mir!“
Über einen ausgetretenen Pfad erreichten sie den Fuß des Berges. Dort, umgeben von immergrünen Ranken befand sich der Eingang zu einer finsteren Höhle. Als Gerda näher trat, konnte sie erkennen, dass der Weg hinter diesem Eingang nicht etwa waagerecht in den Berg hinein verlief, vielmehr blickte sie in eine bodenlose Öffnung. Das Licht verlor sich schon nach weniger als vier Fuß, so dass man die Tiefe des Loches nur erahnen konnte. Und doch war dies Gerdas einzige Chance den Dorfbewohnern zu entkommen. Ohne nachzudenken und ohne zu zögern sprang sie in die Dunkelheit. Es schien ihr, als fiele sie endlos lange, in Wirklichkeit waren es jedoch höchstens zwölf Fuß, wie sie erkennen konnte, als sie nach oben blickte, wo sich gegen das Sonnenlicht die wutverzerrten Gesichter der Kriegerinnen abzeichneten. Rasch sprang Gerda auf und floh in die Finsternis des Ganges, der sich vor ihr auftat. Nach wenigen Schritten blieb sie stehen. Ihr war, als hätte sie ein Geräusch gehört. Angestrengt lauschte sie, alle Sinne bis zum äußersten gespannt. Und richtig, da war es wieder. Der Klang kurzer, schneller Schritte und dann unvermittelt, direkt vor ihr ein klägliches maunzen. Überrascht beugte sich Gerda nach unten und ihre tastenden Hände bekamen weiches Fell zu spüren.
„Da bist du ja wieder. Du hast wohl ein schlechtes Gewissen, weil du mich in diese Lage gebracht hast? Willst du mir den Ausgang zeigen?“
Die Antwort bestand aus einem wohligen Schnurren. Vorsichtig setzte Gerda den Kater auf den Boden.
„Dann führe mich hinaus.“
Es fiel ihr nicht leicht, dem Tier in dieser absoluten Finsternis zu folgen. Das Geräusch seiner Schritte war das einzige, wonach sie sich richten konnte.
Dann nach etwa zehn Minuten, begann sich weit vor ihr ein verschwommener Schimmer zu zeigen, Licht! Gerda beschleunigte ihre Schritte und als sie an der Quelle des Lichtschimmers angekommen war, stellte sie fest, dass sie sich in einer großen Höhle befand, die von einer unsichtbaren Lichtquelle erhellt wurde.
Nicht, dass ein Licht notwendig gewesen wäre! Der einzige Bewohner dieser Höhle war eine alte Frau und ein Blick in ihre Augen verriet Gerda, dass sie blind waren. Gerdas Blick fiel auf den Kater, der schräg vor ihr stand. Er schien zu lächeln. Dann drehte er Gerda sein Köpfchen zu, sah ihr tief in die Augen und verschwand durch einen schmalen Tunnel.
„Nun, da bist du also.“
Die Stimme der alten Frau klang wie das Flüstern des Windes, der durch die fallenden Blätter streicht.
„Ich war nicht sicher, ob du kommen würdest, denn ich bin blind für alles, was ist und irgendwann sein wird. Ich sehe lediglich, was gewesen ist. Und das, was war, wird sich nie ändern. Die Taten einzelner mögen das Heute oder auch das Morgen verändern, niemals jedoch das Gestern. So scheine ich ein schlechter Ratgeber für deine Suche zu sein, doch urteile nicht voreilig.“
Gerda war fasziniert. Sie war im Reich der Schicksalsweberinnen angekommen und nach allem, was sie gehört hatte, musste die alte Frau in der Mitte der Höhle Urd sein, das Gewesene.
„Es ist nicht meine Absicht, voreilig zu urteilen. Ich wäre glücklich, wenn du etwas Licht in die Geschehnisse der letzten Tage bringen könntest, denn da du weißt, was gewesen ist, hast du einen gewaltigen Vorteil mir gegenüber. Ich kann den größten Teil der Geschehnisse nur erraten.“
„Nicht alles darf ich dir sagen, doch so viel sollst du wissen; die Geschehnisse nehmen ihren vorgesehenen Lauf. Du und deine Kinder, ihr habt viele Verbündete, von denen ihr nichts wisst, die euch trotzdem helfen und über euch wachen. Selbst unter den Feinden könnte dein Sohn einen Freund finden, das heißt, gefunden hat er ihn schon, doch wird er ihm auch vertrauen? Davon könnte das Schicksal deiner Welt abhängen. Ich weiß, dass deinem Sohn meine Schwester erschienen ist, Skuld, das Werdensollende, doch kann ich nicht vorhersehen, ob diese Begegnung von Vorteil für den Jungen war, denn ich bin, wie gesagt, das Gestern, nicht das Morgen.“
Mit ihren blinden Augen sah die alte Frau zu Gerda herüber.
„Du wirst nun schlafen, Tochter des Waldes, denn nur deshalb hat dich mein Bote hergebracht. Schlafen, und dich erinnern; erinnern an die Macht, welche einst in dir ruhte.“
Gerdas Augenlider wurden schwer, ihr Blick begann sich zu verschleiern und das Letzte, was sie sah, bevor der Schlaf die Herrschaft über ihr Bewusstsein übernahm, waren zwei blitzende Sterne in dem Gang, durch welchen der Kater verschwunden war und als sie einschlief glaubte sie, ein sanftes Schnurren zu vernehmen.
Das Erwachen war unangenehm und Baldur wünschte, weiter in seiner Traumwelt verweilen zu können. Doch leider war dies nicht möglich. Unerbittlich klarten seine Gedanken auf und der Traum zog sich in eine weit entfernte Ecke des Unterbewusstseins zurück. Mit dem Erwachen kamen auch die Erinnerungen zurück, schreckliche Erinnerungen an geflügelte Monster die ein Dorf überfielen! Seinetwegen! Schreiende, kämpfende, sterbende Menschen; Seinetwegen! Und an einen furchtbaren Schatten, der aus dem Nichts aufgetaucht war und ihn mitgenommen hatte. Danach gab es nur noch den Traum, keine Erinnerungen mehr.
Zaghaft öffnete der Junge zunächst nur ein Auge, sofort bereit, es wieder zu schließen, sollte ihm der sich bietende Anblick nicht behagen. Alles sah friedlich aus. Direkt vor sich konnte er saftiges Gras erkennen, durchzogen von einer großen Anzahl Blumen und begrenzt durch einen Ring aus Bäumen. Er wusste sofort, wo er sich befand. Es war die große Lichtung im Wald, unweit seines Elternhauses. Hierher hatte er früher einige Male seine Mutter begleitet, auf der Suche nach Kräutern und Gräsern. Die Lichtung der Blumen wurde dieser Ort genannt.
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