Bereits morgens, noch vor Sonnenaufgang hatte auf Anordnung des Mädchens eine weitere Entdeckungsreise begonnen. Schon wenn die zweite Sonne ihren täglichen Gang antrat, das hatte auch er schmerzlich erfahren müssen, waren die höllischen Temperaturen für die Natur, geschweige für ein lebendes Wesen kaum noch zu ertragen. Der junge Mann hatte auch heute Mühe, trotz des Rittes auf einem der besten und schnellsten Pferde aus Tomos Stall, mit dem Geparden auf dem das Kind unerschrocken davon preschte, Schritt zu halten.
Noch konnten sie, bevor die zweite Sonne ihre glühenden Vorboten aussandte, die frische Brise der Morgenluft genießen. Die kühle Wärme von Nemesis besaßen schon lange nicht mehr die Kraft auch nur den Tau von den Blättern zu trocknen, das überließ sie nun ihrer großen Schwester, die ihren allmorgendlichen Auftritt mit einem Feuerwerk an Farben ankündigte.
Auch Pasha nutzte die ersten Sonnenstrahlen. Ausgestreckt im Wüstensand ließ er sich die wärmenden Strahlen auf den Bauch scheinen, Masheba und Tarik taten es ihm dann gleich.
Der frühe Morgen war auch seine Zeit zum jagen, denn schon bald danach war es für Mensch und Tier nicht mehr ratsam sich mehr als notwendig zu bewegen oder sich gar im Freien aufzuhalten.
Die zweite Sonne die nun hinter den Bergen aufstieg vergoldete die Ebene die ausgebreitet vor ihnen lag. Ein neuer heißer Tag war am erwachten. Friedlich noch, doch bald schon würden die glühenden Strahlen erbarmungslos herniederbrennen.
Noch hatte die Sonne den Zenit nicht erreicht, noch war Zeit mit ihren neuen Freund, in für ihn unbekanntes Land vorzudringen. Die zwölftausender die wie Mahnwachen einer längst vergangenen Zeit Spalier standen waren auch von weiten zu sehen, doch von hier oben nun, von ihrem Lieblingsplatz aus, mit der Sonne im Rücken, schienen sie eher Überbringer göttlicher Botenschaften mit zugleich zwiespältigem Charakter zu sein.
Drohend…, ahnungsvoll…, faszinierend… Bange Vorahnung einerseits, die aber auch einen Aufbruch in eine ihnen unbekannte Zukunft erahnen ließ.
Vorahnung…? Vorboten…? Tarik fröstelte. Ein Universum im Aufbruch. Kommende Ereignisse - Tarik konnte die Gefahr fast körperlich wahrnehmen - warfen ihre dunklen Schatten voraus… Mögen die Götter mit uns sein.
Masheba ließ ihm keine Zeit sich weiter in Gedanken zu verlieren, sie mahnte zum Aufbruch. Es war spät geworden, die Sonne näherte sich bereits dem Zenit. Das Wissen, dass zuhause schon lange das verspätete Frühstücke auf sie wartete, war ein weiterer Grund dem Pferd die Sporen zu geben.
Es waren glückliche Tage für die Kleine. Sie und Tarik wurden dicke Freunde. Ihre anfängliche Schüchternheit hatte sich schnell gelegt und sorgte nur noch für fröhliches Gelächter. Auch Tarik entkam für kurze Zeit dem Gefühl der Einsamkeit, das seit jenem verhängnisvollen Tag von ihm Besitz ergriffen hatte.
Erfreut über ihren Erfolg den sie beim Imperator verbuchen konnte, wollte man nun schnellstens mit dem Aufbau der Infrastruktur beginnen. Tariks baldiger Abflug mit dem Professor, der ebenfalls mit Besorgnis auf die Ergebnisse ihrer Reise gewartet hatte, war beschlossene Sache. Nun konnte man beginnen das Nötige in die Wege zu leiten. Die benötigten Fachkräfte anzuheuern war nur eine der Aufgaben die zu bewältigen war.
„Onkel Tarik, willst du wirklich schon gehen?“ Treuherzig musterte das Mädchen ihren neuen Freund. „Du musst nicht traurig sein, wir beide können ja heiraten, wenn ich einmal groß bin.“ Zum Abschied drückte sie ihn noch einen langen Kuss auf die Wange - es war bestimmt der feuchteste den er je bekommen hatte.
Onkel Tarik wurde er nur dann genannt wenn sie etwas von ihm wollte, oder wenn sie ihm umgarnte. Ansonsten einfach Tarik.
