Das erste, was Gerda beim Erwachen wahrnahm, war ein pelziger Geschmack.
Gerade so, als hätte ihre letzte Mahlzeit aus etwas bestanden, das schon sehr lange tot und ungekühlt gelagert worden war. Dann stellte sie fest, dass sie ihre Beine nicht mehr spürte, doch noch bevor sie darüber entsetzt sein konnte, begann ein unangenehmes Prickeln in ihrer Fußsohle und arbeitete sich langsam in die höheren Regionen vor. Sie hatte wohl einfach zu lange gelegen!
Gerade, als sie ihre Augen öffnen wollte fühlte sie, wie etwas Weiches ihren Unterarm streifte. Voller Abscheu schrie sie laut auf und schleuderte dem Angreifer ein uraltes Wort entgegen. Hastig setzte sie sich auf und erhob ihre Hände, bereit, sich zu verteidigen, doch das einzige Geräusch welches zu hören war, war ein klägliches Maunzen. Gerda öffnete ihre Augen und stellte fest, dass ihr vermeintlicher Angreifer der kleine weiße Kater war, der sie hierher geführt hatte. Er hing kopfüber in der nächstgelegenen Eiche, fest verschnürt durch dünne Ranken Hexenseide. Schnell befreite Gerda das Tier aus seiner misslichen Lage, verwundert, wie ihr das hatte gelingen können. Sollten ihre Kräfte allmählich zurückkehren? Die Alte in der Höhle hatte so etwas angedeutet. Überhaupt, wie kam sie eigentlich hierher? Eingeschlafen war sie in der Höhle der Norne, erwacht unter freiem Himmel.
Gerda lies ihren Blick schweifen und begann, an ihrem Verstand zu zweifeln. Dort, wo am Vorabend das Dorf des Schattenvolkes gestanden hatte, befanden sich nur noch Ruinen, längst verlassen und verrottet. Wo verwahrloste Kinder gespielt hatten, wuchs Unkraut und Gestrüpp, undurchdringlich und abweisend.
Es hatte den Anschein, als sei das Dorf schon vor vielen Jahren von seinen Bewohnern verlassen worden. Voller Panik rannte Gerda zum Fuß des Berges am Ende des Dorfes. Das Loch, in welches sie voller Verzweiflung gesprungen war, existierte nicht! Kein Loch, kein Weg, keine Schicksalsweberin!
Sie hatte alles nur geträumt! Gerda wusste, dass dies nicht stimmte, es war real gewesen. Die Frauen mit ihren Bögen, die Kinder und auch die Opferstelle.
Hatte sie durch eine Laune des Schicksals etwa einen Blick in die Vergangenheit geworfen? Schließlich war ihre Gastgeberin letzte Nacht Urd gewesen, die Norne des Vergangenen. Oder hatte der Zauber der Alten vielleicht bewirkt, dass Gerda viele Jahre geschlafen hatte? Dieser Gedanke war mehr, als nur unangenehm, doch ließ er sich leicht widerlegen. Der Kater war immer noch bei ihr! Kein Tier hätte jahrelang neben einer Schlafenden gewartet. Nach dem Anblick des Dorfes zu urteilen, war es unwahrscheinlich, dass ein Kater, der sie damals hergeführt hatte überhaupt noch am Leben wäre. Waren es also doch nur Trugbilder gewesen? Wahrscheinlich würde sie dieses Rätsel niemals lösen können. Unentschlossen sah Gerda in alle Richtungen.
„Ich würde gern sagen, dass du mich führen sollst, allerdings befürchte ich die Konsequenzen.“
Ihre Worte schien der Kater als Beleidigung aufzufassen, denn er wandte ihr den Rücken zu und begann hocherhobenen Hauptes die Flanke des Berges zu erklimmen und während Gerda noch überlegte, ob sie dem Tier folgen sollte oder nicht, überwand der Kater den ersten steilen Abschnitt und verschwand von einem Augenblick auf den Nächsten. Gerda beeilte sich, um an die Stelle zu gelangen, an der sie das Tier zuletzt gesehen hatte. Das erwies sich als gar nicht so einfach. Ständig gab das lose Geröll unter ihren Füßen nach. Für jeden Schritt, den sie vorwärts machte, schien sie zwei Schritte zurück zu rutschen. Als sie endlich oben angekommen war, konnte sie weit und breit kein Lebenszeichen ausmachen.
„Hervorragend! Jetzt hat auch der Kater sich als Trugbild erwiesen.“
Gerda spähte den Hang hinauf. Weniger als eine Achtelmeile entfernt glaubte sie einen Weg auszumachen, der sich um den Berghang zu schlängeln schien.
