„Und ich hätte sie mir eher in einem alten Volvo vorgestellt“ grinst sie.
„Frau Waldau“ meldet sich jetzt wieder der alte Nachbar zu Wort. „Sie kennen diesen Mann? Und dass sie auch so ein lautes Auto haben…“
„Lassen sie´s gut sein, Herr Mock. Es ist alles in Ordnung.“ Sie packt Theo feixend am Arm und zieht ihn zum Haus. „Los, schnell rein. Der hört sonst nie auf.“
Als die Haustür hinter Ihnen zufällt, ändert sich die Stimmung der beiden schlagartig. Obwohl draußen die Luft vor Hitze steht, ist es im Haus unangenehm kühl. Die Luft ist abgestanden und muffig, durch die Schlitze in den heruntergelassenen Rollläden fällt streifiges, diffuses Licht. Der Ort strahlt eine unwahrscheinliche Traurigkeit aus, eine endgültige, bittere Gewissheit , dass etwas Vergangenes niemals wiederkommt. Durch eine halboffene Tür fällt Theos Blick ins Wohnzimmer, wo im Halbdunkel eine Polstergarnitur für immer vergeblich auf ihre Besitzer wartet. Das kann einem das Herz brechen, denkt Theo, wie mag es dann erst Ruth Waldau ergehen? Als ob sie diesen Gedanken gelesen hätte, sagt Ruth wie um abzulenken : “Ich muss das Haus noch ausräumen lassen, bevor ich es verkaufe. Lassen sie uns jetzt in den Keller gehen, dort müssen Beas Sachen sein.“ Theo nickt nur verständnisvoll und folgt ihr nach unten.
Im Keller ist es noch schlimmer als oben, weil hier alle Erinnerungen an die Kindheit der Waldau-Schwestern zusammengetragen sind: Kinderbettchen, Bilderbücher, Teddybären, Puppen, das ganze Arsenal, sorgfältig aufgestapelt und in durchsichtige Folien verpackt. Theo bemerkt, wie Ruth versucht, nicht zu den Regalen hinzuschauen und mit starrem Blick auf einen Umzugskarton in der Ecke zusteuert. Sie packt ihn und sagt mit gepresster Stimme: „da sind Beas Sachen drin.“ Theo nimmt ihr den Karton aus der Hand, er ist nicht sehr schwer.
„Wollen wir nicht raus in den Garten gehen und die Sachen dort anschauen? Da haben wir mehr Licht.“ Ruth nickt nur, aber ihr ist die Erleichterung deutlich anzusehen. Oben zieht Theo im Wohnzimmer den Rollladen hoch und tritt auf die Terrasse, auf der wie erwartet ein Gartentisch und Stühle stehen. Theo stellt den Karton ab und schaut Ruth an, sie hat sich wieder gefangen. „Dann wollen wir mal, Herr Strack,“ sagt sie und macht den Deckel auf.
15
Ruth fördert den Inhalt des Kartons von oben nach unten auf den Tisch. Wenn sie dabei Kummer und Schmerz empfinden sollte, so zeigt sie es jedenfalls nicht. Was vom Leben übrig bleibt, passt in einen Karton, sinniert Theo düster.
Zuoberst liegt eine samtbezogene Schmuckschatulle, einige wenige Stücke drin, hübsch, aber nicht sehr wertvoll. Keine verdächtigen Gravuren. Dann ein Ordner mit Schul-Universitäts-und Arbeitszeugnissen, ohne Notizen oder Anmerkungen, die dort nicht hingehören. Ausweis, Pass, Führerschein, Mitgliedskarten – ohne verwertbaren Befund. Der Mietvertrag ihrer Wohnung – auch nichts. Ein Fotoalbum mit Kindheitsbildern, die Waldau-Schwestern in verschiedenen Altersstufen, allein oder mit den Eltern, kann man vergessen, das war vor der Zeit. Zuletzt ein Album nur mit Bildern von Beatrix Waldau und Frank Stiller. Einen Teil der Aufnahmen kennt Theo schon, dieselben Bilder hat er in Frank Stillers Wohnung an der Wand hängen gesehen. Auch das Foto von Beatrix im Straßencafe, das er sich eingesteckt hat. Theo reibt sich resigniert die Augen. Das Album war das letzte Stück in dem Karton. Seine einzige Spur hat sich offenbar als Sackgasse, als Hirngespinst erwiesen. Der Wunsch als Vater des Gedankens. Nix gibt´s. Aus und vorbei.
Theos finstere Gedanken werden von einem Lachen unterbrochen. „Das ist drollig“ sagt Ruth und deutet auf ein Foto. Es zeigt Beatrix, die Hände rechts und links vom Gesicht erhoben, die Finger zu Krallen gekrümmt. Ihr Oberkörper ist nach vorn gebeugt, und sie starrt mit Furcht erregender Grimasse in die Kamera. „Wir haben als Kinder ab und zu Gespenster gespielt“ sagt Ruth versonnen. „ Bea war jedes Mal die „blutige Gräfin von Ungarn“, und dabei hat sie sich immer ganz genauso hingestellt. Diese Positur hat sie offenbar nicht vergessen.“ Theo nimmt Ruth das Album aus der Hand und schaut sich die Aufnahme genauer an. Beatrix steht vor einem gelb gestrichenen Gebäude, das offenbar ziemlich alt ist. An der Fassade des Gebäudes ist ein schmiedeeisernes Auslegerschild befestigt. Statt eines Zunftzeichens oder Hinweis auf ein Wirtshaus, wie bei diesen Schildern sonst üblich, hängt an dem Ausleger ein weltweit bekanntes Symbol. Weltweit bekannt, aber an dieser Stelle eher merkwürdig. Es ist ein Pentagramm, auch Drudenfuß genannt.
