Der „Eispalast“ ein matt schimmerndes filigranes Kunstwerk aus Eis, Glas und Kristall öffnete seine Pforten für die Ankömmlinge. Zwanzig Dakuai, Männer und Frauen, auf anraten Tomos die schönsten und klügsten.
Der Eindruck der sich ihnen darbot übertraf bei weitem das erwartete. Ein Defilee der anmutigsten Menschen aller Rassen und Nationen empfing die Reisenden. Diese Idylle konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die anmutig wirkenden Wesen denen sie begegneten, eine eigenartige Leblosigkeit ausstrahlten.
Eine faszinierende neue Welt öffnete sich ihren Augen, während sie in stummem Staunen weitergingen. Kilometerweite bizarre Formationen von Eiskristallen die mit jedem Schritt den sie taten ihr Aussehen änderten, mystische Formen annahmen. Geblendet von dem unbekannten Glanz, verlor sich ihr Blick in der Weite der Halle. Nur das diffuse bläuliche Licht, das die eigenartige Wärme die sie bereits bei ihrer Ankunft bemerkten, ausstrahlte, durchdrang die unwirkliche Szene.
„Seit mit Willkommen.“ Die kraftvolle Stimme des Imperators weckte sie aus ihrer erstaunten Versunkenheit.
Wenigen wurde bislang die Ehre zuteil vom Imperator persönlich empfangen zu werden. Wundersame Vorkommnisse und Legenden rankten sich um seine Persönlichkeit, doch die Wirklichkeit übertraf alle Geschichten und Sagen die sich in all den Jahren um ihn und den Weißen Planeten häuften.
Was dann folgte, nachdem die Gäste sich in ihren Quartieren erfrischt hatten, waren die Rituale aller hohen Häuser, sowie das Ritual der Begrüßung aller verdienten Persönlichkeiten und das abendliche Dinner.
Die Speisen waren köstlich, von erlesener Qualität, die Unterhaltung legere. Der Imperator verstand sich auf charmanten Smalltalk. Nur Masheba, nachdem sie alle Anwesenden eingehend inspiziert hatte, langweilte sich und verließ unbemerkt den großen festlichen Saal.
War alles was sie bisher sah freundlich und hell, befand sie sich plötzlich in einem langen dunklen Korridor.
Ein sonderbar steriler Geruch, den sie bis dahin noch nicht kannte, stieg ihr in die Nase und lies sie für einen kurzen Augenblick innehalten. Doch ihre Neugierde behielt Oberhand und so setzte sie, wenn auch zögernd, ihre Erkundung fort. Nur fand sie zu ihrem bedauern all die vielen Türen auf beiden Seiten des Korridors verschlossen. Einstweilen hatte sie ihr Weg jedoch schon zu tief in diese mysteriöse neue Welt vordringen lassen, um jetzt noch umzukehren und um nicht auch noch den letzten verbliebenen Winkel zu durchforschen.
Doch verschlossene Türen wohin sie auch griff. Der Weg den sie gekommen war lag nun fast völlig im Dunklen, und die große schwere Eisentüre durch die sie vor kurzem hier Einlass fand war nur noch als ferner Schatten auszumachen und bald gar nicht mehr zu sehen.
„Wenn ich das Tarik erzähle…, der wird staunen!“
Stolz über ihre Courage setzte sie ihre Inspektion fort, obwohl ihr die Knie nun doch etwas weich wurden, wie sie ärgerlich feststellen musste.
Hannah meint, dass man das was man einmal begonnen hat auch zu Ende führen soll. Mit diesen Worten sprach sie sich weiter Mut zu. Plötzlich, am anderen Ende des schier nicht enden wollenden Korridors konnte sie ein Licht wahrnehmen, diffus zwar, doch immerhin ein Licht. Ihr kindliches Entdeckerherz hüpfte vor Freude, aber gleichzeitig bekam sie einen fürchterlichen Schrecken.
Herrlich gruselig! wäre ich jetzt in meinem Bett, würde ich mir die Bettdecke über beide Ohren ziehen.
Nun konnte sie auch Stimmen vernehmen. Kinderstimmen…? Rasch drückte sie sich gegen die Türe an der sie eben vorbei laufen wollte. Der etwas vertiefte Rahmen bot einigermaßen Schutz, doch plötzlich kamen ihr Zweifel, nicht doch etwas Verbotenes zu tun.
Es waren tatsächlich Kinderstimmen, nun konnte sie es deutlich hören.
Stimmen und Schritte die sich ihr näherten….! Sie drückte sich noch tiefer in ihr Versteck, dass ihr, soviel war ihr nun klar, reichlich wenig Schutz bot. Man würde sie sehen sobald man sich auf gleicher Höhe befand…, man würde sie unweigerlich entdecken. Plötzlich Stille, die Schritte verebbten und nur noch vereinzeltes Flüstern war zu hören. Dann ein klicken, eine Türe wurden geöffnet. Wie versteinert drückte sie sich noch enger an die Wand. Ihr Herz raste als wäre sie kilometerweit gerannt.
