Das Schlüsselwort ›Patient‹ löste meine nächste Frage aus: »Was machst du eigentlich beruflich?« Seine Antwort kam etwas zögernd. Er sagte, er sei Arzt, aber die Sorte Arzt, vor der die meisten Menschen Angst hätten. Das könnte jeder Arzt sein!, lachte ich in mich hinein. Meine erste Annahme war Zahnarzt. Vor dem hätte ich am meisten Angst, überlegte ich, fand aber, dass er irgendwie nicht wie ein Zahnarzt aussah. Dann erklärte er, dass er die ›Verrückten‹ heile. Jetzt war mein Interesse geweckt. Psychologie hatte mich schon immer sehr interessiert und mit Aspekten davon, vor allem was die Entwicklung und das Lernverhalten von Kindern betraf, hatte ich mich bereits in meinem Studium intensiv beschäftigt.
»Sehr interessant!«, bemerkte ich.
Im weiteren Gespräch stellte sich heraus, dass er einen meiner Berufe, nämlich die Fotografie, als Hobby teilte. Wir schienen also, zumindest was die Interessen betraf, einiges gemeinsam zu haben. Das ist ja schon mal keine schlechte Basis für eine potentielle Partnerschaft, lautete mein Fazit.
Plötzlich fiel mir auf, dass er einen Ring trug. Ich versuchte mich daran zu erinnern, was genau in seinem Profil gestanden hatte. Ich war mir sicher, dass in seinem Status ›Single‹ angegeben war. Vielleicht noch eine falsche Angabe? Ich zeigte auf den Ring: »Du bist verheiratet?«.
»Nein, ich war verheiratet, aber bin schon seit ein paar Jahren geschieden. Ich trage den Ring schon länger, sozusagen alibimäßig«, erklärte er. Ein Stein fiel mir vom Herzen. Auf einen verheirateten Mann hätte ich mich niemals eingelassen.
»Warum alibimäßig?«, wollte ich sofort wissen.
Er machte eine Andeutung, dass er sich vor möglichen Annäherungsversuchen von weiblichen Patienten schützen wolle. Seine Erklärung hörte sich plausibel an. Ich trage immerhin gelegentlich auch einen Ring an meinem rechten Ringfinger, überlegte ich.
Ich fragte ihn, wie es mit Ex-Beziehungen bei ihm aussah.
»Ich hatte ein paar. Manche dauerten nur wenige Wochen und andere einige Monate bis Jahre«, erklärte er knapp. Normalerweise hätte ich mir nach solch einer Aussage ernsthafte Gedanken machen müssen, ob dieser Mensch überhaupt beziehungsfähig ist, aber ich wusste ja, dass er schon eine sehr lange Ehe hinter sich gebracht hatte.
»Was suchst du denn jetzt genau?«, fragte ich und erklärte, dass ich persönlich eher eine feste Beziehung anstrebte, wenn es denn passte.
»Ich möchte auch eine feste Beziehung, Liebschaften sind mir zu oberflächlich«, antwortete er. Seine Antwort erfreute mich. Wir schienen zumindest schon einmal dasselbe Ziel zu verfolgen.
Das Thema Sex, Dominanz und Devotion war nur kurz zur Sprache gekommen. Alles war eher sachlich und distanziert besprochen worden. Ich erzählte ihm von meiner Ehe und dass mein Sexleben während dieses Lebensabschnittes so gut wie abgeebbt war und offenbarte ihm, dass ich lange Zeit überhaupt nicht gewusst hatte, was ich denn genau wollte und brauchte.
»Und jetzt weißt du es?«, fragte er gespannt.
»Ja, ganz sicher. Devot war ich schon immer, nur war mir eben nicht bewusst, dass man das so nennt«, erklärte ich selbstbewusst und etwas stolz. Ich erwähnte meine letzte Beziehung und wie ich dadurch gelernt hatte, dass mich Dominanz zwar unheimlich anturnt, aber dass ich diesen Quatsch mit irgendwelchen Regeln nicht noch einmal mitmachen würde. Wir waren uns beide einig, dass wahre Dominanz keine Regeln brauchte.
»Ich finde so etwas auch völlig unangebracht«, bekräftigte er. »Das sind immer diese ›Möchtegern-Doms‹«, fuhr er sachlich fort. Bei ihm gäbe es keine in Worte gefassten Regeln, da eine wirklich devote Frau ihm das, was er brauchte, aus Liebe heraus freiwillig geben würde, konkretisierte er. Diese neue Definition der Devotion hörte sich für mich wunderschön und romantisch an. So sollte es doch eigentlich in jeder Beziehung sein, dachte ich, dass der Partner aus Liebe und Wohlwollen heraus bereit ist zu geben.