„Tante du brauchst ihn doch nicht mehr, kann ich ihn jetzt haben?“ Sie trieb es wirklich bunt in den kommenden Jahren. Hannah war ihr nicht böse, die zärtliche Liebe zu ihrer Nichte ließ sie ihren eigenen Schmerz vergessen.
Tarik kehrte so oft es ging nach Ars zurück, doch da es immer noch keine geregelte Flugverbindung gab fielen seine Besuche unterschiedlich aus.
Auch Tomo begnügte sich mit der aktuellen Situation, stellte keine Forderungen an seine junge Frau, und pochte auch nicht auf Erfüllung ehelicher Pflichten. Die Ruhe und die Sicherheit waren durch diese Scheinheirat gewahrt, ihr Zweck war erfüllt.
Die folgenden Jahre vergingen wie im Flug. Man besaß nun ein gut funktionierendes Kommunikationssystem. Bohrtürme standen, Stollen wurden gegraben. Man konnte den Andrang der Freiwilligen aus aller Herren Länder nur eindämmen, indem man immer wieder bewies, dass die großen Mengen an erhofften Bodenschätzen nun doch nicht vorhanden waren.
Man hatte jedoch Erdöl gefunden, etwas das wiederum für den Imperator nicht von Interesse war. Zu aufwendig, zu kostspielig der Transport. Wie Tomo vorausgesehen hatte, der Imperator vergönnte ihnen, wenn auch ungewollt, eine Verschnaufpause.
„Seit unbesorgt mein schönes Kind, solange der Graf von Herso liefert besteht kein Grund Euch euer hübsches Köpfchen zu zerbrechen.“ Diese und ähnliche Kommunikationen des Imperators häuften sich, wie auch seine Einladungen, die nun bald nicht mehr ignoriert werden konnten, wenn ihre diplomatischen Beziehungen, die ihnen bisher von Nutzen waren, nicht gefährdet werden sollten.
„Warum sollten wir Adonay nicht einen Besuch abstatten…? Masha könnte mich begleiten.“ Hannahs Idee wurde von ihrer Nichte mit Begeisterung aufgenommen, auch Tomo nickte mürrisch doch zustimmend mit dem Kopf. Nur Tarik neckte sie: Adonay…? Du nennst den Imperator Adonay…! ich glaube ich sollte dich besser begleiten.
Tomo, Tarik Neckerei ignorierend meinte nur: „Tarik wird dich als mein offizieller Vertreter begleiten, dazu zwanzig unserer besten Männer und Frauen. Der Imperator legt Wert auf Etikette.“ Tomo war ein Mann weniger Worte und somit war die Abreise beschlossene Sache.
Der Weiße Planet lag wie unter einer durchsichtig glänzenden Eisschicht begraben. Nur die gläsernen Kuppeln, die die Städte wie gigantische Seifenblasen überdeckten reflektierten das weit entfernte, kaum noch sichtbare Sonnenlicht.
Gigantische, zerklüftete, unter dem ewigen Eis begrabene Felsen, an die sie sich noch gut erinnern konnte weiteten sich vor aller Augen, während der vom Imperator entsandte Gleiter in die eisige Atmosphäre eintauchte. Das Raumschiff, das sie den weiten Weg nach Ursena befördert hatte, lag angedockt an einer der vielen Raumstationen die den Planeten in sicherer Entfernung umkreisten.
Von der Kabine aus konnte man die unter den gläsernen Kuppeln gelegene Märchenlandschaft sehen. Kristallene Eisskulpturen, von der Natur in Jahrmillionen als einzigartige Meisterwerke der vergänglichen Materie abgerungen, und als unvergängliches Kunstwerk dem Reigen des Erschaffens beigefügt, durchzogen das Land.
Bizarre Formationen, wie nur die Natur sie dermaßen kompromisslos erschaffen kann, soweit das Auge reichte. Ansonsten kein Anzeichen menschlichen Lebens.
Bei ihrem letzten Besuch hatte sie keine Augen für diese seltsame Schönheit, die sich ihr jetzt in eisigem Glanze darbot, zu sehr lag ihr damals das Schicksal ihrer Heimat und auch das eigene am Herzen.
Die Schleuse der großen Kuppel die sie soeben passiert hatten, und die sie nun in ihr Inneres aufnahm, schloss sich genau so lautlos wie sie sich eben geöffnet hatte. Nur das leise summen der Motoren war zu hören. Die eisige Umklammerung und die nächtliche Schwärze die sie noch vor wenigen Sekunden umgab, wichen einem fast tropischen Paradies.
Nun an Tariks Seite nahm sie die Welt mit anderen Augen wahr. Sie wurde wieder das junge Mädchen das ausgelassen über die grünen Wiesen Sovos rannte, Tarik an ihrer Seite, verliebt und unbeschwert.
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