„Ich denke schon, warum?“
„Weil ich ihnen dann einen Platz in der Tiefgarage reservieren lasse.“ Als Theo noch sagen will, dass er in üblichen Münchner Tiefgaragen für sein Auto zwei Stellplätze braucht, hat Ruth Waldau schon aufgelegt.
10
Am nächsten Morgen sagt Olga: “Herr Hummel wäre jetzt da.“ Ach du lieber Gott, den hat Theo total vergessen. Das wird wieder was werden, denkt er sich, ich will gar nicht wissen, was er diesmal verhunzt hat.
Albert Hummel ist sozusagen Theos Lehrling. Hummel wollte eigentlich Polizist werden, hat aber den Fitnesstest nicht bestanden. Außerdem ist er dem Flaschengeist zugetan, ein Umstand, der ihn mit Theo zusammengebracht hat. Theo weiß, dass sich Privatdetektive nur im Fernsehen kilometerlange Verfolgungsjagden zu Fuß liefern und ganze Fußballmannschaften zum Karateduell herausfordern. Daher hat er sich in einem weinseligen Moment entschlossen, Hummel als Bruder im Geiste eine Chance zu geben und ihn als Privatdetektiv auszubilden.
Hummel erweist sich als willig, aber schwach. Tollpatschig wäre der richtige Ausdruck. Erst neulich hat er sich bei der Observation einer untreuen Ehefrau mit seiner Kamera so ungeschickt verhalten, dass er als vermeintlicher Voyeur verhaftet und nur auf Theos Intervention wieder freigelassen worden ist. Die Ehefrau war natürlich weg.
Jetzt steht also Albert Hummel, der mit seiner schmächtigen Figur wie ein Schulbub ausschaut, vor Theo und schaut irgendwie schuldbewusst drein. „Setz dich, Hummel, und erzähl mir, wie du mit deinen Fällen weitergekommen bist.“ Theo gibt Hummel kleinere Aufträge, an denen er sich erproben soll. Hummel berichtet. Es ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Da kommt Theo eine Erleuchtung. Er weiß, wofür er Hummel als nächstes einsetzen wird.
Stell dir vor, der Euro-Industriepark ist ein Wald, denkt Theo. In dem Wald ist ein Keiler, das ist der Südamerikaner mit dem Kapuzenpulli. Ich bin der Jäger, der den Keiler erlegen will. Was macht der Jäger, damit er seine Beute vor die Flinte kriegt? Sucht er stundenlang im Unterholz? Nein, er lässt den Keiler aufscheuchen. Dann braucht er nur zu warten, bis der Keiler zu ihm herauskommt. Das Prinzip der Treibjagd. Funktioniert todsicher. “Hummel, ich habe einen neuen Auftrag für dich.“
Theo erzählt, was geschehen ist, beschreibt den Südamerikaner und sagt: „Hummel, das ist der Mann den wir suchen. Er hat wahrscheinlich auf mich geschossen und ist sehr gefährlich. Versuch keinesfalls ihn selbst zu finden oder gar zu stellen. Wenn du durch Zufall auf ihn triffst, merk dir nur wo das war und hau so schnell ab, wie du kannst. Kapiert? Spiel ja nicht den Helden.“ Hummel schluckt und nickt eifrig. „Du sollst ein Gerücht streuen“, fährt Theo fort, „ geh in den Euro-Industriepark und gib dich als freiberuflicher Journalist aus. Sag, du wärst da an einer Story dran über einen Mordanschlag auf den Privatdetektiv Strack. Sag, dass du gehört hast, Strack sei überzeugt, der Täter würde hier im Industriepark sich aufhalten oder arbeiten. Strack wäre jetzt noch anderweitig beschäftigt, werde aber in wenigen Tagen herkommen und dann hier nach dem Mann suchen. Es soll sich um einen Südamerikaner handeln, aber genau wüsstest du das nicht. Nur das Strack hierher kommen wird. Frag, ob jemand dazu was weiß, das wäre wichtig für deine Story, und dass du dir Infos dazu ordentlich was kosten lässt. Wende dich an Sicherheitskräfte, Hausmeister, Gebäudeverwalter, Leute die überall hinkommen und immer über alles informiert sind. Noch Fragen?“ Hummel schüttelt den Kopf, so einen Auftrag hat er noch nie gehabt.
„Gut, dann geh jetzt raus zu Olga, sie wird dir Phantasievisitenkarten ausdrucken und ein Prepaidhandy geben, das du nur für diesen Auftrag benutzt. Anschließend mach dich auf die Socken, jeden Tag Bericht an mich.“
„ Jawoll, Chef!“ sagt Hummel markig. Er fühlt sich geehrt.