Noch lange nachdem Ruhe eingekehrt war hatte sie nicht den Mut ihren Schlupfwinkel zu verlassen. Doch dann, als sich der ärgste Schrecken gelegt hatte kehrte auch die Neugierde zurück. Vorsichtig spähte sie in die Richtung aus der sie die Stimmen vernommen hatte…, es schien eine Ewigkeit her zu sein.
Nun konnte sie deutlich das Licht sehen das durch die Ritze einer nicht ganz geschlossenen Türe fiel. Ihr erster Instinkt war Flucht, weglaufen, in die sicheren Arme ihrer Tante. Doch nun musste sie doch lachen… weglaufen wie ein kleines Kind. Tarik würde sie auslachen wenn er davon erfahren würde. Nein, diese Peinlichkeit wollte sie sich ersparen. Außerdem…, jetzt, da sie nun mal hier war, wollte sie auch wissen was sich hinter dieser einzigen nicht verschlossenen Türe befand. Leise, auf Zehenspitzen näherte sie sich dem Zimmer, aus dem nun wieder Stimmen zu vernehmen waren.
Was bin ich doch für ein Dummerchen, es werden Schulkinder sein…, und ich bekomme einen Schrecken als ob ich irgendwelchen mysteriösen Machenschaften auf der Spur wäre. Sie war sich nicht ganz sicher ob sie diese letzten Worte nicht doch laut ausgesprochen hatte, denn ein bisschen nervös, das musste sie sich eingestehen, war sie noch immer.
Sie wollte gerade anklopfen, da sie das so gelernt hatte, auch wenn sie es Zuhause meistens vergaß, als sie eine schneidende, verzerrte Stimme vernahm. Sie musste aus einem Lautsprecher kommen so unnatürlich war ihr Klang. Die Kinder verstummten augenblicklich.
Masheba konnte die Worte nicht verstehen, es handelte sich um eine ihr fremden Sprache, doch klang jedes Wort wie ein Kommando, ein Befehl.
„ Ibidem Adonay
! Ibidem Adonay! Ibidem Adonay!“
Mit Ibidem konnte sie nichts anfangen, doch kam sie zu der Schlussfolgerung, dass mit Adonay ganz sicher ihr charmanter Gastgeber, der ihrer Tante schöne Augen machte, gemeint war. Sie musste wieder schmunzeln. Ich mag ja noch fast ein Kind sein, doch so dumm, um das nicht zu merken, bin ich nun auch nicht!
Etwas mutiger geworden drückte sie die Türe einen Spalt weit auf. Was sie nun sah faszinierte und schockierte sie zur gleichen Zeit. Mit seltsam leerem Blick starrten alle in die Richtung aus der die Stimme kam. Das flackern des Lichtes verriet ihr, dass es sich um einen Film, eine Projektion handeln musste, die sie alle wie gebannt verfolgten. Vorsichtig drückte sie die Türe noch etwas weiter auf. Was sie jetzt zu sehen bekam konnte sie genauso wenig verstehen wie die fremdartigen Wörter die sie eben gehört hatte.
Symbole und Bilder. Weiter nichts als Symbole und Bilder auf die die Kinder starrten. Meist martialische, kriegerische Zeichen. Waffen, doch auch Sterne und Halbmonde, Hammer und Kreuze, auch eine Swastika waren zu sehen und darauf konnte sie sich nun wirklich keinen Reim machen.
Die monotone Stimme baute sich weiter auf, schwoll an, wuchs zu einem fanatischen Crescendo. Der starre leblose Ausdruck der Kindergesichter änderte sich nicht. Mit dem anwachsen der Stimme erhellte sich auch der Saal. Erst jetzt konnte sie das ganze Ausmaß erkennen. Das was sie für ein kleines Zimmer hielt, eine kleine Gruppe Kinder, offenbarte sich ihren erstaunten Augen als ein weitflächiger Raum und einer unüberschaubaren Gruppe kindlicher Körper. Es müssen Hunderte, vielleicht sogar Tausende gewesen sein. Grenzenlose aggressiv brodelnde Gewalt schien greifbar und allgegenwärtig.
Ein eigenartiges Gefühl des Grauen bemächtigte sich ihrer, als sie die Kinder nun im hellen Licht etwas genauer betrachten konnte. Eines glich dem anderen, so wie es nur Zwillinge tun. Ein anders Gefühl mischte sich unter ihre Wahrnehmungen. Sie spürte es ganz deutlich, eines der Kinder beobachtete sie, musste es schon die ganze Zeit über getan haben.
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