„Gilt allgemein als Bannzeichen gegen böse Geister“ sagt Theo halblaut vor sich hin. „Was?“ Ruth guckt verwirrt. Theo macht eine abwehrende Handbewegung. Ihm ist ein Gedanke gekommen, er braucht noch etwas Zeit. Theo starrt auf das Foto. Dann legt er das Album auf den Tisch, schaut Ruth direkt in die Augen und sagt langsam: „Frank Stiller fotografiert ihre Schwester, wie sie gerade Gespenst spielt. Direkt vor einem Haus, an dem ein Zeichen gegen böse Geister hängt. Ist ihr das damals spontan eingefallen? Oder waren sie in dem Haus drin oder wollten sie gerade rein? Soll das zeigen, dass der Drudenfuß gegen Geister nicht wirkt ? Oder sie doch daran hindert, das Haus zu betreten? Geister sind was für Parapsychologen. Frank Stiller soll laut seinen Eltern an etwas dran gewesen sei, das mit normalen wissenschaftlichen Maßstäben nicht mehr beurteilt werden kann. Etwas Gefährliches. Etwas Parapsychologisches? Mit Geistern? Frank kommt auf eine Art ums Leben, für die, wenn überhaupt, nur Parapsychologen eine Erklärung haben könnten. Hat das alles etwas mit diesem Haus zu tun? Gibt es da einen Zusammenhang?“
Ruth runzelt die Stirn.“ Kommt mir ziemlich konstruiert vor. Schwimmen ihnen die Felle weg, Herr Strack?“ Theo lässt sich nicht beirren. Er nimmt das Album wieder in die Hand und studiert die Bildunterschrift. Ort und Zeit sind darauf vermerkt. „Das muss wenige Wochen vor ihrem Tod gewesen sein. In Graz. Ich sag ihnen was: Lassen sie mich das Foto mitnehmen, ich werde dieses Haus ausfindig machen, schauen was da los ist und die Leute dort fragen, ob sie Frank oder Beatrix je gesehen haben. Wenn was rauskommt, ist gut, wenn nicht, kriegen sie ihr Bild zurück und hören nie wieder von mir.“ Ruth überlegt kurz, dann nimmt sie das Foto aus dem Album, legt es vor Theo auf den Tisch und sagt:“ Abgemacht, Herr Strack. Sagen sie mir Bescheid, wenn sich was Neues ergibt?“ Sie gibt Theo ihre Visitenkarte.
„Muss ich erst die Stillers fragen, sind schließlich meine Auftraggeber“ gibt Theo zu Bedenken, steckt die Karte aber ein.
„Kein Problem“ meint Ruth, „sie können schon nach München zurückfahren, ich muss hier noch ein bisschen aufräumen.“ Das ist Theo nur recht, da sein Körper bereits die frühabendliche Ration Cardenal Mendoza anmahnt. Er bedankt sich bei Ruth und macht dann, dass er wegkommt. Den alten Nachbarn sieht er diesmal nicht.
Irgendwer ist immer unterwegs
16
Während Theo nach Hause fährt, sucht in der ersten Klasse eines soeben gelandeten Flugzeugs aus Nassau auf den Bahamas ein drahtiger Mann sein Handgepäck zusammen. Er ist etwa fünfzig und hat kurze, graue Haare. Seine Gesichtszüge mit der prägnanten Hakennase und seine Haltung verleihen ihm etwas militärisch-aristokratisches. Man könnte ihn für einen hohen Offizier halten. Doch auf seiner Visitenkarte steht „Sebastian Carras, Rückversicherungen, Nassau“ Keine Adresse, keine Telefonnummer.
Rückversicherungen decken Risiken ab, die Versicherungen aus eigenen Mitteln nicht mehr bezahlen können. Sozusagen die Versicherung der Versicherung. Rückversicherungen sind ein äußerst diskretes Geschäft. Auf den Bahamas, den Cayman-Inseln und anderen Steueroasen gibt es Rückversicherungen, die vor lauter Diskretion so schwierig anzusprechen sind, dass man eher noch eine Audienz beim Papst kriegt. Sebastian Carras fühlt sich in diesem Umfeld wohl. Auch sein wirkliches Geschäftsfeld lebt von Diskretion. Auch er ist schwierig anzusprechen. Seinem neuen Klienten in München ist es nur über Umwege gelungen, ihn zu beauftragen. Und wie eine Rückversicherung befasst sich auch Carras mit Risiken, die anderweitig nicht mehr zu beherrschen sind. Aber nicht mit Geld. Er eliminiert sie.
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