„Und Hummel“ ruft Theo ihm noch nach, „Ja?“ „Sei vorsichtig.“
Als Hummel gegangen ist, muss Theo noch zwei Vorkehrungen treffen. Denn was macht der Keiler, nachdem die Treiber ihn aufgescheucht haben? Variante eins: Er versucht zwischendurch zu entkommen. Variante 2: Er geht auf den Jäger los. Auf beide Möglichkeiten muss man vorbereitet sein.
Variante eins: Dass der Täter jetzt entkommt, muss Theo in Kauf nehmen. Denn um ihn aufzuhalten, müsste Baer und sein Polizeiapparat eingeweiht werden. Das will Theo im Moment aber nicht, weil er noch nicht weiß, inwieweit der Anschlag mit dem Stiller-Auftrag zusammenhängt. Und bei dem will er Baer nicht dabeihaben. So legt er alle Erkenntnisse und Verdachtsmomente gegen den Südamerikaner schriftlich nieder und verschließt das Schreiben in einem Umschlag. Den hinterlegt er bei Olga mit der Weisung, den Umschlag sofort an Baer zu übergeben, falls ihm etwas zustoßen sollte.
Fehlt noch Variante 2. Wenn der Keiler angreift, darf der Jäger nicht danebenschießen. Habe ich nicht vor, denkt Theo, holt seine neun Millimeter Glock aus der Schublade und steckt sie ein.
11
Der erste Tag von Hummels Undercover-Aktion verläuft erfolglos. Niemand will etwas gehört, gesehen oder gewusst haben. Und wenn, dann sagt er es nicht. Aber schon tags darauf ruft Hummel aufgeregt an: „Chef, ich glaub wir haben was. Gerade hab ich mit drei Männern von einem Sicherheitsdienst geredet, die sind auch sonntags da. Zuerst haben alle gesagt, so einen Mann haben sie nie gesehen. Aber nachdem ich gegangen bin, ist mir einer von denen nachgelaufen. Er war ganz nervös und hat sich dauernd umgedreht, ob ihn auch keiner sieht. Er meinte, er wüsste da was und ich soll ihn morgen Abend im Weißen Bräuhaus treffen.“
„Gut“, antwortet Theo, „geh hin, aber sei vorsichtig. Und morgen unter Tags noch weiterhin im Industriepark umschauen.“
„Geht klar, Chef“ sagt Hummel eifrig. Das Jagdfieber hat ihn gepackt.
Am Montag Abends um zehn läutet Theos Handy. Es ist Hummel.
„Chef, ich habe zwei Stunden gewartet, aber der Mann ist nicht gekommen.“ “Mist“ entfährt es Theo, „dranbleiben“. Hoffentlich verläuft mein Termin mit Ruth Waldau übermorgen besser, denkt er. Aber er ist zuversichtlich. Wenn es mit Hummel einen Schritt zurück geht, muss es mit Ruth Waldau eben vorwärts gehen.
Am Mittwoch überlegt sich Theo ernsthaft, zu diesem Anlass einen Anzug anzuziehen, lässt es dann aber doch bleiben. So bleibt es bei Chinos, Sakko und Sneakers, nur dass Chinos und Sakko heute frisch aus der Reinigung kommen. Die Glock nimmt er auch mit, man weiß ja nie.
Theo erreicht das gediegene, aber unauffällige Gebäude, in dem sich die Kanzlei befindet und drückt die Ruftaste an der Tiefgarageneinfahrt. „Herr Strack, ja, für sie ist reserviert, Stellplatz zwölf, rechts in der Mitte.“ Stellplatz zwölf, und dann auch noch in der Mitte, denkt Theo unfroh und sieht sich schon wie wild herumrangieren. Wie sich zeigt, sind seine Befürchtungen unbegründet. Die Stellplätze in dieser Garage sind für Fahrzeuge ab S-Klasse Langversion aufwärts ausgelegt. Mühelos fährt sein Grand Am in die Lücke. Theo steigt aus und sieht sich um. Den geparkten Autos nach wohnen hier nur Ölscheichs. Sein Grand Am passt dazu wie ein besoffener Rocker zum Elternabend der Montessori-Schule. Theo betritt den Aufzug, der ihn lautlos in den zweiten Stock bringt.
Der ist komplett von Ruth Waldaus Kanzlei belegt, die in echt noch umwerfender aussieht wie im Internet. Teppichboden aus englischer Wolle, der jeden Laut schluckt, Mahagoni, Chrom, Glas, Leder, an der Wand Fotografien von Ansel Adams. Hinter dem Empfang schenkt ihm eine schlanke Blondine ihr Filmstarlächeln.
„Guten Morgen, Herr Strack,“ sagt sie. Woher kennt die mich? fragt sich Theo, lässt sich aber nichts anmerken.
„Frau Rechtsanwältin hat gleich Zeit für sie. Wenn sie nur noch für einen Moment hier warten würden?“ Sie geht voraus und bringt ihn in ein geräumiges Wartezimmer, wo Theo in einem Ledersofa von der Größe eines Kleinwagens versinkt.
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