Seufzend ergab sie sich in ihr Schicksal und setzte sich in Richtung dieses Weges in Bewegung. Wenn sie schon würde klettern müssen, konnte sie nebenbei, als Zeitvertreib gewissermaßen, ihre Theorie von vorhin, bezüglich ihrer Kräfte, überprüfen.
Sie starrte nach unten in das verfallene Dorf, fixierte eine besonders verrottete Hütte und murmelte leise einige Worte. Das Ergebnis war beeindruckend.
Die fauligen Bretter der Hütte vergingen in einem Feuerstoß, der sofort wieder erlosch, als seine Arbeit getan war. Ein gellender Schrei erklang von der Lichtung und Gerda hastete entsetzt den Berg weiter hinauf. was immer diesen Schrei ausgestoßen hatte, sie wollte es nicht wissen. Sie wollte nur noch weg von diesem unheimlichen Ort.
Die Angst vor der Dunkelheit und dem, was verborgen in ihrem Schatten lauerte, hatte Baldur vorwärtsgetrieben. Ohne Pause war er die ganze Nacht weiter gelaufen, immer dem Pfad nach, immer auf der Suche nach einem Zeichen seiner Mutter. Jetzt ging die Sonne auf und der Junge hatte keine Kraft mehr. Müde hielt er Ausschau nach einem geschützten Fleckchen Erde, einer Höhle oder einem dichten Gebüsch. Doch wohin er sein Auge auch wandte, wie kuschelig weich manch eine Stelle auch aussehen mochte, tief im Inneren verspürte er eine Rastlosigkeit, die jedes Fleckchen, welches zum Verweilen einlud ablehnte. Es war, als wüsste er instinktiv, dass er nicht ruhen durfte, ehe er nicht ein bestimmtes Ziel erreicht hatte. So ging er immer weiter, bis ihn gegen Mittag die Kräfte verließen. Erschöpft setzte er sich in den Schatten einer Trauerweide und wollte gerade die Augen schließen, als er in der Ferne einen dunklen Punkt gewahrte, der zunehmend größer wurde. Angestrengt starrte Baldur auf das sich nähernde Gebilde, ob Mensch, ob Tier. Es näherte sich auf Baldurs Spuren, hatte ihn vermutlich die ganze Zeit verfolgt. Der Punkt wuchs rasch, nahm Konturen an und der Junge erkannte, dass es sich um ein schnelles Tier zu handeln schien. Ein Pferd vielleicht, eher ein Pony, vielleicht ein…
Entsetzt sprang Baldur auf. Es war ein Wolf! Der größte Wolf, den der Junge je zu Gesicht bekommen hatte. Er rannte direkt auf den vor Schreck erstarrten Baldur zu. Kurz bevor er ihn erreichte, verfiel er in eine langsamere Gangart, um dann ganz stehen zu bleiben. Der Wolf musterte Baldur mit einem wilden Blick, dann zeigte er seine gewaltigen Zähne und ließ ein kehliges Knurren ertönen. Langsam, den Bauch fast auf den Boden gepresst, näherte er sich dem Jungen, wobei die ganze Zeit sein Knurren zu hören war. Baldur rannte los. Ohne sich umzusehen floh er vor dem gefährliche Tier in seinem Rücken. Es war im bewusst, dass er eigentlich keine Chance hatte, dem Wolf zu entkommen, doch hinderte ihn das nicht, so schnell zu rennen wie nie zuvor in seinem Leben. Als sein Denken langsam wieder in geordnete Bahnen zurückfand, begann er sich zu fragen, warum der Wolf ihn nicht schon längst eingeholt hatte. Vorsichtig sah er über seine Schulter nach hinten und stellte verblüfft fest, dass das Tier im folgte.
Allerdings schien der Wolf es nicht mehr eilig zu haben. Gemächlich trottete er hinter dem Jungen her, als wolle er ihn im Bewusstsein seiner eigenen Schnelligkeit verhöhnen. Er verhielt sich seltsam, genauso seltsam wie vorhin, als er sich auf dem Bauch angeschlichen hatte. Wollte er am Ende nur mit Baldur spielen? Das wäre der erste Fall, der je bekannt geworden wäre, über einen verspielten Wolf. Baldur wurde langsamer, der Abstand zum Wolf blieb gleich groß. Der Junge blieb stehen und sah zu dem Tier hinüber. Doch kaum hatte er aufgehört, sich zu bewegen, als der Wolf auch schon wieder die Zähne fletschte und ein unheilvolles Knurren ertönen ließ.
Gehorsam setzte der Junge sich wieder in Trab und das Tier folgte ihm friedlich.
Doch so groß seine Angst auch war, irgendwann waren seine Kraftreserven erschöpft und als die Sonne sich im Westen auf die Nacht vorzubereiten begann, blieb Baldur einfach stehen und starrte seinen Verfolger trotzig an.
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