Er sprach von einem Beziehungsmodell, welches auf vollstem Vertrauen und bedingungsloser Hingabe basiert. Seine Erläuterungen deckten sich mit meiner Vorstellung einer glücklichen und erfüllten Beziehung. Ich hatte nicht nur das Gefühl, dass er mich verstand, sondern auch, dass er wirklich ein Mann war, der mir genau das geben konnte, wonach ich schon mein ganzes Leben lang gesucht hatte. Dies erfreute mich.Die Art und Weise, wie er redete war die ganze Zeit über sehr ruhig, sachlich und gelassen gewesen. Solch ein Verhalten war ich nicht gewohnt von Männern. Die meisten schienen oft so unentspannt, redeten viel zu viel und dann auch ausschließlich nur über sich selbst. Ich merkte, wie sich seine Ruhe auf mich übertrug, was ich als sehr angenehm empfand und verlor langsam meine innere Nervosität und Aufgeregtheit. Diesmal war ich diejenige gewesen, die wie ein Wasserfall sprach. Du redest dich schon wieder um Kopf und Kragen!, warnte ich mich.
Beim ersten Treffen redete ich oft zu viel, um meinen inneren Drang mich selbst zu erklären - ja rechtfertigen zu müssen - zu befriedigen. Was er jetzt wohl über mich denkt?, fragte ich mich nervös. Ein leicht mulmiges Gefühl stieg in mir auf. Nachdem ich nun wusste, was er beruflich machte, fühlte ich mich durchschaut. Wahrscheinlich hatte er mich bereits komplett analysiert.
»Keine Angst, ich analysiere nicht gleich jeden und bleibe erst einmal neutral«, versicherte er mir.
Was für ein Quatsch – jeder macht sich automatisch ein Bild von seinem Gegenüber. Das kann man doch nicht einfach abschalten, dachte ich skeptisch. Schnell beruhigte mich jedoch der Gedanken, dass er auch nur ein Mensch ist und sicherlich ebenso seine Schwächen und Fehler hatte wie jeder.
Unser Gespräch war, meiner Ansicht nach, alles in allem sehr angenehm, zugleich aber auch recht unspektakulär verlaufen.
Als wir nach knapp über zwei Stunden auseinandergingen, hätte ich nicht sagen können, dass er mich total umgehauen hatte.
Es folgten ein paar Tage Funkstille. Dann erhielt ich unerwartet eine Nachricht von ihm: »Sehen wir uns nochmal?« Hätte er sich nicht gemeldet, wäre von meiner Seite her wahrscheinlich nichts mehr gekommen. Ich hatte nicht das große Bedürfnis empfunden, ihn unbedingt wiedersehen zu müssen. Das Gefühl ihm gegenüber war eher gleichgültiger und neutraler Natur gewesen. Trotzdem freute ich mich über seine Nachricht und fühlte mich geschmeichelt, da offensichtlich Interesse seinerseits bestand, weshalb meine Antwort »Ja gerne!« lautete.
Unser zweites Date war zeitlich sehr begrenzt gewesen. Er hatte sich eine Stunde über Mittag zwischen seinen Arbeitsterminen freihalten können.
Es war ein schöner Frühlingstag, an dem wir uns wiedersahen. Kalt war es noch, aber die Sonne schien und die Temperatur war zumindest etwas gestiegen, weshalb wir beschlossen einen kleinen Spaziergang zu machen - beide mit einem ›To Go‹ Kaffee in der Hand. Noch eine Gemeinsamkeit, wie wir feststellten – wir waren beide leidenschaftliche Kaffeetrinker.
Er schien dieses Mal fröhlicher gestimmt und nicht ganz so müde wie bei unserem ersten Treffen. Am Anfang unseres Spazierganges bemerkte er beiläufig, dass er noch nie zuvor solch eine Art von Date gehabt hatte.
»Wie meinst du das?«, fragte ich interessiert. Bei seinen vorherigen Dates war es wohl immer recht schnell zur Sache gegangen, berichtete er mir.
»Im Café hast du sehr sexy ausgesehen. Am liebsten hätte ich dich dort auf der Stelle genommen«, grinste er mich an. Seine Worte verblüfften mich. Innerlich freute ich mich über das Kompliment und merkte, wie meine Wangen heiß wurden. Während unseres Café-Dates hatte er keine Komplimente oder Bemerkungen hinsichtlich meines Aussehens gemacht. Die Vorstellung von ihm genommen zu werden, erregte mich etwas. Mein früheres Ich hätte niemals solche Unterhaltungen geführt. Meinem früheren Ich wäre es viel zu peinlich gewesen, auch nur das Wort Sex auszusprechen. Aber mittlerweile, vor allem nach meiner letzten Beziehung, war fast jede Scham von mir gewichen und ich hatte keine Hemmungen mehr über intime Details zu reden. Sex hat doch sowieso jeder, warum also nicht offen darüber sprechen?
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